Grand-Prix-Auftakt in Welkom/Südafrika (Archivversion) Der Wunderheiler

Valentino Rossi macht den Unterschied. Der italienische Superstar hat in wenigen Monaten die
kränkelnde MotoGP-Yamaha kuriert und gleich beim WM-Start zu einem sensationellen Sieg geführt.

Yamaha hat ein Jahr lang keinen einzigen Podestplatz erreicht. Wenn es uns gelingt, das zu ändern, können wir
zufrieden sein«, übte sich Valentino Rossi am Donnerstag vor dem Grand-Prix-Saisonauftakt im südafrikanischen Welkom noch in Zurückhaltung.
Einen Tag später war es mit der
Tiefstapelei vorbei. Auf der ungeliebten Strecke, die ihm wegen ihrer Bodenwellen und ihrem Mangel an Grip bisher nur Niederlagen eingebracht hatte, düste der neue Yamaha-Star bereits nach zwölf
Minuten im ersten freien Training der
MotoGP-Klasse am Vormittag an die Spitze und behauptete sich am Nachmittag
mit einer klaren Bestzeit im ersten Zeittraining. »Wir treten nicht an, um zu verlieren«, trumpfte er nun auf. »Ich bin überrascht, wie viel wir in der kurzen Zeit erreicht
haben. Noch ist die Yamaha schwieriger abzustimmen als die Honda, außerdem fehlen uns zehn PS. Doch immerhin ist es uns geglückt, das Motorrad auf Anhieb bis zum Maximum auszuquetschen. Bravo!«
Mit Valentino Rossi war das gesamte Yamaha-Lager aus dem Häuschen. Und Vater Graziano, der wegen seiner Flugangst zu Hause geblieben war, meldete sich ebenfalls mit Glückwünschen zu Wort. »Ich bin sicher: Valentino macht auch bei Yamaha den Unterschied«, hielt er fest.
Davon ist Masao Furusawa, Direktor der Yamaha-Rennabteilung, ebenso überzeugt. »Rossi ist ein Genie«, erklärte der 52-Jährige. »Natürlich würden wir ihm gern etwas weniger bezahlen«, fügte er angesichts des stolzen Rossi-Jahresgehalts von neun Millionen Euro hinzu, das sich mit Sponsorgeldern und Werbeverträgen locker auf 15 Millionen Euro aufaddieren dürfte. »Doch über die geleistete Arbeit können wir uns nicht beschweren.«
Dass er selbst die technische Wende zum Guten eingeleitet hatte, lange bevor Rossi überhaupt seinen Vertrag unterschrieb, verschwieg er bescheiden. Seit 1973 bei Yamaha, hatte Furusawa zum Beispiel die Zweitakt-RD 350 LC zum Welterfolg gebracht, sich um Snowmobile und Quads gekümmert und Yamahas überaus erfolgreichen Viertaktcrosser YZ 450 F gebaut.

Mit dieser Laufbahn galt
Furusawa als geeigneter Joker, die kränkelnde MotoGP-Maschine zu kurieren. In Le Mans erlebte er 2003 seinen allerersten Grand Prix und zog sich für den Rest der Saison auf einen Beobachtungsposten in die Box oder an den Streckenrand zurück. Er stellte dabei vor allem Traktions- und Lenkprobleme beim Herausbeschleunigen aus den Kurven fest, was sowohl an dem zu steifen Chassis als auch an der zu aggressiven Leistungskurve des Reihenvierzylinder lag.
Für Rossis erste Tests im Januar in
Malaysia hatte Furusawa deshalb vier
verschiedene neue Chassis- und vier verschiedene neue Motor-Varianten vorbereitet. Ohne Furusawas Meinung zu kennen, wählte Rossi treffsicher jene Kombination, die der Renndirektor selbst schon als viel versprechend erachtet hatte. »Ich behielt meine Meinung für mich, bin aber happy, dass wir in die gleiche Richtung denken«, lächelt Furusawa.

Das Teamwork begann zu funktionieren und trug auch im Abschlusstraining von Welkom seine Früchte. Nach den atemberaubenden letzten Minuten
der Session, in denen sich Nakano, Biaggi, Gibernau und Hayden an der Spitze abwechselten, hatte Rossi abermals die Nase vorn. »Ich habe etwas Außerordentliches erreicht. Das ist die schönste Pole Position meiner Karriere«, strahlte er euphorisch.
Die Gegner von Honda bekamen
dagegen allmählich kalte Füße. »Was
das Training betrifft, hat uns Valentino
den ersten K.-o.-Schlag versetzt«, räumte HRC-Sportdirektor Carlo Fiorani ein.
Syogo Takeumi, Leiter des RC-211-
V-Projekts, hatte einen stärkeren, um 500/min höher drehenden Motor und ein neues Chassis mit umgedrehter Anordnung des Hebelsystems für die Hinterradfederung gebaut, um für bessere Traktion zu sorgen. Doch weder die technischen Änderungen noch die Tatsache, dass Honda die Neuteile allen sechs Piloten statt wie ursprünglich geplant nur den Repsol-Werksfahrern Barros und Hayden zur Verfügung stellte, vermochten das Schicksal abzuwenden. »Im Januar haben sich die Honda-Piloten noch über die Perfektion meiner letztjährigen Siegermaschine gefreut. Wurde das Weltmeister-Motorrad
geklaut?« spottete Rossi angesichts der Abstimmungsschwierigkeiten von Honda.
»Wenn man sich die Resultate der
letzten neun Jahre anschaut, wird Yamaha in der zweiten Rennhälfte Reifenprobleme kriegen«, lautete Fioranis letzter Hoffnungsschimmer, den Spieß am Sonntag vielleicht doch umdrehen zu können.

Im Rennen allerdings gab es niemand, der dem Weltmeister das Wasser reichen konnte. Alex Hofmann würgte seine Kawasaki am Start nahezu ab und baute
bei seiner Aufholjagd den zweiten Sturz des Wochenendes, Teamkollege Shinya Nakano wurde Zwölfter. Ex-Weltmeister Kenny Roberts betätigte versehentlich den Killschalter seiner Suzuki und rollte aus, Teamkollege Hopkins wurde 13. Bei Ducati war man in Abstimmungsprobleme verstrickt, die auch eine spektakuläre neue Kohlefaser-Gabel nicht auf Anhieb lösen konnte. Capirossi wurde Sechster, Bayliss 14. Die beiden Ducati-Neulinge Ruben Xaus und Neil Hodgson fielen aus.
Die Honda-Armada auf den Plätzen zwei bis fünf war zwar klar schneller als der Rest des Feldes, aber ebenfalls nicht schnell genug. »Valentino hat heute wieder bewiesen, dass er der Beste ist. Ich suche nicht nach Entschuldigungen, sondern sage nur, dass ich beim nächsten Rennen in Jerez erneut angreifen und hoffentlich dann der Bessere sein werde«, fügte sich der einsame Dritte Sete Gibernau in sein Schicksal. Im Vorjahr hatte er den Welkom-Grand-Prix überlegen gewonnen.
Max Biaggi war der Einzige, der sich wenigstens am Hinterrad Rossis halten konnte. Zweimal fand er sogar für kurze Zeit den Weg an seinem Paradegegner vorbei, wobei ihm ein
neuer Rundenrekord gelang. Beim entscheidenden Ausbremsmanöver, bei dem bei beiden Piloten das Hinterrad in der
Luft schwebte, musste er sich schließlich geschlagen geben und querte mit 0,21
Sekunden Rückstand die Ziellinie. »Ich hatte so viel Spaß, ich könnte sofort
wieder starten, obwohl ich 110 Prozent
gegeben habe«, zeigte sich der Römer als guter Verlierer. »Wir haben die Abstimmung des neuen Chassis in nur vier Stunden
hingekriegt, und mit etwas zusätzlicher
Arbeit können wir noch mehr erreichen. Nichtsdestotrotz: Respekt für das, was Rossi geleistet hat.«
Denn der schrieb mit seiner fulminanten Fahrt Geschichte. Als erster Fahrer in der Historie der Königsklasse, der zwei aufeinander folgende Rennen auf zwei verschiedenen Marken gewann. Als erster Fahrer seit Barry Sheene zwischen 1976 und 1979, der vier Jahre ohne Unterbrechung den Saisonauftakt für sich entschied. Als einsamer Überflieger, der mit 23 Podestplätzen in Folge Giacomo Agostinis für ewig angesehenen Rekord von 22 Podestplätzen hintereinander auslöschte. Und nicht zuletzt als Retter in der Not, der die zweitlängste Durststrecke von Yamaha – 18 Rennen seit Max Biaggis Sieg Mitte Oktober 2002 in Malaysia – beendete.
Die Bedeutung dieses Triumphes machte jene Szene in der Auslaufrunde deutlich, als Rossi stehen blieb und sein Motorrad küsste. »Dieses Rennen war
sicher atemberaubend für die Fans, und wir haben gute Aussichten, dass es weiter so spannend bleiben wird. Es war das
beste Rennen meines Lebens«, blieb er, glucksend und lachend vor Glück, bei jenen Kernaussagen stecken, die er schon nach seinen imponierenden Trainingsleistungen zum Besten gegeben hatte. »Es
hat sich gezeigt, in diesem Sport ist am Ende doch der Fahrer entscheidend, und zwar nicht nur im Umgang mit dem Gasgriff, sondern auch bei der technischen Entwicklung. Das Rennen heute war
kein Wunder, es war die Fortsetzung der Arbeit meiner Crew und aller Anstrengungen von Yamaha in den letzten Monaten. Ich gebe jedoch zu: Ich habe mich selbst überrascht. Ich hätte nicht geglaubt, so schnell fahren zu können. Derart fehlerlose Rennen gelingen nur selten, deshalb ist es wichtig, sich jetzt nicht auf den Lorbeeren auszuruhen, sondern die Weiterentwicklung wie geplant voranzutreiben«, ermahnte Valentino Rossi seine Truppe.

Rossis Cheftechniker Jerry Burgess bereitet das offensichtlich die geringsten Sorgen. »Max Biaggi ist gut gelaunt, weil er immer noch denkt, er habe das bessere Motorrad. Der soll nur warten, bis wir uns beim nächsten Grand Prix in Jerez wiedersehen – das gibt für ihn ein böses Erwachen«, schmunzelte er.

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