Grand Prix Deutschland (Archivversion) Sete Superstar

Über 92000 Fans erlebten packende Rad-an-Rad-Kämpfe am Sachsenring – mit dem Sieg von
Gibernau über Rossi als Highlight.

In der 18. Runde rutschte dem Fahrer mit der Nummer 17 schlagartig das Vorderrad weg. Bei den über 92000 Fans schlug ebenso schlagartig die Stimmung um. Statt ausgelassenen Jubels herschte plötzlich stille Beklommenheit. Denn der Sturz von Lokalmatador Steve Jenkner, dem neuen Aushängeschild eines Sports, der so dringend neue Helden braucht, kam einem Super-GAU gleich. Nichts war’s mit dem in Dutzenden von Fernsehinterviews und Zeitungsartikeln angekündigten Sieg oder Podestplatz, zerstoben der Traum, wieder auf WM-Leader Daniel Pedrosa aufschließen zu können. Pechvogel Jenkner sackte vom zweiten auf den fünften Tabellenplatz bei den 125ern ab. Das Debakel hatte schon im Abschlusstraining seine Schatten vorausgeworfen, als Steve binnen 15 Minuten von Rang eins auf Startplatz neun durchgereicht worden war. »Wir hatten keine Reifen mehr, die mich hätten weiter nach vorn bringen können. Doch im Rennen sieht’s anders aus«, hatte Jenkner noch gehofft. Er setzte wegen der Hochsommerhitze auf eine härtere Fahrwerkseinstellung. Und auf eine harte Reifenmischung mit Reserven für die Schlussphase. Doch die Rechnung ging nicht auf. »Meine Enttäuschung ist riesengroß. Ich wollte den Fans ein großes Rennen bieten. Aber heute ging überhaupt nichts – kein Grip, keine Motorleistung«, seufzte Jenkner.Die große Party ließen sich die Fans dann doch nicht nehmen. In den Medien mag es stiller geworden sein um Katja Poensgen, nicht aber bei den Zuschauern am Sachsenring, die die hartnäckig um ihre Rennkarriere kämpfende Blondine aus voller Kehle unterstützten, wann immer sie auf die Strecke ging. Zum Dank gelang Katja nicht nur im Handumdrehen die 250er-Qualifikation, sondern auch ein verwegenes Rennen, in dem sie den neuen Yamaha-Kurz-Piloten Vesa Kallio und den am Ende gestürzten Wild-Card-Fahrer Norman Rank ehrgeizig in die Schranken verwies. Natürlich standen die Fans auch hinter Dirk Heidolf, der im Finale des 250er-Rennens den elften Platz erbeutete. Nach dem Zieldurchlauf ging es auf den Rängen zu, als sei der zweite große Lokalmatador von Hohenstein-Ernstthal soeben Weltmeister geworden. Heidolf brach nach den ersten Glückwünschen in der Box in Tränen aus. »Ich bin für meinen Vater gefahren, der vor wenigen Wochen gestorben ist. Ich weiß, er hat mir aus dem Himmel zugeschaut und die Daumen gedrückt«, schluchzte der 27-Jährige.Während Christian Gemmel zu hart bremste und schon in der ersten Runde stürzte, brachte Honda-Markengefährte Max Neukirchner bei seinem Wild-Card-Einsatz einen Punkt nach Hause und hat sich fürs nächste Jahr als zweiter Mann in Gemmels Castrol-Honda-Team beworben. Auch an der Spitze wurde der Lauf zum Honda-Festival: In einem bis zum Zielstrich offenen Kampf setzte sich Roberto Rolfo gegen die Aprilia-Werkspiloten Fonsi Nieto und Randy de Puniet mit dem ersten Honda-Sieg des Jahres durch. Im hoch dekorierten Honda-Werksteam der MotoGP-Klasse herrschten vergleichsweise betretene Gesichter. Erst drei Rennsiege hat Valentino Rossi in diesem Jahr auf dem Konto, und dass die Ladehemmung auch am Sachsenring anhielt, war eine Sache. Derart abgefertigt zu werden, eine andere. Nach dem Start sah es so aus, als könne Rossi auf Alleinfahrt gehen und dem Feld davon brausen. In der dritten Runde übernahm Sete Gibernau dann aber den zweiten Platz und feilte fortan Meter für Meter von Rossis Vorsprung weg.Als der italienische Superstar das unausweichliche Überholmanöver kommen sah, gab er den Plan, abzuhauen, zähneknirschend auf, nahm das Tempo zurück, ließ seinen Gegner vorbei und setzte alles auf eine Schlussattacke. Seine einzige Chance war das lange Bergabstück vor der vorletzten Kurve. Rossi bremste Gibernau aus, nahm die Kurve mit besonders viel Schwung, wurde weit hinausgetragen – und verkalkulierte sich.Denn der Spanier hatte einen Tick länger mit dem Einbiegen gewartet und deshalb noch mehr Kurvenspeed, beschleunigte zudem früher und effektiver. Im Ziel hatte er die Nase um sechs Hundertstelsekunden vorn und den vierten Saisonsieg in der Tasche. Nicht Max Biaggi, von Rossi vor Trainingsbeginn noch als »der eigentliche Feind« ausgelobt, sondern die Ducati-Stars Troy Bayliss und Loris Capirossi folgten auf den Plätzen. Der Römer hatte den Vorteil seiner Pole Position mit einem schlechten Start verschenkt, holte zügig auf, stürzte aber, nachdem er Bayliss in der zwölften Runde den dritten Rang abgejagt hatte. »Mir tut alles weh – der Rücken, das Bein, die Hand«, stöhnte Biaggi. »Das ganze Wochenende hatte ich Probleme mit der Gabel, aber das soll keine Entschuldigung sein – Stürze sind immer ein Fehler des Piloten!«Insgesamt fünf MotoGP-Piloten verpassten das Ziel. Das war allerdings zu wenig, um die drei Kawasaki-Fahrer in die Punkteränge zu hieven. Alex Hofmann, in Assen als Zehnter gefeiert, wurde diesmal hinter seinem Teamkollegen Garry McCoy 17. und machte ein verunglücktes Abschlusstraining mit Elektronikproblemen und einem Sturz für den verpassten Erfolg verantwortlich. Vielleicht war auch der Druck im Spiel, der derzeit wegen des Tauziehens um seine Person auf dem 23-Jährigen lastet. Offiziell ist noch nichts entschieden, doch in Wirklichkeit ist der Wechsel zu Ducati und ins Team des Spaniers Luis d’Antin (siehe MOTORRAD 15/2003) bereits beschlossene Sache – zu verlockend ist die Perspektive, statt der mit Fahrwerks-, Motor- und Reifenproblemen lahmenden Kawasaki ein Michelin-bereiftes Siegermotorrad zu steuern, zu süß der Traum, womöglich eines Tages ins offizielle Marlboro-Werksteam aufrücken zu können.Kawasaki-Teamchef Harald Eckl versucht hartnäckig, das Ruder noch herumzureißen. Er verweist auf kommende Verbesserungen wie einen stärkeren Motor und ein neues, in der Schweiz gebautes Fahrwerk, das bald einsatzfähig sein soll. Fahrerlagergerüchten zufolge hat er Hofmann auch eine Gehaltsverdopplung angeboten. Gleichzeitig setzt er seinem Schützling Ultimaten. In der Hoffnung, das Ducati-Paket sei noch längst nicht fest geschnürt, wollte er Hofmann ursprünglich schon bis Sonntagabend nach dem Sachsenring-Lauf zu einer Entscheidung zwingen. Dann kam es zu einer langen, friedlichen Aussprache mit Hofmann und Dieter Theis, bei der das Hospitality- und Boxenverbot für den Manager aufgehoben und das Ultimatum bis zum Brünn-Grand-Prix verlängert wurde und man sich die Hände reichte. Ein trügerischer Friede. Denn hinter Eckls Rücken werden längst schon Pläne geschmiedet, wie Hofmann aus seinem Drei-Jahres-Vertrag gesprengt werden kann.

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