Grand Prix Barcelona/E (Archivversion) Soldat mit stumpfen Waffen

Hondas Hoffnungen lagen zu Beginn der MotoGP-Saison 2005 ganz bei Max Biaggi – er sollte den an Yamaha
verlorenen Titel zurückholen. Doch der Römer tut sich schwer und steuert stramm Richtung Abstellgleis.

Als Max Biaggi nach dem Italien-Grand-Prix in Mugello an die Repsol-Honda-Box zurückkehrte, spendeten die Ingenieure und Manager der Honda Racing Corporation HRC ergriffen Szenenapplaus.
So viel Beifall für einen zweiten Platz war eine eher ungewöhnliche Gemütsregung für ein derart erfolgsverwöhntes Team, das seit 1994 fünf WM-Titel mit Michael Doohan, einen mit Alex Crivillé und drei weitere mit Valentino Rossi erobert
hatte. Doch seit Rossis letztem Honda-Sieg beim Saisonfinale 2003 in Valencia, seit der Superstar abtrünnig wurde und zu Yamaha wechselte, fährt Honda dem Erfolg hinterher. Und bei mittler-
weile 23 Rennen ohne Repsol-Sieg haben auch vergleichsweise kleine Erfolge ihre Bedeutung.
Die Hoffnung, dass sich die Modifikationen an Biaggis Showa-Gabel auszahlen und sich nach dem Mugello-GP alles zum Guten wenden könnte, erfüllte sich allerdings nicht. Biaggi
kämpfte sich mit Mühe auf den vierten Trainingsplatz, verlor vier Zehntelsekunden auf die Bestzeit und meinte: »Die Yamaha sind hier schneller. Sie können besser in die Kurve einbiegen.« Rossi konterte sofort: »Das sagt er bloß, weil er Honda und an der vierten Stelle fährt. Immerhin sind vier Honda unter den ersten fünf.«
Dass die Telefonica-Maschinen von Sete
Gibernau und Marco Melandri das Feld anführten, war ein schwacher Trost für Max Biaggi, der in Barcelona wieder mit bekannten Problemen kämpfte. Beim Einbiegen stempelte seine Maschine entweder übers Vorderrad nach außen, oder sie keilte mit der Hinterhand aus. Ein Problem, das desto schwieriger zu kontrollieren wurde, je stärker die Reifen abgefahren waren.
Teamkoordinator Erv Kanemoto bestätigt
die Fahrwerksprobleme. »Wir glauben Max und
sehen es außerdem am Data Recording. Doch es ist schwierig, die Ursache aufzuspüren. Da gibt’s keine logisch wiederkehrende Abfolge. Wir kommen zu manchen Strecken, und Max hat weniger Schwierigkeiten. Dann reisen wir frohgemut
weiter, und plötzlich ist es wieder da. Bislang ist uns noch nicht gelungen, eine Basis-Einstellung zu finden, die überall leidlich funktioniert und von der aus wir aufbauen können.«
Weil andere, beispielsweise Honda-Neuling Marco Melandri, deutlich unbeschwerter Gas
geben können, wird viel auf Biaggis Fahrstil
geschoben. »Es ist sicher richtig, dass Max seine Maschine anders benutzt als seine Kollegen. Aber dieser Stil hat ihm auch fünf Weltmeister-
titel eingebracht. Unsere Aufgabe ist, ihm die
richtige Maschine für seinen Stil zu bauen«, hält Erv Kanemoto fest.
In diesem Punkt wenigstens herrscht zwischen den Ingenieuren und ihrem Star Einigkeit. »Honda und ich haben die gleichen Hoffungen, den gleichen Traum. Ich bin der Soldat, sie sind die Maschine. Wir müssen nur auf die richtige
Art und Weise zusammenspielen, dann können wir Yamaha besiegen«, erklärt Biaggi und hat den Blick unerschütterlich auf eine gute gemeinsame Zukunft ausgerichtet – zumindest im Interview.
Hinter den Kulissen hat seine Ungeduld schon eine Menge Porzellan zerschlagen, so auch bei den Wintertests in Jerez, wo er sich stocksauer in sein Wohnmobil zurückgezogen hatte und abreisen wollte. Seit dem Le-Mans-GP freilich redet Max, als habe er Kreide gegessen:
Dort nämlich unterschrieb 250er-Weltmeister Dani
Pedrosa für Repsol-Honda – sehr zum Verdruss seines bisherigen Sponsors Telefonica Movistar, der als Konterattacke versucht, Repsol mit einer Jahres-Offerte von geschätzten 18 Millionen Euro als Hauptsponsor bei HRC auszuhebeln.
Mit Pedrosas Verpflichtung zieht sich allmählich die Schlinge zu für die derzeitigen Repsol-Honda-Piloten. Einer von beiden, Hayden oder Biaggi, muss auf jeden Fall gehen. Hayden hat noch einen Vertrag bis 2006 und weist Gerüchte entrüstet von sich, HRC werde ihn im nächsten Jahr in die Superbike-WM stecken.
Bleibt die Frage, ob Max Biaggi bei HRC eine Zukunft hat. Über die ferneren Perspektiven, ob er das Ruder in der WM womöglich doch noch herumreißen kann und was seine weiteren Ziele sind, lässt sich der Star nur wohlgesetzte Phrasen entlocken. »Mein höchstes Ziel ist, ein gutes Rennen zu fahren. Danach konzentriere ich mich auf das nächste. Ich verliere weniger Energie, wenn ich Schritt für Schritt vorgehe. Ich konzentriere mich ganz auf den Augenblick.« fk

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