Grand Prix in Brünn/CZ (Archivversion) Steuerkünstler

Mit für einen 21-Jährigen fast schon erschütternder Coolness steuert der Australier Casey Stoner seine Werks-Ducati in Richtung Sensations-WM-Titel. Giga-Star Valentino Rossi hat derweil mit den Tücken eines völlig anderen Steuersystems zu kämpfen, und das mit mehr als fragwürdigen Aussichten.

Valentino Rossi redete nicht. Nachdem die italienische Steuerfahndung wie eine Wagenladung Wackersteine über den Superstar hereingebrochen war (siehe Kasten Seite 133), strich er alle Interviews aus der Terminplanung für das Brünn-Wochenende. Selbst die täglichen Pressegespräche zu Trainings- und Rennverlauf fielen ins Wasser. Die Journalisten mussten sich aus den kargen, offiziellen Statements des Fiat-Yamaha-Teams bedienen.
Valentino Rossi lächelte auch nicht. Das sonst so präsente Fahrgenie, das die Techniker in der Box normalerweise mit wortgewaltigen Analysen, quicklebendiger Gestik und glockenwachen, funkelnden Augen elektrisiert, wirkte beim Tschechien-Grand-Prix leer, müde, abgespannt.
Was jedoch für die Fans das Schlimmste war: Valentino Rossi überholte auch nicht. Schon gar nicht Casey Stoner, gegen den im Kampf um den Titel nur ein Sieg hätte helfen können. Stattdessen blieb’s bei Platz sieben im Rennen, was gegen­über dem siebten Saisonsieg von Stoner kein Fauxpas mehr war, sondern eher einer bedingungslosen Kapitulation glich.
Nicht, dass Rossi nicht gekämpft hätte. In der achten Runde fuhr er immerhin an Loris Capirossi vorbei und übernahm in der Verfolgergruppe kurz das Kommando. Doch wenig später wurde er von Suzuki-Fahrer Chris Vermeulen überrumpelt, dann schlug auch Capirossi zurück. Statt auf Angriff schaltete Rossi danach auf Verteidigung, wie eine irritierte Fußballmannschaft, die nur noch den Ball zu halten versucht. Am Ende musste Rossi froh sein, den drängelnden Randy de Puniet und dessen Kawasaki in Schach gehalten zu haben.
Wieder trugen die Reifen die Hauptschuld am Misserfolg. Er habe vor allem an der rechten Reifenflanke so gut wie keinen Grip gehabt, ließ Rossi in gedruckter Form berichten. Man habe sogar ein neues Set-up ausgetüftelt und Kurvenspeed geopfert, um seiner Yamaha mehr Traktion zu ver­leihen, doch es habe alles nichts genützt.
Bereits am Samstag sah Bridgestone-Renndienstleiter Thomas Scholz ein erneutes Desaster der Konkurrenz von Michelin voraus, weil der enge nutzbare Temperaturbereich der französischen Pneus wieder mal nicht mit den aktuellen vergleichsweise kühlen Witterungsbedingungen harmonier­te. »Das alte Michelin-System, bei dem jedes Wochenende notfalls über Nacht die passenden Reifen gebacken wurden, wird jetzt zum Bumerang. Bridgestone hat nie mit einem solchen System gearbeitet und deshalb auch viel weniger Schwierigkeiten mit der neuen Reifenregel«, hatte Rossi schon nach der empfindlichen Niederlage beim US-GP geklagt. Damals, als er noch zur Öffentlichkeit sprach.
Doch ganz so schlimm wie in Laguna Seca war das Michelin-Debakel nicht. Nicky Hayden holte immerhin zum dritten Mal in vier aufeinanderfolgenden Rennen einen Podestrang. Für Yamaha dagegen wurde der Tschechien-GP zum Super-GAU: Colin Edwards stürzte in Runde zwei, und Rossi wurde aus den letzten WM-Träumen in die Tiefe ge­rissen, in einen Abwärtsstrudel aus Reifenproblemen, aber auch Angst um seinen bisher ma­kel­losen Ruf und drohender Steuernachzahlungen in Millionenhöhe.
Anders als im Vorjahr, als der Doktor seinen Hund Guido als Comic-Figur auf dem Höcker der Yamaha bei arktischen Minustemperaturen hatte frieren lassen, um seinen Punkterückstand zu ironisieren, ist Rossi nicht mehr zu Späßen aufgelegt. Die Situation des Teams sei schlecht, man schiebe etliche Probleme vor sich her. Man werde bei den bevorstehenden Tests sehen, was man tun könne, doch das Ruder herumzureißen sei schwierig. Man stecke in einer harten Phase, ließ er ausrichten.
Zumal sich sein Gegner Casey Stoner keine Blöße gibt. Der 21-Jährige kontrollierte das Rennen mit souveräner Über-legenheit und zeigte sich in bestechender Form. Vom Blitzstart bis hin zu seinem dramatischen Sieger-Wheelie blieb der junge Australier fehlerlos und wirkte noch stärker, noch cooler, noch kontrollierter als je zuvor. »Ich habe die Sommerpause zu intensivem Training genutzt, um gut vorbereitet in die zweite Saisonhälfte gehen zu können«, verriet er. »Es gibt gute Gründe für unseren Erfolg: Wir arbeiten hart und konsequent, ich gebe den Technikern die richtigen In­formationen, unser Paket wird besser und besser.« Selbst der Frage nach dem WM-Titel wich er nicht mehr aus. »Zu Saison­beginn habe ich mir einen Top-Fünf-Rang ausgerechnet. Nach dem China-GP Anfang Mai habe ich die Erwartungen nach oben korrigiert und die Top Drei ins Visier genommen. Jetzt ist alles möglich«, grinste er und fügte hinzu, es wäre nicht schlecht, den Titelgewinn bei seinem Heim-GP in Phillip Island im Oktober einzustreichen.
Zu Nervosität sieht Stoner trotz der in den Himmel geschossenen Erwartungen keinen Anlass. »Im Gegenteil. Der Druck lässt immer weiter nach, mit jedem Erfolg. Wir haben jetzt schon viel mehr erreicht, als wir uns je erträumt haben. Und mit jedem zusätzlichen WM-Punkt wird es leichter. Außerdem denke ich nicht an die Meisterschaft. Wir sind hier, um Rennen zu gewinnen. Wenn wir uns weiter darauf konzentrieren, kommt der Rest von selbst.«
Wie gut Stoner ist, beschrieb keiner besser als John Hopkins, der als Zweiter sein bislang bestes MotoGP-Resultat einfuhr: »Ich habe die Bridgestone-Reifen wirklich bis ans Limit getrieben, und dieses Limit liegt verdammt hoch. Doch was ich auch versuchte, Stoner war schneller. Er fährt, als stünde er lichterloh in Flammen. Ich ziehe den Hut vor ihm.« Zehn Runden lang konnte sich Hopkins im Windschatten des WM-Leaders halten, dann sah er die Aussichtslosigkeit seiner Versuche ein. »Beim ersten Gasgeben am Kurvenausgang konnte ich noch in etwa mithalten. Anschließend aber zog Stoner gnadenlos davon«, berichtete er – eine Beobachtung, die sich einmal mehr in Stoners über­legenen Topspeed-Werten bestätigte.
Freilich ist alles eine Frage der Perspektive, und für den klar geschlagenen Rest des Feldes war auch der Speed von Hopkins und seiner Suzuki beeindruckend. »Drei Kurven lang dachte ich: Das sieht ganz gut aus, jetzt hänge ich mich bei den beiden ans Hinterrad«, schilderte Nicky Hayden, der seinen Teamkollegen Dani Pedrosa in der zweiten Runde überholt hatte. »Dann kam die nächste Gerade. Ich schaute auf und stellte fest: Es war alles nur ein schöner Traum.“

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel