Grand Prix Barcelona/E (Archivversion) »Hayden oder Rossi“

Der legendäre Kevin Schwantz im Gespräch mit MOTORRAD-Reporter Friedemann Kirn über die MotoGP-WM-Saison 2006.

Kevin Schwantz, was machen Sie in diesen Tagen?
Ich unterrichte immer noch in meiner Rennfahrerschule in Atlanta,
arbeite nach wie vor mit Suzuki im Rennsport, und wenn ich eine Möglichkeit habe, nach Europa zu einem Grand Prix zu kommen, nutze ich sie. Davon abgesehen, genieße ich meine Freizeit – ich gehe Fahrradfahren, spiele herum, vergnüge mich.
Auf welcher Mission sind Sie hier in Barcelona?
Die japanischen Suzuki-Ingenieure finden es stets gut, wenn ich auftauche. Sie wollen meine Meinung über ihr neues Motorrad hören. Aber wenn ich so weit weg bin von den Rennen, ist es schwer für mich, die Situation richtig einzuschätzen. Hier kann ich rausgehen und live zuschauen, ich kann sehen, dass das Motorrad die grundsätzlichen Dinge wirklich gut erledigt. Doch weil ich es nicht gefahren habe, kann ich natürlich kein endgültiges Urteil abgeben.
Welche Faktoren sind außer den Bridgestone-Reifen für die Fortschritte bei Suzuki verantwortlich?
Viele der jüngsten Achtungserfolge hängen mit der nötigen Motorleistung zusammen. Und damit, diese Leistung auch managen zu können – all die Elektronik, die Telemetrie, die Traktionskontrolle. Die Fortschritte sind sichtbar. Das gilt aber nicht nur für Suzuki, sondern auch für alle anderen Maschinen.
Wie viel von dem Lob geht an die
Suzuki-Fahrer?
Sie verdienen das ganze Lob. Das Leben ist derzeit nicht leicht für sie. Dass Chris Vermeulen und John Hopkins bei den Rundenzeiten Kopf an Kopf liegen und sich gegenseitig zu immer besseren Leistungen anstacheln, ist ein sehr gutes Szenario. Die Entwicklung verläuft umso schneller, je konkurrenzfähiger die beiden sind.
Ist die Umstellung auf 800 cm³ für ein kleineres Werk wie Suzuki ein Störfaktor bei der Weiterentwicklung?
Sicher. Doch das betrifft alle Hersteller. Hoffentlich bringt es wieder mehr Ausgeglichenheit in die Klasse.
Sprechen wir über die Situation bei Honda. Nicky Hayden ist WM-Leader, gewinnt aber keine Rennen
Nicky macht seine Sache großartig. Zumal er den zusätzlichen Druck hat, dass er die ganze Entwicklung steuern muss. Wenn er jetzt noch anfängt, woanders zu siegen als in seinem Heim-GP in Laguna Seca, dann wird er auch weiter Rennen gewinnen.
Die einzige wirkliche Gefahr für ihn ist
Valentino Rossi. Er hatte eine Pechsträhne, wurde von hinten abgeschossen, hatte ein Reifen- und ein Motorproblem. Wenn Rossi dorthin zurückkehrt, wo er sein will, kann er die 29 Punkte Rückstand im Handumdrehen aufholen.
Viele der jungen Wilden kommen von den 250ern. Gibt es eine Revolution im MotoGP-Fahrstil?
Meiner Meinung nach entsprechen die aktuellen MotoGP-Maschinen dem 250er-Fahrstil tatsächlich am besten. Sie sind nicht gebaut, um wie früher geradeaus auf den Scheitelpunkt zuzubremsen, kurz und energisch umzulegen und wieder geradlinig aus der Kurve hinauszufeuern. Denn das Motorrad hat so viel PS, dass es bei abruptem Gasgeben in jedem Gang Wheelies produziert. Deshalb musst du das Beste aus dem Reifen herausholen, musst viel Tempo in die Kurve mitbringen und den Anpressdruck auch am Kurvenausgang nutzen. Das hilft den 250er-Fahrern und gestaltet das Leben schwerer für die Aufsteiger aus der Superbike-WM.
Ein weiteres Thema sind die Reifen. Die Superbike-Klasse geht auf Einheitsreifen an den Start. Chris Vermeulen sagt, das Gefühl, das dir der Pirelli-Vorderreifen vermittelt, sei sehr vage. So teigig, dass du nur geradeaus voll bremsen kannst, beim Einbiegen dann aber ziemlich früh loslassen musst. Die
Michelin- und Bridgestone-Reifen sind dagegen derart gut, dass du das Vorderrad bis zum Scheitelpunkt der Kurve belasten kannst.
Was wird sich künftig mit den 800-cm3-Maschinen am Fahrstil ändern?
Das gewaltige Drehmoment wird sich wohl etwas nach oben verschieben, es kommt zu höheren Drehzahlen, dazu ein etwas schmaleres Drehzahlband. Der Motor wird ein bisschen
härter zupacken. Das könnte das fah-
rerische Können wieder mehr in den Vordergrund schieben.
Wer ist der Nächste, der es ganz nach oben schafft?
Casey Stoner und Dani Pedrosa sind sicher die Kandidaten. Sie treten auf dem gleichen Motorrad an, und wenn es etwas gibt, was du als Fahrer nicht ausstehen kannst, dann ist es, von einem Markengefährten geschlagen zu werden. Die beiden werden sich aneinander hochschaukeln und irgendwann in die Fußstapfen von Valentino treten. Derzeit hat Valentino im Vergleich zu allen anderen freilich immer noch die Nase vorn.
Wer wird Weltmeister 2006?
Ich wünsche mir, dass Nicky Hayden den Titel gewinnt. Wenn ich
realistisch darüber nachdenke, wird es allerdings wieder Valentino Rossi sein.

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