Grand Prix in Barcelona/E (Archivversion) Donner und Gloria

Ein spektakulärer Startunfall eliminierte beim Grand Prix Catalunya die beiden MotoGP-Titelanwärter Loris Capirossi und Marco Melandri. Weil später auch die beiden Jungstars Casey Stoner und Daniel Pedrosa stürzten und der mit viel Pech arg in Rückstand geratene Champion Valentino Rossi zu seiner überlegenen Form zurückgefunden hat, wird der Titelkampf noch spannender.

Das Pech lastet wie ein Fluch auf Sete Gibernau. Seit dem Qatar-Grand-Prix im Oktober 2004 hatte der Katalane kein Rennen mehr gewonnen, und wenn es nach dem 13. Trainingsplatz in Barcelona je noch einen letzten Funken Hoffnung gegeben hat, das Ruder endlich herumzureißen, erlosch er gleich beim Start des Rennens: Sete stieß auf dem Weg zur ersten Kurve mit der rechten Flanke seiner Ducati gegen das Motorrad seines Teamgefährten Loris Capirossi und verhedderte sich mit dem Bremshebel am linken Knie des Italieners. Das blockierende Vorderrad löste bei exakt Tempo 194 einen Furcht erregenden Salto mortale aus, bei dem sich Gibernau eine Gehirnerschütterung und einen Bruch des linken Schlüsselbeins zuzog. Bevor er im Krankenhaus versorgt werden konnte – der Bruch wurde tags darauf operiert – wartete freilich noch weiteres Ungemach auf den Ducati-Star: Fünfzig Meter vor dem Eingang zur Notaufnahme stieß sein Ambulanzfahrzeug mit einem Bus
zusammen, Gibernau fiel dabei von seiner Liege.
Schwerwiegender war die Kettenreaktion, die der Sturz im MotoGP-Feld nach sich zog: Gibernau reißt Capirossi um, dessen Ducati schlingert gegen die Honda von Marco Melandri. Der verliert bei dem Rammstoß das Gleichgewicht, stürzt ebenfalls und nimmt Daniel Pedrosa mit sich. Weitere schuldlose Opfer sind Randy de Puniet und John Hopkins. Und so wälzen sich am Ende nicht weniger als sechs Piloten im Kies der ersten Kurve.
Als sich der Staub gelegt hatte, bot sich ein Bild des Jammers. Loris Capirossi sah aus, als sei er unter einen Zug gekommen, fiel den Sanitätern beim Abtransport von der Trage und wurde wegen einer Schwellung im Brustkorb im Krankenhaus auf
innere Verletzungen untersucht. Deutlich schlimmer noch schien es Marco Melandri erwischt zu haben. Mit dem linken Arm zwischen Auspuff und Hinterradschwinge eingeklemmt, hatte ihn Pedrosas Honda wie einen Sack Zement durch den Kies geschleift.
Weil eine ganze Traube von Sanitätern und Streckenposten mit der Bergung der Fahrer beschäftigt war, wurde das Rennen sofort abgebrochen. Pedrosa, de Puniet und Hopkins machten sich auf den Rückweg zu ihren Ersatzmaschinen. Rennarzt Claudio Costa signalisierte nach bangen Minuten dann Entwarnung für die italienischen Stars. Sie waren ohne schwere Verletzungen davon gekommen, nur Melandri hatte sich eine Schulter ausgekugelt.
Ganz vorbei war das Chaos damit noch immer nicht. Kurz vor dem Neustart eine halbe Stunde später würgte Chris Vermeulen seine Suzuki ab. Während seine Mechaniker zu Hilfe eilten und die Maschine wieder anwarfen, überhitzte die Kawasaki von Shinya Nakano und sprühte einen Kühlwassernebel von innen auf die Windschutzscheibe. Die ZX-RR wurde ins Abseits geschoben, Nakano sprintete in die Box zu seiner Ersatzmaschine und sorgte für eine weitere Startverzögerung. In der Hektik fädelte sich der Japaner erneut auf seinem Startplatz ein, anstatt sich, wie im
Regelwerk vorgesehen, am Ende des Feldes anzustellen. Weil er dann auch noch die Boxensignale für eine Stop-and-Go-Strafe übersah, wurde Nakano schließlich mit der schwarzen Flagge von der Strecke geholt und disqualifiziert.
Glücklos blieb auch sein Teamkollege. De Puniet stürzte im Rennen ein zweites Mal, ebenso wie Dani Pedrosa. Auch Toni
Elias und sein phänomenal gestarteter Honda-Markenkollege
Casey Stoner konnten sich nicht im Sattel halten. Am Ende fehlten acht Top-Fahrer, das Feld war auf elf Piloten zusammengeschrumpft, die sich als Überlebende der vielen Havarien glücklich schätzen und über ein paar kuriose Resultate freuen durften. Wann sonst hätte etwa Alex Hofmann auf seiner Dunlop-bereiften Pramac-Ducati auf einen zehnten Platz hoffen können?
Im Kampf um die Spitzenplätze kam es dennoch auch
zu einigen Topleistungen, die durch das ausgedünnte Feld nichts von ihrem Glanz verloren. So hätte der Trainingsschnellste Valentino Rossi sicher auch ohne die vielen Ausfälle gewonnen. Er vermasselte zwar den Start, rückte vom fünften Platz aber unwiderstehlich vor und gewann am Ende überlegen. »Nach dem Abbruch hatte ich ein sehr ungutes Gefühl, ich machte mir vor allem um Marco Melandri Sorgen«, berichtete er. »Als unser Rennarzt Doktor Costa mit guten Nachrichten kam, fiel es mir leichter, mich auf den zweiten Start zu konzentrieren. Verhaut habe ich ihn trotzdem, und das Motorrad war mit vollem Tank in den ersten Runden auch nur schwer abzubremsen. Später war alles perfekt – ich hatte zwar nicht so viel Motorleistung wie Hayden mit seiner Honda, dafür aber überlegene Traktion in den Kurven.«
Nicky Hayden bestätigte: »Rossi hat mit mir gespielt und seine Reifen geschont, bevor er am Schluss davonzog – gegen ihn
hatte ich keine Chance«. Der US-Amerikaner führt nach seinem zweiten Platz zwar in der WM-Tabelle 20 Punkte vor Capirossi, weiß jedoch gleichzeitig, dass er bald einen Joker aus dem Ärmel ziehen muss, wenn er Rossi, weitere neun Punkte zurück, die Stirn bieten will. »Konstanz ist gut und hat mich weit gebracht, doch ich muss anfangen, Rennen zu gewinnen,« nahm er sich vor.
So weit denkt sein Landsmann Kenny Roberts junior noch nicht – für ihn war schon der dritte Rang wie ein Sieg. »Vor einigen Rennen, als wir bis zu zwei Sekunden auf die Bestzeit verloren, habe ich meinem Team angeboten, es mit einem anderen Fahrer zu versuchen. Wir drehten uns im Kreis, ich wusste nicht weiter,« schilderte der 500er-Weltmeister des Jahres 2000.
Dann holte sein Vater, Teambesitzer King Kenny Roberts,
fahrwerkstechnische Unterstützung. Und zwar genau bei jener
Firma, die ihm schon mit dem Motor ausgeholfen hatte: bei
Honda. »Wir hatten noch nie einen Motor mit so viel Drehmoment zur Verfügung. Deshalb stocherten wir auch mit dem Chassis
im Dunkeln«, erklärte Roberts senior. Zunächst wurden Schwinge und Chassis-Heck rund um das Federbein verstärkt, in einer
weiteren Evolutionsstufe dann auch der Lenkkopfbereich, wobei einige der vielfältigen Verstellmöglichkeiten über Bord geworfen und der Steuerkopf kompakter und gleichzeitig verwindungs-
steifer gemacht wurden. Der Rest war Abstimmungssache – so wurde das Motorrad vor dem Barcelona-Einsatz vorn nur noch etwas niedriger gestellt und die Lenkerposition an-
gepasst. »Beim Frankreich-GP hatten wir unser Paket zu
50 Prozent geschnürt, in Mugello zu 75 Prozent und bei den
anschließenden Tests zu 100 Prozent. Wir wussten, dass hier in Barcelona alles klappen würde«; frohlockte der Junior, der schon mit Platz drei im Training für Aufsehen gesorgt hatte.
Blieb die Frage, wie man die Sicherheit bei den Rennen weiter erhöhen und Unfälle wie die von Sete Gibernau in
Zukunft vermeiden könnte. »Ein Lenkerschutz wie beim Motocross ist vielleicht eine ganz gute Idee«, bestätigte Rossi den Vorschlag eines italienischen Journalisten. »Vielleicht könnten wir auch ein Gentlemens Agreement einführen, in der ersten Kurve, der gefährlichsten Stelle des ganzen Rennens, generell aufs Überholen zu verzichten«, fügte er grinsend hinzu.
»Ich bin eigentlich ganz zufrieden mit dem, was bei den MotoGP-Rennen für die Sicherheit getan wird, gemessen daran, dass meine beiden Brüder sich dieses Jahr schon die Knochen gebrochen haben, weil sie in ihren Rennserien in Amerika gegen solide Mauern gerauscht sind«, erklärte Hayden, gab Rossi beim Hauptgefahrenpunkt aber Recht: »Das mit der ersten Kurve stimmt – da wollen alle Blut sehen.“

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