Grand-Prix-Finale in Valencia/E (Archivversion) Meistermacher Martinez

Während sich seine 125er-Piloten Gabor Talmacsi und Hector Faubel auf der Piste noch um die Weltmeisterschaft balgten, hatte ihr Teamchef den Titel schon sicher in der Tasche. Der Spanier Jorge Martinez, 1988 selbst Achtelliter-Champion, ist nicht nur in seiner Heimat einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Motorradsport-Manager.

Zehn Punkte Vorsprung – das war die Trumpfkarte, die Gabor Talmacsi im letzten Achtelliter-Grand-Prix der Saison 2007 gegen Hector Faubel ausspielen konnte, seinem letzten Rivalen im Kampf um die WM-Krone. Zehn Punkte, das hieß, dass ein Sieg allein, zu dem Faubel in ­Valencia 132500 Landsleute anfeuerten, für den Titel nicht reichen würde – solange Talmacsi auf Podestkurs fuhr. Doch der Ungar hatte eher auf Sieg als auf Sicherheit gesetzt und duellierte sich mit dem Spanier so inbrünstig, dass die Entscheidungsschlacht um den Gesamtsieg der 125er-Klasse zum Rennende nochmals richtig an Dramatik gewann. Plötzlich hatten die Verfolger aufgeschlossen, und es war zeitweise gar nicht mehr abzusehen, wie der Zieleinlauf aussehen würde. Faubel zwei Zehntelsekunden vor Talmacsi lautete das Ergebnis schließlich, das einen überglücklichen neuen Weltmeister und einen wütenden Rennsieger hervorbrachte (siehe Kasten auf Seite 128).
Während der Ungar und der Spanier noch kämpften, hatte einer bereits ge­wonnen. Der Teamchef der beiden nämlich, Jorge Martinez Salvadores »Aspar«, dessen Spitzname von seinen Großeltern hängen blieb, die im Valencia-Provinznest Alcira als »els aspardenyers« arbeiteten – als Schuhmacher von Leinenschlappen.
Der Enkel ist diesen bescheidenen ­Verhältnissen schon lange entwachsen. In den 80er Jahren holte »Aspar« vier WM-­Titel auf Spaniens Traditionsmarke Derbi, drei in der Schnapsglasklasse bis 80 cm3, einen weiteren bei den 125ern. Knapp zehn Jahre nach seinem letzten Titelgewinn fuhr Martinez immer noch aufs Podest, und ­als er Ende 1997 den Helm an den Nagel hängte, konnte er nahtlos als Teamchef weitermachen, weil er schon fünf Jahre zuvor sein eigenes Team aufgebaut hatte.
Heute ist die Aspar-Mannschaft ein Imperium von fünf Fahrern in zwei Klassen, die mehr Siege sammelt als jede andere, zweimal hintereinander den 125er-Titel holte und 2008 mit Alvaro Bautista auf ­die 250er-Krone zusteuert. »Unser Team wurde geschaffen, um sportliche Erfolge zu erzielen, nicht ökonomische«, behauptet Aspar. »So kann das gesamte Teambudget dafür eingesetzt werden, das Optimum herauszuholen. Wenn getestet werden muss, wird getestet. Wenn Material ein-gekauft werden muss, wird Material eingekauft. Wenn ein guter Techniker gebraucht wird, engagieren wir einen.«
Das zweite Erfolgsgeheimnis sind die freundlichen Umgangsformen in der Box. »Es ist wichtig, ein menschlich angeneh-mes Ambiente zu haben. Vor allem für die jungen Fahrer. Als Anfänger brauchen sie Nestwärme, müssen sich wohlfühlen. Wir betreiben einen Sport mit Risiken. Das bedeutet, dass die Fahrer ihren Spaß haben müssen. Wenn das Ambiente nicht stimmt, fühlen sich die Sportler unter Druck gesetzt, werden zu Dingen angetrieben, zu denen sie nicht angetrieben werden sollten«, sagt Martinez. »Meine Mission als Teamchef ist es, den Fahrern zur Seite zu stehen, ihnen gelegentlich Ratschläge zu erteilen. Für sie ist es wichtig zu wissen, dass sie jemanden bei sich haben, der helfen kann, wenn es Zweifel an der Technik gibt. Wenn sie über etwas reden wollen. Wenn sie meine Erfahrungen zu einem ­bestimmten Thema hören wollen. Sie brauchen das beruhigende Wissen, dass ich ­für sie da bin.«
So bringt Jorge Martinez Talente nach oben, und zwar nicht nur innerhalb des ­GP-Fahrerlagers, sondern von den ersten Anfängen an. Wie seine Landsleute Alberto­ Puig oder Emilio Alzamora betreibt auch Martinez, mit dem Geldinstitut Bancaja ­als Sponsor, eine Rennfahrerschule. Dort treten talentierte Knirpse in drei Klassen an: Acht- bis Zehnjährige auf Minibikes, Zehn- bis Zwölfjährige in der Kategorie ­»MiniGP«, Zwölf- bis 14-Jährige schließlich bei »PreGP«. Jedes Jahr im März wird ­eine Fahrerauswahl getroffen, bei der die jeweils 15 Besten pro Kategorie alles kostenlos erhalten: Helm, Leder und Motorrad. Die drei Ersten jeder Kategorie steigen ­auto­-matisch in die jeweils nächsthöhere Klasse auf. Im Alter von 14 Jahren erfolgt eine ­weitere Auswahl, für das Aspar-Team in der spanischen Meisterschaft. Wer dort ­unter die ersten Drei fährt, darf in der Weltmeisterschaft Gas geben. »Die Treppe führt nach oben, vom Schnulleralter bis in die Weltmeisterschaft der 125er. Und wenn sie dort gewinnen, können sie 250er fahren«, erklärt Martinez.
Dass Martinez derartige Strukturen aufbauen und finanzieren konnte, hängt mit dem unglaublichen Boom der Region zusammen, die einst nur für ihre Orangenhaine berühmt war, mittlerweile dagegen mit kulturellen, industriellen und sportlichen Großprojekten Maßstäbe setzt – von der vor zehn Jahren entworfenen Ricardo-­Tormo-Rennstrecke in Cheste bis zum neuen Formel-1-Kurs mitten in Valencia, in unmittelbarer Nachbarschaft des Hafens, in dem im Sommer dieses Jahres der America’s Cup ausgetragen wurde. Weil Martinez einer der berühmtesten Söhne der Region ist und mit den höchsten Orden behängt wurde, die sich ein Sportler in Spanien verdienen kann, ist er als hoch geschätzte Galionsfigur überall dabei.
So trägt die Cheste-Strecke zwar nicht seinen Namen, doch war Martinez entscheidend an der Gestaltung der Piste mit ihrer unübertrefflichen Stadionatmosphäre beteiligt. »Ich bin happy, dass der Kurs ­Ricardo Tormo heißt. Tormo war der erste Weltmeister aus Valencia, und er hat mich persönlich unterstützt, als ich mit dem Rennfahren anfing«, erinnert sich Martinez. »Ich habe zum Design, zur Konstruktion beigetragen. Von Anfang an war die Idee, etwas Innovatives zu machen, ein Stadion zu bauen, in dem die Zuschauer alles überblicken konnten.«
Das Unternehmen wurde zu einem ­solchen Erfolg, dass Martinez sich nun ans zweite Großprojekt wagt: Mit seiner Firma Valmor sicherte sich Martinez die Rechte zur Durchführung und Vermarktung des Formel-1-Grand-Prix auf dem neuen Stadtkurs. »Das Design der Stecke stammt ­von Hermann Tielke, doch natürlich haben auch wir unsere Ideen dazu beigetragen«, sagt Martinez. Natürlich.
Neben solchen Mammutprojekten betreibt Jorge Martinez kleinere Geschäfte wie ein öffentliches Trainingszentrum für Tennis und Squash sowie eine Tennis-Schule für Profis. Mit Rallye-Champion Carlos Sainz baut er eine Indoor-Kartan­lage. »Ich habe etliche Geschäfte neben dem Motorsport, die, Gott sei gedankt, gut laufen und es mir erlauben, den GP-Sport zu betreiben, ohne damit Geld verdienen zu müssen«, lächelt Martinez.
Alles, was Aspar anfasst, wird, so scheint es, zu Gold, und bisher ist er nur mit wenigem gescheitert. So hätte er, als Aprilia 2004 zum Verkauf stand, die Rennabteilung des venezianischen Werks am liebsten komplett nach Valencia verfrachtet. »Schade, dass das nicht geklappt hat. Mir würde es gefallen, wenn eines Tages hier an der Rennstrecke eine Hochtechnologie-Rennsportabteilung entstehen würde, für die Formel 1 genauso wie die MotoGP-Klasse«, so Martinez.
Ein weiteres Projekt, bei dem er Ge-duld aufbringen muss, ist der geplante Ein-stieg in die MotoGP-Klasse. Martinez hätte gerne schon 2008 einen Piloten auf einer Werks-Suzuki in der Königsklasse antreten lassen und Kevin Schwantz als Team­-chef verpflichtet, musste das Projekt aber aufschieben. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. »Derzeit planen wir, 2008 mit Wild Cards bei drei bis fünf Rennen ­teilzunehmen und 2009 mit einem Zwei-Fahrer-Team voll einzusteigen. Hoffentlich mit Kevin Schwantz – er ist ein großartiger Typ, der sich sehr klar ausdrückt, der ein unglaublicher Fahrer war und immer noch ein sehr enges Verhältnis zum Werk hat.«
Etwas Geduld braucht Martinez auch noch, bis sich sein großer Traum erfüllt, ­einen Fahrer aus der Region Valencia zum WM-Titel zu führen. Hector Faubel, der 2008 in die 250er-Klasse aufsteigt, wäre der Kandidat gewesen.
Doch der musste in Valencia trotz des Siegs seinem Teamkollegen Talmacsi den Vortritt lassen, der den ersten ungarischen WM-Titel der Grand-Prix-Geschichte feier-te. Faubel ließ den Kopf trotzdem nicht hängen. »Ich bin keineswegs traurig. Dieser Sieg vor diesem Publikum ist genauso viel wert wie der Titel«, erklärte er mit dem Stolz des Spaniers.
Und mit dem besonderen Stolz eines Sohnes der Region Valencia, der vor der Zukunft keine Bange hat. Genauso wenig wie sein Teamchef.

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