Grand Prix in Assen/NL und Donington/GB (Archivversion) Der Rossi-Fall

Wenn seine Gegner stürzen, verletzen sie sich hin und wieder bis zur Kampfunfähigkeit. Wenn Valentino Rossi fällt, bleibt das meist folgenlos. So war es 14 Jahre lang, bis zum Assen-GP 2006. Doch selbst in dieser für ihn neuen und schmerzhaften Situation zeigte sich nur, wie außergewöhnlich Rossi wirklich ist.

Valentino Rossi fackelte nicht lange. Vom zwölften Platz gestartet, stieß er beim England-Grand-Prix sofort in die Top Ten vor, rückte zu Halbzeit des Rennens an die fünfte Stelle auf und blies dann zur Jagd auf Marco Melandri, Kenny Roberts junior und Casey Stoner, die sich hinter dem weit enteilten Jungstar Dani Pedrosa um den zweiten Platz balgten.
Acht Runden vor Schluss hatte Rossi auch diesen Rückstand wettgemacht und begann anzugreifen. Stoner war relativ leichte Beute; Melandri wehrte sich schon verbissener. Die Entscheidung fiel erst in der letzten Kurve: Beide bremsten 20 Meter später als normal, beide verpassten die Ideallinie, doch Rossi schaffte es wieder einmal, als Erster ans Gas zu gehen, und brauste 15 Hundertstelsekunden vor seinem Landsmann über die Ziellinie.
Jetzt war das Publikum endgültig aus dem Häuschen, kletterte von allen Seiten über Zäune und Barrikaden hinweg, wälzte sich wie eine Lawine in Richtung Podium und veranstaltete ein Freudenfest, das dem von Mugello kaum nachstand. »Ein unglaub-
liches Rennen. Nach unseren Schwierigkeiten im Training bauten wir das Motorrad völlig um, konnten das neue Set-up wegen des Regens heute morgen aber nicht ausprobieren. Es war ein reines Glücksspiel, zahlte sich aber aus«, strahlte Rossi und hielt einen dicken Eisbeutel an sein rechtes Handgelenk.
Manchmal sind auch zweite Plätze wie ein Sieg. Dass Rossi seinen Rückstand in der WM-Tabelle von 46 auf 35 Punkte verkürzen konnte und nun wieder realistische Chancen hat, das Ruder im Titelkampf doch noch herumzureißen, war nur das Sahnehäubchen obendrauf. Wichtiger war, dass der Weltmeister überhaupt so am Gas drehen konnte.
Denn neun Tage vorher, nach dem ersten freien Training zum Assen-GP, hatte es noch zappenduster ausgesehen. Nur sechs Runden weit war Valentino Rossi in Assen gekommen, bevor bei 185 km/h das Hinterrad seiner Yamaha auskeilte. »Als es wegrutschte, dachte ich: Jetzt tut’s gleich weh. Ich zählte eins, zwei, drei – dann schlug ich im Kiesbett ein«, schilderte der Weltmeister.
Tatsächlich sollte der Sturz, ausgelöst durch einen harten
Reifen, der nicht zu dem neuen Streckenbelag der umgebauten Traditionsstrecke passte, zu Rossis bislang schmerzhaftestem Rennunfall werden. Anstatt wie sonst unbeschädigt wieder auf-
zustehen, krümmte sich Rossi im Kiesbett, wurde von den
Sanitätern ins Klinikmobil von Rennarzt Claudio Costa gebracht
und mehreren Röntgenaufnahmen unterzogen. Dann kam die Hiobsbotschaft. Der Weltmeister hatte einen Bruch des rechten Handgelenks erlitten, genauer: des Erbsenbeins, eines kleinen Knochens zwischen Hand und Elle.
In seinem ganzen Leben hatte Rossi erst zwei kleinere Knochenbrüche wegstecken müssen, und die passierten abseits der Rennstrecke. Das erste Mal 1994 im rechten Fuß, als er zu übermütig mit dem Roller Gas gegeben hatte, und nochmal 1995 im rechten Handgelenk, als er von einer Cross-Maschine purzelte.
Alle Stürze seiner 14 Jahre währenden GP-Karriere hatte er hingegen abgefedert wie eine Gummipuppe, sogar die scheußlichsten Highsider auf den rabiaten Zweitakt-500ern. Dass Rossi nach einer Serie sportlicher und technischer Pannen jetzt auch noch verletzt war, passte ins Bild einer schwierigen Saison, und selbst seine Fans fragten sich, wie ihr Held mit diesem neuen, frustrierenden Rückschlag fertig werden würde.
Doch Rossi zeigte sich von der harten Sorte – härter, als selbst seine größten Bewunderer vermutet hätten. Schon im zweiten freien Training mischte er sich mit einem Tapeverband wieder ins Geschehen ein und holte die zwölftbeste Zeit, nur 1,3 Sekunden hinter seinem Teamkollegen Colin Edwards. Tags darauf halfen
indes alle Schmerzmittel nichts: Rossi konnte weder Leder, Helm noch Handschuhe ohne fremde Hilfe anziehen, verpasste die
ersten 20 Minuten des freien Trainings und legte nur vier Runden
zurück. In der Qualifikation biss er die Zähne zusammen und fuhr 14 Runden, schaffte aber nur den letzten Startplatz – 3,8 Sekunden hinter John Hopkins auf der Pole Position, langsamer auch als Neuling Ivan Silva auf der Pramac-Ducati. Im Rennen holte er nach zäher Aufholjagd einen heroischen achten Platz und war auf seiner schnellsten Runde lediglich 0,6 Sekunden langsamer als Rennsieger Nicky Hayden.
Rossis Teamkollege Colin Edwards hätte im Kampf gegen den Honda-Werksfahrer fast die Kohlen aus dem Feuer geholt und sah vom Start bis zur vorletzten Runde wie der sichere Sieger aus. Im Finale des Assen-Grand-Prix wendete sich das Blatt jedoch auf dramatische Weise. Anderthalb Runden vor Schluss sah sich der 32-jährige Texaner plötzlich von Hayden bedrängt, driftete beim heftigen Anbremsen einer Kurve auf die Kerbs, musste aufrichten und fuhr geradeaus durch einen Notausgang.
In der letzten Runde holte sich der zweifache Superbike-Weltmeister die Führung zurück, patzte in der berüchtigten Schikane vor Start und Ziel dann allerdings erneut. Edwards geriet in den Kies und gab dabei auch noch tüchtig Gas, weil er Hayden direkt neben sich auf der Piste wähnte. Die Hinterhand seiner gelben Yamaha brach aus, Edwards wurde aus dem Sattel katapultiert, schaffte es für wenige Sekundenbruchteile noch, sich wie ein
Seitenwagenpassagier seitlich an seinem Gefährt festzuhalten, schlug dann aber wuchtig in die Air Fences neben der Strecke ein.
Mit vereinten Kräften der aufgeregten Streckenposten schob er seine verbeulte Maschine nochmals an und querte als 13. den Zielstrich, war aber so wütend, dass er mit der Faust die Verkleidungsscheibe zertrümmerte. »Wenn Nicky Weltmeister werden will, muss er lernen, wie man ein Rennen anführt. Er muss in der Lage sein,
in der letzten Runde die schnellste Zeit zu fahren. Diese weltmeisterlichen Qualitäten hat er nicht. Ich bin sauer, denn er ist
der Schnellste, wenn es darum geht hinterherzufahren. Doch er hat heute erneut bewiesen: Von seinem Heim-Grand-Prix abgesehen, kann er kein Rennen anführen«, schimpfte der »Texas Tornado«.
Auch Valentino Rossi rechnete nach Haydens erstem Sieg außerhalb Amerikas ziemlich kühl mit seinem WM-Rivalen ab: »Wir haben sein Limit gesehen. Wenn Nicky führt, kann er nicht im gleichen Rhythmus weiterfahren. In der letzten Runde verlor er eine Sekunde auf Colin. Er ist nach wie vor zu schlagen.«
Zumal Rossi in der Woche darauf auf einer seiner Lieblingsstrecken antrat. »Donington ist mein zweiter Heim-GP«, erklärte der Wahl-Londoner, der fünf von sechs Rennen in der Königs-
klasse dort gewonnen hatte, »ein Podestrang ist auf jeden Fall drin.« Er unterzog sich dreimal täglich einer Physiotherapie, absolvierte Probefahrten auf einem Yamaha T-Max und präsentierte sich bei Trainingsbeginn mit deutlich abgeschwollenem Unterarm.
Dass er im Abschlusstraining trotzdem wieder auf den zwölften Startplatz absackte, hatte andere Gründe. »Das Handgelenk funktioniert, die Yamaha nicht«, brachte Rossi seine Sorgen auf den Punkt. Weniger das bekannte Chattering, sondern mangelnde Handlichkeit war das Problem: Mit der neuesten Generation extrabreiter Michelin-Hinterreifen ließ sich die Yamaha nur mühsam um die Spitzkehren des letzten Streckenteils zwingen.
Sein Trost: WM-Rivale Nicky Hayden kam ebenfalls nicht
weiter. Honda hatte dem WM-Leader für Donington einen neuen
Rahmen geliefert, der die Haftung am Vorderrad verbessern sollte. Das Experiment erwies sich als Fehlschlag, fürs zweite Training wurde die Maschine wieder zurückgerüstet. Am Ende fehlte die Zeit für eine gründliche Abstimmung. »Auch ich bin alles andere als glücklich mit meiner Maschine. Beim Bremsen fehlt Stabili-
tät, beim Beschleunigen macht sie Wheelies«, beschwerte sich Hayden, der am Ende neben Rossi in der vierten Startreihe parkte.
Die Aufholjagd im Rennen verpatzte der Assen-Sieger durch einen Ausritt. Hayden rumpelte in der Schikane durchs Gras, fiel vom siebten auf den elften Platz zurück und tat sich danach schwer, wenigstens den siebten Schlussrang sicherzustellen. In der WM-Wertung spürt er jetzt erstmals den heißen Atem seines Teamkollegen Dani Pedrosa: Das Wunderkind stieß nach einem makellosen Wochenende mit Pole Position und überlegenem Sieg auf den zweiten WM-Rang vor.

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