Grand Prix auf gut Deutsch (Archivversion)

Wo bleibt unser neuer Grand-Prix-Held? Inzwischen
sind die deutschen Fans so ausgehungert, dass
sie jeden noch so kleinen Erfolg eines Piloten feiern,
der nur irgendeinen deutschen Dialekt spricht –
Schwyzerdütsch und Österreichisch inbegriffen. Doch neben fahrerischem Talent ist zum Sprung an die
Spitze auch eine Stange Sponsorgeld nötig. Das ist in deutschsprachigen Gefilden seit Jahren Mangelware.

Dirk Heidolf und sein deutscher Teamchef
Stefan Kiefer hatten vor dem 16. Platz im 250er-Rennen eine kleine Feierstunde: Sie nahmen den
Sachsenring-Grand-Prix zum Anlass für die feierliche Unterzeichnung einer Absichtserklärung, die den
Hohenstein-Ernstthaler für weitere zwei Jahre an das Aprilia-Team aus Idar-Oberstein bindet – wenn er, wie bisher, die nötige finanzielle Mitgift auftreibt.
»Weltmeister wird Heidolf nicht mehr. Doch ein tüchti-
ger Geschäftsmann ganz bestimmt«, urteilte Beobachter Mario Rubatto mit gewohnter Präzision. In der Stimme des Oberschwaben schwingt ein bisschen
Bewunderung mit für den fast 30-jährigen Sachsen, der es in den letzten vier Jahren nicht unter die
ersten 20 der 250er-WM geschafft hat, kraft treuer Sponsoren wie der Sparkasse Chemnitz aber trotzdem hartnäckig seinen Platz im Feld behauptet.
Dabei bleibt es freilich auch. Alle Versuche, sportlich an die Weltspitze vorzustoßen, sind nicht nur wegen Heidolfs moderaten Fahrtalents, sondern auch
wegen der damit verbundenen Kosten zum Scheitern verurteilt. Um Heidolfs anerkannt schnellerem Team-
kollegen Anthony West eine Saison auf reinrassigen Werksmaschinen anbieten zu können, müsste Kiefer 1,5 Millionen Euro zusätzlich auftreiben. Selbst ein
Set gebrauchter Top-Motorräder würde 750000 Euro verschlingen, die Kiefer derzeit einfach nicht zur
Verfügung hat. »Die Chancen, dieses Budget zu finden, stehen fünfzig zu fünfzig. Vielleicht auch geringer«, grinst Kiefer, fast noch optimistisch.
Geldgeber mit der Bereitschaft, sechs- oder siebenstellige Summen in die 250er-Klasse zu investieren, sind im deutschen Sprachraum dünn gesät, weshalb Mario Rubatto auch nur als Besucher zum Sachsenring
anreiste und gleich gar nicht den Versuch machte, mit seinem Schützling, WM-Superbiker Max Neukirchner, auf Arbeitssuche in der 250er-WM zu gehen. »Wenn du dich bei einem guten Team mit Aussicht auf Spitzenplätze einkaufen willst, musst du sehr viel Geld mitbringen. Und die Sponsoren fragen sich: Welchen Gegenwert kriegen sie in einer Klasse, die so klar im Schatten der MotoGP-Serie steht?« erläutert Rubatto. Wie schwer selbst bescheidene Anfänge in der 250er-Klasse mittlerweile geworden sind, zeigt das Beispiel von Meik Minnerop. Der 16-jährige Siegener, der eine Saison in Alberto Puigs MotoGP-Akademie in Spanien verbrachte und wegen seiner kräftigen Statur mit mittlerweile
64 Kilogramm ausgemustert und für die 125er-Klasse als zu schwer erachtet wurde, bestreitet derzeit die 250er-Europameisterschaft. Allerdings gehen die
Kosten für die Technik seiner Honda und für die vielen Fernreisen so ins Geld, dass Teamchef und Betreuer Hans Becker nach dem Wild-Card-Einsatz am Sachsenring das Handtuch wirft, falls kein Wunder geschieht und doch noch ein Goldesel auftaucht. »Ich habe das dieses Jahr mit Meik gemacht, weil es jammerschade ist, so jemand keine Chance zu geben. Er ist jung, talentiert, könnte in der WM Fuß fassen – doch es ist einfach kein Geld mehr da. Alles, was für dieses Projekt zusammengekommen ist, ist mittlerweile endgültig verbraten. Sponsoren sind nicht zu finden.«
Zu den wenigen Finanzjongleuren, denen es in den vergangenen Jahren immer wieder gelang, neues
Geld und neue Perspektiven aufzureißen, zählt Dieter Theis. Der Bochumer Rennsportmanager, der Alex Hofmann von seinen ersten Fahrversuchen auf der Straße bis in die MotoGP-Klasse gebracht hat, nimmt deshalb nun auch den 17-jährigen Joshua Sommer aus Husby unter seine Fittiche. Wie Minnerop hat Sommer ein Jahr in der MotoGP-Academy zugebracht und mit einem guten Zeugnis von Oberlehrer Alberto Puig abgeschlossen. »Wegen häufiger Stürze muss
er an seiner Konzentration arbeiten, ist auf der Rennstrecke ansonsten aber sehr gut und motiviert«, ließ
er Theis wissen.
Der Eindruck bestätigte sich beim EM-Lauf im Rahmen des 500-Kilometer-Langstrecken-WM-Rennens in
Assen, bei dem sich Sommer für den eigens angereisten Theis besonders ins Zeug legte. »Er ist trotz 40 Grad Fieber in den Sattel gestiegen, total verschwitzt und krank. Dieser Einsatz hat mich sehr beeindruckt«, erklärte Theis, der eine wichtige weitere Voraussetzung für Sommers Erfolg gleich beim Doktor klären ließ: Ein Endokrinologe stellte anhand des Knochenwachstums in Sommers Hand fest, dass der Teenager nur 1,77 Meter groß werden und damit nicht wie der 1,82 Meter messende Hofmann über die akzeptierten 250er-Maße hinauswachsen wird.
Beim Deutschland-GP konnte Sommer wegen eines schweren Trainingssturzes – doppelter Armbruch, Schädelhirntrauma – nicht starten, doch sieht Theis ihn wegen der bescheidenen finanziellen Mittel seines RZT-Aprilia-125-Teams vor allem technisch am Limit. »Joshua muss in die 250er-Klasse und dort vollkommen ohne Druck zwei Jahre fahren können. Ich habe bereits mit zwei Teams Kontakt, in denen er gegen Zahlung einer entsprechenden Mitgift unterkommen könnte«, verriet Theis. »Meine Aufgabe wär’s, das Geld zu beschaffen.«
Unter normalen Umständen führt der Weg in die Weltspitze nicht über die 250er, sondern die 125er-Klasse. Wie bei Sandro Cortese, der seinem berühmten Teamkollegen Thomas Lüthi auf dem Sachsenring schon
im Training davonfuhr und zwei Ränge vor dem Weltmeister den elften Startplatz belegte, bevor er im Rennen 13. wurde. Der 16-jährige Schwabe hat mit dem professionellen Elit-Team um den erfahrenen Cheftechniker Sepp Schlögl einen Lottogewinn gelandet.
Ein derart viel versprechendes Umfeld ist für deutsche Fahrer sonst nur noch bei KTM zu finden, wo Großsponsor Red Bull ermöglicht, dass sich in diesem
Jahr gleich zwei Juniorenteams um den talentiertesten deutschsprachigen Nachwuchs bemühen. Nachdem der Bayer Stefan Bradl und der Österreicher Michael Ranseder 2006 von der Internationalen Deutschen Meisterschaft (IDM) in die WM aufstiegen, haben
ihre Nachfolger, der Schweizer Randy Krummenacher und der Allgäuer Robin Lässer, gleich auf Anhieb das IDM-Zepter übernommen.
Wo Licht ist, ist freilich meist auch Schatten. Dass Ranseder von KTM-Juniorenkoordinator Konrad Hefele während der Saison 2005 wegen seiner besseren Platzierungen einmal als Nummer-eins-Pilot bezeichnet wurde, führte zu einer Krise mit Stefan Bradls Vater Helmut, die bis heute schwelt. Das Vertrauensverhältnis zwischen dem bayerischen Techniker Hefele und dem Ex-Vizeweltmeister war zerbrochen, stattdessen kam es zu einem Der-oder-ich-Fingerhakeln. Hefele blieb schließlich IDM-Junioren-Betreuer, die Leitung des GP-Juniorenteams übernahm Dieter Stappert.
Dass sich danach alles besserte und zwischen dem neuen Teamchef und der Bradl-Familie eine innige Freundschaft ausbrach, darf bezweifelt werden. Helmut Bradl und Dieter Stappert waren bereits zu
den glorreichen HB-Honda-Zeiten Anfang der 90er Jahre unter einem Dach, das Verhältnis blieb jedoch trotz aller Erfolge unterkühlt. An dieser emotions-
losen Art hat sich auch unter neuen Vorzeichen, mit Sohnemann Stefan als Fahrer und Papa Helmut als Berater, nichts geändert.
Ehrgeizige Väter seien einem rennfahrenden Sohn selten förderlich, sagen viele und stellen die Frage, warum sich Helmut Bradl nicht einfach zurückzieht und seinen Sohn den eigenen Weg im Team gehen lässt. »Ich
bin dabei, weil mir keiner was erzählen kann und weil ich alles schon erlebt habe. Und wenn einer einen 20. Platz schönredet, sage ich knallhart: Oben wird die Luft noch viel dünner. Stefan hat heuer nicht das dazugelernt, was wir erwartet haben, und ich kann nur hoffen, dass er den nötigen Biss, die nötige Bösartigkeit wieder findet«, erklärt Helmut Bradl zu der bislang eher mittelprächtig verlaufenen ersten GP-Saison seines 16-jährigen Sprösslings. Soweit der ehrgeizige Teil.
Gleichzeitig nimmt er seinen Stefan auch in Schutz. »Mit 16 sind viele noch Kinder, und du kannst sie nicht alle in einen Topf werfen.« Bradl »kennt seinen Buben« und hält ihn für viel »zu schüchtern, um sich in einen Flieger reinzusetzen« und sich beispielsweise als Bayer mit ein bisschen Schulenglisch im spanischen Umfeld von Alberto Puigs Rennfahrerschule durchzuschlagen.
Bradl will weder »über die nächsten Jahre in der Weltgeschichte herumfliegen« noch einer jener Väter sein, die als pures Beiwerk »durchs Fahrerlager spazieren.« Doch er will seinem Buben so lange helfen, wie er ihn braucht. Manchmal hat Stefan diesen Beistand tasächlich nötig – wie in Barcelona, wo er bei seinem ersten Sturz eine Gehirnerschütterung erlitt, tags darauf nochmals zu Boden ging, weil er einen zu harten Reifen drauf hatte, und unmittelbar darauf ein drittes Mal umkippte, weil sich ein Stein am Lenkungsdämpfer verklemmt hatte. In falscher Einschätzung der Sachlage belegten ihn die Ärzte daraufhin mit Startverbot.
Noch schlimmer erwischte es Michael Ranseder, der sich bei einem Test-Sturz in Brünn das Becken anriss. Während es derzeit bei den GP-Junioren hapert, gelang es einem der IDM-Grünschnäbel, für Furore zu sorgen: Randy Krummenacher, nach einem Beinbruch von KTM-Werksfahrer Julian Simon zum Ersatzfahrer ins offizielle KTM-GP-Werksteam bestellt, drehte schon bei seinem ersten Grand Prix in England unerhört auf und beendete das Debüt mit dem 20. Platz.
Am Sachsenring holte der Schweizer Rang 16, fiel insgesamt aber nicht nur durch schnelle Rundenzeiten, sondern auch seine Präzision bei der Abstimmung auf. »Schon bei den ersten Tests in Brünn hat er gesagt: Gebt mir einen 120er-Hinterreifen, und ich fahre noch eine Sekunde schneller. Und genau so hat er’s gemacht«, staunte Konrad Hefele über ein Urteilsvermögen, das bei so jungen Fahrern außergewöhnlich ist.
Krummenacher gilt denn auch als einer der wenigen sicheren Zukunftskandidaten in einer Umstrukturierung, in der kaum ein Stein auf dem anderen bleibt. Das bislang in der IDM aktive Juniorenteam von KTM wird 2007 aufgelöst und dafür der Rookie-Cup im Rahmen der europäischen GP-Rennen aufgelegt. Das seither separat geführte GP-Juniorenteam soll nicht zuletzt aus Kostengründen ins offizielle Werksteam
integriert werden. fk

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel