Grand Prix compact - Casey Stoner (Archivversion) Familienangelegenheit

Casey Stoner ist der jüngste MotoGP-Weltmeister seit 1983 – und daran haben seine Eltern Bronwyn und Colin wie auch seine Frau Adriana großen Anteil.

Scheu und reserviert außerhalb der Ducati-Box, überraschte Casey Stoner auf der Piste weniger durch Kampfgeist und Angriffslust. Die hatte er schon, als er wegen seiner Sturzeskapaden den Spitznamen »Rolling Stoner« bekam. Vielmehr verblüffte Stoner in diesem Jahr durch nahezu unerschütterliche Beständigkeit. Der Grund für die Ruhe und überlegene Lässigkeit, die Stoner ausstrahlt, hat einen klangvollen Namen: Adriana. Als er seine 18-jährige Freundin am Jahresbeginn zur Frau und anschließend mit an die Rennstrecken nahm, änderte sich das Leben des Rennvagabunden von Grund auf. »Früher tat ich mich mit dem Fahrerlagerleben schwer. Es ist schwierig, Freundschaften aufzubauen, denn die meisten Leute haben Zeit, wenn ich keine habe, und umgekehrt. Doch jetzt, mit Adriana an meiner Seite, bin ich glücklich und entspannt,« sagt er über das Mädchen, das er einst in Phillip Island kennenlernte, weil sie ein Autogramm auf den Bauch gemalt haben wollte.
Dass heutzutage nur wenige Menschen so früh heiraten, ficht Stoner nicht an. »Meine Eltern haben jung geheiratet, die von Adriana auch. Ich wollte nur mit Adriana zusammen sein, und deshalb war es nicht schwierig, diese Entscheidung zu treffen,« sagt Stoner. Und außerdem: Was ist schon früh in einer Rennkarriere, die mit vier Jahren begann, ihn erst rund um Australien und dann rund um die Welt führte und in der er zeitig gelernt hat, dass es besser ist, schnelle Entscheidungen zu treffen als gar keine. So wie seine Eltern Colin und Bronwyn, die kurzerhand ihre Farm im Flecken Kurri Kurri verkauften, als Stoner 14 Jahre und alt genug geworden war, in Europa zu den ersten Straßenrennen anzutreten.
Völlig selbstverständlich setzten die Stoners alles auf eine Karte, tauschten den Komfort der Heimat gegen ein Zigeuner-leben in Europa und dachten nie daran, dass die Mission auch schief gehen könnte. »Dass es Casey ganz nach oben schaffen würde, wusste ich schon, als er vier Jahre alt war. Denn in dem Alter hat er schon Jungs besiegt, die doppelt so alt waren,« erklärt Colin, ein gelernter Maler und früherer Hobbyrennfahrer. Eine Anekdote aus der frühen Laufbahn des Supertalents, das bis zum Start seiner Europa-Karriere 41 Dirt- und Long Track-Titel sowie 70 Staats-Titel gewonnen hatte, illustriert den Kampfgeist Caseys: Als Zwölfjähriger fuhr er an einem einzigen Wochenende in fünf verschiedenen Klassen und bestritt dabei alle sieben Rennen jeder Kategorie. Von den 35 Einzelrennen gewann er 32 und holte alle fünf an diesem Wochenende möglichen australischen Meistertitel.
Das gleiche Ungestüm brachte ihn auch in Europa nach vorn, von ersten nationalen Rennen in England und Spanien bis zum ersten GP-Sieg 2003 und der 250er Vizeweltmeisterschaft 2005. Dann begann sein ebenso rasanter MotoGP-Aufstieg, bei dem er die vielen Stürze im Honda-Team seines früheren Managers Lucio Cecchinello hauptsächlich einer stiefmütterlichen Betreuung durch Michelin zuschrieb. Weil Sete Gibernau zuviel Geld verlangte, schaffte er von dort den Absprung ins Marlboro-Ducati-Werksteam – und stürzt zur Verblüffung seiner Konkurrenten seither überhaupt nicht mehr.
Das Geheimnis von Stoner und seiner Familie nennen die Australier »laid back«, extreme Gelassenheit. »Zu sehr auszuflippen braucht man über so einen WM-Titel nicht,« winkte Colin Stoner angesichts des Riesen-Rummels in Motegi ab. Stolz schon, aber auch nicht so, dass alle Hemdknöpfe abplatzen. Man wusste ja, dass es eines Tages so kommen würde.
Und auch für Casey war es trotz aller Freude am Ende ein Arbeitstag wie jeder andere. Ebenso wichtig wie der Titel war ihm, heimzukommen auf jene Farm fünf Autostunden nördlich von Sydney, die er für die Familie nachgekauft hat. »Dort gibt es Hunde, Pferde, Kaninchen, Kängurus. Und jede Menge Platz,« schmunzelt Casey. »Alles, was ich vermisst habe, seit ich mit 14 nach Europa gegangen bin.“

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