Grand Prix: Estoril/P Nimm Zwei

Zwei Monate lang war Casey Stoner nahezu spurlos verschwunden im riesigen australischen Kontinent, unauffindbar für alle, die mehr über seine mysteriöse Krankheit und die selbst verordnete Pause von drei Rennen wissen wollten.

Foto: 2snap
Selbst aus seinem Marlboro-Ducati-Team konnten Casey Stoner nur ganz wenige Auserwählte erreichen. Einer, der ihn in dem äußerst löchrigen australischen Mobilfunk-Netzwerk orten konnte, war Teamkollege Nicky Hayden, der sich besorgt nach seinem Zustand erkundigte. Aber vielleicht war Nickys Sorge ja gar nicht so aufrichtig, vielleicht glomm tief in seiner Rennfahrerseele die Hoffnung mit, Stoners Pause könne noch etwas länger dauern. Denn kaum war Stoner wieder da, war plötzlich wieder alles wie vor dem Barcelona-GP im Juni, als dem Weltmeister von 2007 erstmals so speiübel geworden war. Stoner lächelte wieder, gab leutselige Antworten, wenn er gefragt wurde, und vor allem lächelte er auch noch, wenn er vom Motorrad stieg: lässig, unbeeindruckt von der südportugiesischen Spätsom-merhitze, mit einer gesunden Farbe im Gesicht, weit weg von der Leichenblässe seiner letzten Auftritte. Vor allem jedoch gab er wieder so zornig, so siegeshungrig Gas wie einst im Mai. Vierter im ersten freien Training am Freitag, Dritter in der Qualifikation am Samstag, Zweiter im Rennen - nach zwei Monaten Rennpause, nach fünf Monaten ohne wirkliches Fitnesstraining. Welche Gefühle mag das im Kollegen Hayden ausgelöst haben, der in der Zwischenzeit unablässig und hart an sich selbst und am Motorrad gearbeitet hatte und trotzdem nur Achter wurde? "Ich habe gewusst, dass Stoner sofort wieder schnell sein würde. Mit Motorradrennen ist es wie beim Fahrradfahren: Du verlernst es nicht, meinte Valentino Rossi. Die einzige wirkliche Frage war, ob Casey Stoner 28 Rennrunden in vollem Tempo durchhalten würde. Aber die konnte vor dem Rennen nicht mal er selbst beantworten. "Wir haben in Australien eingehende Bluttests gemacht, auch unter Belastung. Leider ist wieder keine klare Diagnose herausgekommen", blieb er rätselhaft. Natriumarmut gepaart mit niedrigem Blutdruck, mehr konnten seine Ärzte nicht feststellen. Dem Ex-Weltmeister wurde eine spezielle Diät verordnet, mit der er in zwei Monaten von 56 wieder auf gesunde 60 Kilogramm zunahm. Gleichzeitig schonte er sich und belastete seinen Körper nur gerade genug, um allzu großen Muskelkater beim Comeback zu verhindern. Sonst hielt er Abstand von allem, was mit dem GP-Zirkus zu tun hatte, schaute sich nicht einmal die Rennen im Fernsehen an. "Diese Pause war sowieso schon die schwierigste Entscheidung meines Lebens. Rennfahren ist mehr als mein Beruf, es ist mein Leben. Deshalb habe ich auch nie daran gedacht, das Handtuch zu werfen und aufzuhören", räumte er mit Gerüchten über seine Zukunft auf. Selbst die intensive Suche seines Teams nach anderen Fahrern, das millionenschwere Angebot an Jorge Lorenzo waren für ihn nur eine Randnotiz. "Verständlich", brummte er nur. "Doch ich habe einen Vertrag bis Ende 2010, und den werde ich auf jeden Fall erfüllen. Gesundheitlich habe ich noch einen weiten Weg vor mir, doch ich will 2010 topfit antreten und um den Titel kämpfen." Wenn schon ein nur halb gesunder Casey Stoner auftritt wie in Estoril, können sich die Gegner auf einiges gefasst machen. Nur der entfesselte Jorge Lorenzo war schneller, der Training und Rennen souverän beherrschte und seinen vierten Saisonsieg feierte. Doch Lorenzo war ja auch der neue Außerirdische und trat zum 40-Jahres-Jubiläum der ersten Mondlandung mit einem Helm in schwarz-weißem Astronautendesign auf."Ein kleiner Schritt für einen Mann, aber ein Riesensprung für die Menschheit", stand Lorenzo-typisch bescheiden auf dem Kopfschutz. Die beiden anderen Topstars hatte Stoner geschlagen: Daniel Pedrosa, den er nach wenigen Runden überholte, ebenso wie Valentino Rossi, der als Vierter eine besonders empfindliche Niederlage ein-stecken musste. "Ich hatte das ganze Wochenende aus den engen Kurven nicht ge-nügend Traktion. Mit allen vier Topfahrern wieder an Bord reicht das kleinste Problem, und du bist unweigerlich Vierter", murmelte Rossi irritiert, dessen Titelverteidigung bei einem auf 18 Punkte geschrumpften Vorsprung nun womöglich doch noch zur Zitterpartie wird - auch dank Casey Stoner. Ganz ähnlich wie der Australier und mindestens so überraschend mischte sich beim Estoril-GP auch Sandro Cortese unter die Siegertypen. Nach Stürzen von WM-Leader Julian Simon, dem WM-Zeiten Nicolas Terol und KTM-Star Marc Marquéz legte sich der Schwabe selbstsicher ins Zeug und schnappte dem Briten Bradley Smith Rang zwei in der letzten Runde vor der Nase weg. Nicht minder hinreißend war der Kampf gegen den am Ende viertplatzierten Stefan Bradl, den Cortese schon zu Rennmitte für sich entschieden hatte. Während Cortese sich freilich auch in Zukunft mit Smith und Espargaro balgen und dabei, so das große Ziel, um den WM-Titel kämpfen wird (siehe Interview), wird es mit dem direkten Duell der beiden Deutschen bald vorbei sein: Bradl steigt mit seinem Viessmann-Kiefer-Racing Team in die neue Moto2-Viertaktklasse auf. "Neue Klasse, neue Herausforderung - ich freue mich", strahlt Bradl, der schon für diese Saison gern in der 250er-Klasse gefahren wäre. "Das Beste daran: Es ist für alle neu, jeder fängt bei null an, es gibt niemanden, der von vornherein als Sieger oder Verlierer feststeht. Alles hängt von der richtigen Saisonvorbereitung ab." Weshalb sein Team auch so viele Tests wie möglich einplant. "Vom Fahrstil sollte mir die stärkere Maschine liegen, denn ich bin Zeit meiner Karriere so gefahren, dass ich am Kurvenende früh beschleunigen kann. Das hat nur dieses Jahr nicht so gut geklappt. Ich muss es halt wieder in meinen Schädel reinkriegen", erläutert Bradl. In Sachen Chassis entschied sich Kiefer-Racing für die Suter MMX des früheren GP-Piloten Eskil Suter aus Turbenthal bei Zürich, zu dem es nicht nur eine geographische und sprachliche Nähe gibt, sondern der mit seinen MZ-, Kawasaki- und Ilmor-Projekten aus früheren Jahren auch die nötige Erfahrung für den GP-Prototypenbau vorweisen kann. Gründe, welche auch den MotoGermany-Teamchef Dirk Heidolf mit dem zweifachen deutschen Supersport-Meister Arne Tode als Fahrer sich für Suter entscheiden ließen. Das Emmi-Caffè-Latte-Team mit Tom Lüthi, das künftig bei Düsseldorf in Heimatnähe des bisherigen Koordinators und neuen Teambesitzers Terrell Thien ansässig sein wird, geht einen anderen Weg und entscheidet sich wohl für japanische Moriwaki-Fahrwerke. In der Woche nach dem Portugal-GP besuchte Thien jedoch auch noch den derzeit einzigen deutschen Hersteller von Moto2-Maschinen, Kalex in Bobingen bei Augsburg, um das dortige Konzept unter die Lupe zu nehmen. Schon vorher feierte das ehrgeizig gestartete Unternehmen der Partner Klaus Hirsekorn und Alex Baumgärtel den ersten Erfolg: Nach dem Portugal-GP flatterte die erste Bestellung für ein Set der Rennmaschinen ins Haus. Wie der prominente Kunde heißt, ist noch streng geheim.

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