Grand Prix Australien in Phillip Island (Archivversion) Rutschpartie

Während Steve Jenkner (17) im Regen von Phillip Island auf den dritten Platz surfte, stürzte der eine Woche zuvor zum 125er-Champion gekürte Daniel Pedrosa in Australien dramatisch ab.

Die Geschichte klingt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. 4500 Grünschnäbel hatten sich 1999 zum ersten MoviStar Junior Cup gemeldet, und die Aufgabe des ehemaligen spanischen 500er-Stars Alberto Puig war es, aus dem gewaltigen Stapel von Bewerbungen 25 taugliche Kandidaten für die erste Saison des 125er-Cups auszusuchen.Der kleine Daniel Pedrosa hatte zwar schon auf Pocket Bikes Gas gegeben, von richtigen Motorrädern jedoch keine Ahnung. Als die Mitteilung ins Haus flatterte, er zähle zum Kreis jener 100 Auserwählten, die zu ernsthaften Probefahrten auf der Rennstrecke eingeladen würden, borgte er sich schleunigst ein richtiges Motorrad, um auf dem Parkplatz eines Supermarktes erstmals die Betätigung einer Gangschaltung auszuprobieren.Bei der Qualifikation für den Cup zählte der damals 14-Jährige keineswegs zu den 25 Schnellsten, fiel Alberto Puig aber trotzdem positiv auf, worauf der die Auswahlkriterien zu Pedrosas Gunsten manipulierte und seine Teilnahme durchsetzte. Dass Puig richtig gelegen hatte, zeigte Pedrosas kometenhafter Aufstieg. Schon zwei Jahre nach seiner Junior-Cup-Premiere bestritt er 2001 seine erste WM-Saison bei den 125ern, holte 2002 die ersten drei GP-Siege und eroberte dieses Jahr mit seinem fünften Saisonsieg in Malaysia den WM-Titel. Doch dem Triumph in Sepang folgte eine Woche später im australischen Phillip Island bereits im ersten freien Training der brutale Absturz. Nach nur 18 Minuten verlor Pedrosa beim Anbremsen einer Kurve die Kontrolle über seine Honda, kam mit Tempo 160 von der Piste ab und schlug mit rund 100 Sachen in die Reifenstapel der Streckenbegrenzung ein, wobei er sich Brüche beider Fußknöchel zuzog, im linken so kompliziert, dass er schleunigst in einer Klinik in Melbourne operiert werden musste und nun mehrere Wochen ans Krankenbett gefesselt ist. Wenigstens blieb ihm die Wasserschlacht im Rennen erspart. Nach Bilderbuchwetter im Training goss es am Sonntagmorgen sturzbachartig. Im Warm-up war so viel Wasser auf der Strecke, dass die Hinterräder der 125er-Piloten sogar auf der Geraden durchdrehten. Die Bridgestone-Fahrer Andrea Ballerini und Masao Azuma griffen in ihrer Not zu einem besonders grobstolligen Regenprofil, das sie noch nie zuvor getestet hatten – und surften allen anderen auf und davon. »Perugini und Stoner haben versucht, hinterherzukommen und dafür mit Stürzen bezahlt. Es war mein Glück, dass ich gleich zu Anfang ein paar kleine Fehler gemacht und es nicht auch probiert habe«, erklärte Steve Jenkner, der nach sieben Rennen Durststrecke Platz drei eroberte und endlich wieder einmal auf dem Podest stand. »Jetzt werde ich beim Saisonfinale voll angreifen – und kann vielleicht sogar noch mal gewinnen!« Beim Endspurt in Valencia am 2. November fällt noch eine Titelentscheidung: Manuel Poggiali und Roberto Rolfo, der Sieger der Regenschlacht von Phillip Island, kämpfen um die 250er-Krone. In der MotoGP-Klasse ist dagegen wie bei den 125ern seit Malaysia alles geritzt, wo Valentino Rossi sich mit einem klaren Sieg vorzeitig den fünften WM-Titel seiner Karriere gesichert hatte. In Australien stürmte er auf der am Ende des Renntages wieder nahezu trockenen Piste so gnadenlos auf und davon, dass ihn auch eine zehnsekündige Zeitstrafe wegen Überholens bei gelber Flagge nicht aufhalten konnte.Dass der Superstar zum Saisonende womöglich Honda verlässt (siehe Seite 122), stört den weltgrößten Motorradhersteller weniger, als man vermuten würde. Denn in den jüngsten Rennen trat ein neuer Kronprinz zum Vorschein, der durchaus das Zeug hat, Rossis Zepter zu übernehmen. Vom Start weg in der Spitzengruppe, quetschte sich der Amerikaner Nicky Hayden in der letzten Runde sogar am frisch gebackenen Vizeweltmeister Sete Gibernau vorbei, gab in der letzten, lang gezogenen Linkskurve besonders früh Gas und stellte als Dritter seinen ersten echten Podestplatz in der MotoGP-Klasse sicher, nachdem er Rang drei in Motegi nur wegen der Disqualifikation von Makoto Tamada geerbt hatte. Am Ende gelang es lediglich Loris Capirossi, den Formationsflug der Honda-Piloten durcheinander zu bringen. »Als ich Marco Melandri den zweiten Platz abknöpfte, hatte Rossi schon sechs Sekunden Vorsprung und war über alle Berge. Doch immerhin, das ist ein gutes Resultat nach den letzten schwierigen Rennen.« Zweimal war die Desmosedici zuletzt wegen einer spukenden Magneti-Marelli-Elektronik stehen geblieben, außerdem klagten die Fahrer über Traktionsmangel auf Stop-and-go-Kursen wie Motegi oder Sepang, wo nach langen, harten Bremsmanövern optimale Kraftübertragung beim Beschleunigen gefragt ist. »Das ist kein Elektronik-, sondern ein Fahrwerksproblem. Elektronische Hilfen werden vielfach überschätzt. Wenn du ein Auto auf einen zugefrorenen See stellst und losfahren willst, hilft dir die beste Traktionskontrolle nicht viel«, verdeutlichte Ducati-Teamdirektor Livio Suppo. Für 2004 sind deshalb keine radikalen Änderungen, sondern eine sanfte Evolution der Vierzylindermaschine mit desmodromischer Ventilsteuerung und Stahl-Gitterrohrrahmen geplant. »Wir wollen die Maschine für jene Stop-and-go-Kurse verbessern, wo wir Schwierigkeiten hatten, ohne das aufs Spiel zu setzen, was wir auf schnellen, flüssigen Strecken wie hier in Phillip Island erreicht haben«, gab Suppo die Losung aus. Australiens Idol Troy Bayliss musste alle Hoffnungen gleich in der vierten Runde mit einem brutalen Sturz begraben. Beim Anbremsen der Honda-Spitzkehre hatte Bayliss mit seiner Ducati das Hinterrad des führenden Yamaha-Piloten Marco Melandri berührt, war schwer zu Boden gegangen, reglos liegen geblieben und minutenlang am Streckenrand von Sanitätern versorgt worden. Im Streckenspital wachte er wenig später wieder auf, zum Glück hatte er keine Knochenbrüche davongetragen. Das Einzige, was ihm fehlte, war die Erinnerung.Zu Rennmitte fehlte dann freilich auch Yamaha-Jungstar Melandri: Absturz aus dritter Position, worauf er mit ausgekugeltem rechtem Arm und geprellter Ferse von dannen humpelte.

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