Grand Prix Deutschland (Archivversion) Kiefer-GP-Team: Das letzte Aufgebot

Preisfrage: Was verbirgt sich hinter Kiefer-Bos-Castrol-Honda? Höchstens Motorradsport-Insider werden wissen, dass es sich dabei um ein deutsches Grand-Prix-Team handelt. Es hat natürlich seinen Grund, dass Kiefer-Bos-Castrol-Honda nur selten in den Schlagzeilen
auftaucht. Sandro Cortese, der 15-jährige 125er-Pilot der Truppe, stand vor dem deutschen GP in seiner WM-Debüt-Saison mit zwei Punkten auf Platz 31 der Rangliste. Obwohl das für GP-Newcomer ein durchaus respektables Ergebnis ist, reicht es kaum für erhöhtes Interesse der
Öffentlichkeit. Genauso wenig wie der 25. und damit vorletzte Rang in der Zwischen-
wertung der 250-cm3-WM, den Cortese-Teamkamerad Dirk Heidolf, 28, dank eines einzigen WM-Punkts hielt. Trotzdem ist die Kiefer-Castrol-Bos-Honda-Mannschaft etwas Besonderes: Sie ist das letzte deutsche Grand-Prix-Team, das mit deutschen Fahrern an den Start geht. Der italienisch klingende Name Cortese darf nicht verwirren. Sandro wurde in Ochsenhausen geboren, seine Muttersprache ist Schwäbisch.
So lobenswert es sein mag, die deutsche Fahne in der Motorrad-Weltmeisterschaft hochzuhalten – mit der Piloten-Paarung Cortese/Heidolf mittelfristig an die aus deutscher Sicht goldenen Motorradsport-Zeiten eines Ralf Waldmann oder gar Toni Mang anknüpfen zu wollen erscheint nach dem heutigen Stand der Dinge aussichtslos. Cortese hat zwar das Potenzial, in die Spitzengruppe der 125er-Klasse vorzustoßen, wird dazu aber möglicherweise noch zwei bis drei Jahre brauchen – die er allerdings dank seiner Jugend auch hat. Heidolf freilich fährt bereits seit 1997 auf WM-Niveau, hat als bestes Ergebnis einen 9. Rang zu bieten – da müsste der Knoten eigentlich sofort platzen, um an eine glückliche Zukunft zu glauben. Die Frage stellt sich: Wer kann es sich leisten, unter diesen Voraussetzungen ein Grand-Prix-Team um die Welt zu schicken? Ist es das Hobby eines gelangweilten Multimillionärs?
Keineswegs. Sondern der Erfolg zweier höchst umtriebiger Brüder, die es für wichtig halten, das von Deutschland aus mit deutschen Fahrern GP-Sport betrieben
wird und die nach einem seriösen Weg gesucht haben, dieses Ziel zu erreichen. Stefan, 39, und Jochen Kiefer, 36, sind Suzuki- und Yamaha-Händler in Idar-Oberstein, Stefan hat selbst eine Vergangenheit als Motorradsportler.
Geboren wurde ihre Idee 1996, als sie das damals viel versprechende Talent
Christian Gemmel auf einer 125er-Aprilia in die ADAC-Junior-Cup-Nachwuchsserie schickten. Ein ganz kleiner Anfang also, dem nach Gemmels fünften Platz im
zweiten Junior-Cup-Jahr der Aufstieg in die deutsche 125er-Meisterschaft folgte. »Da haben wir Christian quasi in das damalige Hein-Gericke-Castrol-
Junior-Team eingekauft«, erinnert sich Stefan Kiefer. 1999, mit dem Wechsel in die 250er-Kategorie, stellten die Kiefer-Brüder dann ein eigenes Team auf die Beine, das 2002 seine bis dahin erfolgreichste Saison erlebte: Christian Gemmel gewann alle Rennen und natürlich den Titel der Deutschen Meisterschaft, dazu siegte er bei zwei EM-Läufen und wurde Vize-Europameister.
Der Wechsel in die Weltmeisterschaft folgte 2003. Gemmel erreichte
zwei Top-Ten-Platzierungen bei den 250ern, sein Weg nach oben schien geebnet. Doch 2004 wurde zum Desaster. Nach Stürzen konnte Gemmel sich nicht mehr motivieren, mit vollem Einsatz zu fahren. Eine Krise, aus der er sich nur durch seinen Rücktritt befreien konnte. Schweren Herzens setzte das Team die WM mit wechselnden Ersatzfahrern und kaum nennenswerten Ergebnissen fort. »Wir mussten weitermachen«, so Kiefer, »sonst wären wir finanziell ruiniert gewesen.«
Jetzt der Neuanfang mit der mutigen Fahrerwahl. »An Sandro glauben wir, auch wenn er in der vergangenen DM-Saison ein paar Mal gepatzt hat«, sagt Kiefer, »von Dirk hätten wir etwas mehr erwartet.« Um den Piloten eine perfekte Infrastruktur bieten zu können, haben die Kiefer-Brüder ein Budget von einer dreiviertel Million Euro auf die Beine gestellt, aus dem unter anderem die fünf hauptberuflichen Mechaniker bezahlt werden. »Wir selbst verdienen nichts am WM-Einsatz«, erklärt Kiefer, »aber wir
legen auch nichts drauf.« Dass die Rechnung aufgeht, ist einerseits der Hilfe der GP-Teamvereinigung IRTA zu verdanken, die beide Fahrer als so genannte »Contracted Riders« selektiert und damit den Weg zu Preis- und TV-Geldern eröffnet hat, andererseits Leuten wie Gerd-Heinz Zwafink,
der mit seiner Marke Bos als Hauptsponsor einen großen Teil des Etats
bestreitet. Die Fahrer werden übrigens nicht vom Team bezahlt, sondern erhalten Werbeflächen für private Sponsoren.
Die Weichen für 2006 sind gestellt. Stefan Kiefer: »Wir würden am liebsten in der aktuellen Konstellation weitermachen. Allerdings müsste Dirk sich dann dauerhaft im Mittelfeld etablieren und Sandro vielleicht sogar noch etwas weiter vorn.« Zumindest die Ergebnisse vom Sachsenring-Einsatz lassen hoffen. Beide Fahrer holten mit ihrer jeweils persönlich
besten Saisonleistung WM-Punkte – Cortese als 14., Heidolf als 13. – und verbesserten sich in der WM-Wertung auf die Ränge 29 und 23. abs

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