Grand Prix auf dem Sachsenring (Archivversion) Die Legende lebt

Seriensieger Rossi sucht seine Gegner seit Neuestem in der Vergangenheit – und zog am Sachsenring mit dem unsterblichen Helden Mike Hailwood gleich.

Valentino Rossi reiste mit unglaublichen 104 Punkten Vorsprung im Gepäck zum Sachsenring, von Rivalen im Kampf um den MotoGP-Titel 2005 sprach längst niemand mehr. Eher davon, dass der Superstar bei seinem 150. WM-Lauf die Gelegenheit hatte, mit den insgesamt 76 GP-Siegen von Mike Hailwood gleichzuziehen. »Wenn ich in der Gegenwart keine Gegner mehr habe, muss ich sie mir eben in der Vergangenheit suchen«, kommentierte Rossi mit gewohnter Schlagfertigkeit. »Ich habe nie viel auf Zahlenspiele gegeben, doch mit ,Mike the Bike’ gleichziehen zu können ist wirklich ein außergewöhnliches Gefühl. Er war für viele der Größte, für andere war es Agostini. Ich habe keinen der beiden Rennen fahren sehen, trotzdem ist es eine tiefe Befriedigung, mit Hailwood auf einer Stufe zu stehen. Er fuhr mit allen Motorrädern schnell, hatte einen schönen Lebensstil, war ein echtes Aushängeschild. Er fuhr Autorennen und war auch auf vier Rädern schnell. Und als er sein Comeback als Motorradrennfahrer gab, hat er sofort die Tourist Trophy gewonnen – ein echtes Fenomeno«, bemühte Rossi einen Titel, den er selbst lange führte. »Ich bin schon sehr zufrieden mit dem, was ich bisher erreicht habe. Aber vielleicht gelingt es mir noch, den 90fachen GP-Sieger Angel Nieto einzuholen, 15 weitere Siege sind vorstellbar.« Und Giacomo Agostinis 122 Erfolge? »Möglicherweise«, sagt Rossi, »doch das wird sicher nicht einfach.« Wenn alle Rennen wären wie der Lauf auf seiner Lieblingsstrecke in Donington Park eine Woche zuvor, käme die Rekordjagd einem Spaziergang gleich. Bei strömendem Regen und zwölf Grad Lufttemperatur fror Rossi zwar so erbärmlich, dass er auf dem Siegerpodest wie Espenlaub zitterte. Im Griff hatte er seine Gegner trotzdem. Seelenruhig wartete er ab, bis sich das Chaos mit insgesamt zwölf Stürzen auf der glitschigen Piste gelegt hatte, knöpfte Alex Barros sieben Runden vor dem Ende die Führung ab und deklassierte seine Verfolger bis zum Zieleinlauf förmlich – den aufgerückten Sensationszweiten Kenny Roberts distanzierte er bis ins Ziel um über drei Sekunden, und in der 24. von 29 Runden legte er trotz Aquaplaninggefahr eine Rundenzeit hin, die um mehr als zwei Sekunden schneller war als die des zweitschnellsten Piloten Alex Barros. Rossi ulkte, er habe statt eines Motorradrennens eine Bootspartie erlebt. Yamaha feierte, weil man sich auf einem einsamen Gipfel wähnte.
Dann aber kam das Rennen am Sachsenring, und als es dort ernst wurde, musste der Champion feststellen, dass es doch noch mehr gab als nur Sparringspartner. Gleich nach zehn Minuten Training baute Rossi seinen ersten Sturz der Saison, fand danach nur mühsam zum alten Schwung zurück und sah am Ende des Tages nicht weniger als zwölf seiner MotoGP-Kollegen vor sich in der Zeiten-liste. »Der Streckenteil, auf dem ich am schnellsten bin, ist der zwischen meinem Wohnmobil und der Box. Alles andere ist ein Desaster«, stöhnte er. »Im zweiten Eck, einer langen Linkskurve, ist mir das Vorderrad weggerutscht. Dort liegt auch das Problem: Fast alle Stürze am heutigen Tag sind übers Vorderrad passiert, wir können nicht ohne Sturzgefahr angreifen. Jedes Jahr wird dieser Kurs welliger. Es ist unmöglich, das normale Set-up zu benutzen, das sonst immer funktioniert.« Im Abschlusstraining tags darauf parkte er seine Yamaha in der für ihn unüblichen zweiten Reihe und grinste, jetzt seien die Gegner, die er regelmäßig abstrafe, herzlich zum Zurückschlagen eingeladen. Das war freilich nur eine Finte – in Wirklichkeit hatte ihm ein radikaler Umbau seiner Maschine wieder das nötige Gefühl fürs Vorderrad beschert, und die Pole Position entging ihm lediglich wegen eines kleinen Fehlers im letzten Streckenteil.
Im Rennen war der Weltmeister dann wie gewohnt zu Stelle. Erst als Dritter hinter Nicky Hayden, der sich seinen 24. Geburtstag am Samstag mit der Trainingsbestzeit versüßt hatte, dann als Zweiter hinter seinem Paradegegner Sete Gibernau, der die meiste Führungsarbeit im Rennen absolvierte und auf seinen ersten Saisonsieg hoffte.
Vor der letzten Runde brachte sich Rossi schließlich in unmittelbare Schlagdistanz, doch diesmal reichte allein schon die Drohung mit der Keule – Gibernau verlor die Konzentration und verbremste sich eingangs der letzten Runde, womit er dem Weltmeister den Sieg auf dem Silbertablett überreichte. »Ich habe auf meine Boxentafel geschaut und mich von den Gesten meines Teams ablenken lassen. Diese Zehntelsekunde reichte – und plötzlich war die Kurve da«, schilderte Gibernau. »Zuerst dachte ich, ich hätte Hayden ein verspätetes Geburtstagsgeschenk gemacht. Leider war es Rossi...« Der lachte sich natürlich ins Fäustchen. »Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass wir das Motorrad radikal revolutionierten, doch die Arbeit hat sich ausgezahlt. Ich wusste schon vor dem Rennen, dass heute ein guter Tag werden würde. Ich hoffte auf ein großes Finale mit Gibernau, aber er machte einen Fehler, und alles wurde viel leichter«, erzählte der Seriensieger, dem sein Fanclub für die Ehrenrunde eine Fahne mit der Aufschrift »76 Rossi, 76 Hailwood – I’m sorry, Mike« in die Hand gedrückt hatte. »Es ist nie angenehm, wenn ein Ausnahmefahrer plötzlich von jemandem eingeholt wird, deshalb habe ich mich entschuldigt. Das war zudem eine gute Gelegenheit, Mike Hailwood bei den Fans in Erinnerung zu rufen«, schmunzelte er.
Einer Reihe weiterer Fahrer war nicht zum Scherzen zumute. So hatte KTM-Proton-Pilot Shane Byrne »den besten Start seines Lebens«, geriet dabei jedoch zu weit nach innen und stolperte deshalb bereits in der ersten Kurve über das Hinterrad von Carlos Checa, der von außen hereinzog. Zwei Meter neben ihm bohrte sich gleichzeitig Kawasaki-Wild-Card-Pilot Olivier Jacque ins Heck von Alex Hofmann, worauf der Lokalmatador seinem franzö-sischen Teamkollegen nach dem unvermeidlichen Sturz der beiden mit bitterer Ironie applaudierte.
Während Hofmann nur den sportlichen Misserfolg wegstecken musste, erlebte sein Freund John Hopkins den zweiten spektakulären Highsider des Wochenendes, bei dem sich ein gebrochener Knochen in seinem linken Fuß erneut verschob. Weil Mann und Maschine hart auf dem Asphalt landeten und dort erst einmal liegen blieben, wurde das Rennen abgebrochen und für die verbliebenen 25 Runden neu gestartet.
Schon das Rennen der 125er-Klasse war abgebrochen worden, weil das Motorrad von Exweltmeister Manuel Poggiali nach einem Sturz mitten auf der Piste lag. Da nur noch sechs Runden zu fahren waren, galt das Rennen als beendet, der zu diesem Zeitpunkt führende KTM-Pilot Mika Kallio durfte sich über seinen zweiten Saisonsieg freuen. »Eigentlich wollte ich Kallio im Finale angreifen, doch dazu bin ich wegen des Unfalls nicht mehr gekommen«, erklärte Thomas Lüthi, der zunächst souverän geführt und den Finnen danach eng bewacht hatte. Der Podestplatz war trotzdem ein Grund zum Feiern für den Schweizer Teenager und seinen bayerischen Cheftechniker Sepp Schlögl, denn in der Weltmeisterschaft führt auch Beständigkeit zum Ziel – Lüthi liegt seit dem Deutschland-GP wieder mit drei Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze.

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