Grand Prix in Brünn/CZ (Archivversion) Rote Karte

Rot war Trumpf beim MotoGP-Rennen im tschechischen Brünn. Mit seinem überlegenen Sieg machte Loris Capirossi einen
Stich, der ihn wieder ins Titelrennen katapultierte – die übrigen Ereignisse sorgten für Verdruss bei WM-Leader Nicky Hayden und für pralle Freude in Valentino Rossis Camel-Yamaha-Team.

Nach dem ersten Training in Brünn wäre Loris Capirossi am liebsten
ins Flugzeug gestiegen und nach Hause geflogen. Seine Ducati Desmosedici ließ sich nur mit viel Kraft von Kurve zu Kurve wuchten und hatte zu wenig Traktion beim Beschleunigen, der kleine Italiener kurvte dem Feld an zwölfter Position hoffnungslos hinterher.
Für den Nachmittag wurde die Fahrwerksgeometrie geändert, und dann zog Bridgestone den Joker. Ein so genannter Back-up-Reifen, der im Hauptkontingent für den Grand Prix der Tschechischen Republik eigentlich gar nicht vorgesehen war und von dem es nur eine begrenzte Stückzahl gab, verwandelte den roten Renner in eine Rakete. Capirossi kata-
pultierte sich am Nachmittag an die dritte Stelle und glühte in der Qualifikation am Samstag auf Platz zwei.
Im Rennen stürmte er vom Start weg an die Spitze und war schon nach wenigen Runden über alle Berge. Mit einer Salve schneller Runden baute er sich
einen Vorsprung von satten acht Sekunden auf und brauste am Ende einer makellosen Fahrt 4,9 Sekunden vor seinem nächsten Verfolger mit einem langen Wheelie über die Ziellinie. »Ich machte in den allerersten Runden Druck, dann ließ ich es lockerer angehen – und trotzdem wuchs mein Vorsprung immer weiter an«, staunte der 33-Jährige über sich selbst.
Mit seinem fünften MotoGP-Sieg brach er einen ganz besonderen Rekord des Spaniers Angel Nieto: Capirossi, der frühere 125er- und 250er-Weltmeister, hatte am 5. August 1990 in Donington seinen ersten 125er-GP gewonnen und überholte mit seinem Erfolg Nieto, weil nun Loris Capirossi mit 16 Jahren und zwei Wochen auf die längste Sieger-
karriere der Grand-Prix-Geschichte zurückblickt. Ein Ende ist frühestens im Jahr 2008 abzusehen: Derzeit verhan-
delt Capirossis Manager Carlo Pernat über einen neuen Ein-Jahres-Vertrag und bringt andere mögliche Jobs wie im
Gresini-Honda-Team ins Spiel, um der geforderten Gage von 4,5 Millionen Euro näher zu kommen.
Capirossis Sieg dürfte ebenso zum Verhandlungserfolg beitragen wie die glänzenden Perspektiven für die nächsten Rennen: Bei den anstehenden Übersee-Grand-Prix ist die Kombination Ducati-Bridgestone brandgefährlich, in Malaysia und Japan hat Capirossi im letzten Jahr sogar gewonnen und sieht mithin Chancen, doch noch in die WM-Entscheidung einzugreifen. »Natürlich bin ich bei aller Freude auch etwas traurig über mein
Pech in Barcelona«, erinnerte er an den von seinem Teamkollegen Sete Gibernau ausgelösten Startunfall beim Katalonien-Grand-Prix Mitte Juni. Capirossi war als WM-Leader in jenes Rennen gegangen und wegen seiner schweren Brustkorbprellungen in den vier Rennen danach auf den fünften WM-Rang abgerutscht. Jetzt fehlen ihm 50 Punkte auf Tabellenführer
Nicky Hayden – aber Capirossi hat schon angekündigt, bis zum letzten Atemzug
im letzten Rennen mit ganzem Einsatz um seine Chance zu kämpfen.
Dabei ist er in bester Gesellschaft von Valentino Rossi, der in Brünn Zweiter wurde und bereits frühzeitig einsehen musste, dass gegen seinen Freund an diesem Tag kein Kraut gewachsen war. »Als Trainingsschnellster habe ich auf eine Siegchance gehofft und deshalb zunächst versucht
anzugreifen. Als das nicht klappte, spekulierte ich darauf, dass Loris später im Rennen einbrechen würde – vergebens. Gegen ihn hatte ich wirklich nichts zu bestellen«, zollte er dem Sieger Respekt. »Viel wich-
tiger ist allerdings, dass ich 13 Punkte
auf Nicky Hayden aufgeholt habe und er im Titelkampf einen Einbruch erlitten hat. Es zeigt sich, dass die Favoritenrolle eben doch eine schwere Bürde ist...«, schoss er gegen seinen WM-Rivalen.
Der schüttelte über Rossis Äußerungen nur den Kopf. »Ich hatte einen glänzenden Start, aber dabei wurde die Kupplung zu heiß. Ich konnte kaum mehr zurückschalten. Ab der zehnten Runde hatte ich dann so gut wie keinen Grip mehr und zog beim Beschleunigen nur noch schwarze Striche. Zum Rennende hin haben meine Gegner natürlich Lunte gerochen«, schilderte das Kentucky Kid düster, das in der allerletzten Runde noch von John Hopkins und Shinya Nakano überrumpelt wurde.
Freilich war Rossis Bemerkung tatsächlich keine nüchterne Analyse, sondern Teil einer Gesamtstrategie, so viele Wunden wie nur möglich beim Gegner aufzureißen und anschließend psychologisch Salz hineinzustreuen. Denn die fatalistische Stimmung im Yamaha-Team nach Rossis Ansage, im WM-Kampf das Handtuch zu werfen und die letzten Rennen lediglich aus Jux zu bestreiten, war nach dem Reifen- und Motorschaden in Laguna Seca schnell wieder trotzigem Kampfgeist gewichen.
Noch am Tag der Niederlage hatte
Masao Furusawa mehrere Krisengipfel ein-
berufen. Der brillante Techniker war als oberster Yamaha-Rennchef maßgeblich an Rossis WM-Titeln 2004 und 2005 beteiligt gewesen, kletterte in der Karriereleiter dann jedoch weiter nach oben. Auf Bitte des Yamaha-Topmanagements ins Fahrerlager zurückgekehrt, um das Team aus der Krise zu führen, trommelte er in Laguna Seca zunächst die Mechaniker zusammen, um sich die Situation erklären zu lassen. Anschließend redete er mit den Verantwortlichen von Michelin Fraktur.
Seiner Überzeugung nach hätten die Probleme von Yamaha mit der neuesten Reifengeneration zu tun, erklärte Furusawa den Franzosen. Er wisse, dass man bei
Michelin anders denke und das Fahrwerk der M1 verantwortlich mache. Deshalb werde man die Ferien nutzen und die M1 gründlich überarbeiten – man werde die Gewichtsverteilung und die Geometrie neu berechnen, außerdem stehe ein Neudesign der Hebelumlenkung für die Hinterradfederung auf dem Programm. »Das ist unser Teil der Arbeit. Wir erwarten, dass Michelin seinen Teil übernimmt und einen Reifen konstruiert, der mit unserem Motorrad funktioniert.« Bei Yamaha war und ist man überzeugt, dass die neuesten Michelin-Reifen auf die Charakteristik der Honda RC 211 V hinkonstruiert wurden.
Furusawa stieg darauf ins Flugzeug, fuhr nach der Landung in Tokio sofort zum Yamaha-Hauptquartier nach Iwata weiter und strich dort erst einmal die Sommer-
ferien der Rennabteilung.
In Brünn stand das Yamaha-Team mit allen bestellten Neuheiten Gewehr bei Fuß – und traf auf einen Valentino Rossi, der sich als Feldherr vor sein Team stellte.
In einem privaten Helikopter in Brünn ein-
geschwebt, ließ er Teammanager Davide Brivio sofort alle Ingenieure zusammenrufen und erklärte bestimmt: »Meine Herren, ich werde diese Weltmeisterschaft gewinnen. Und ihr werdet das Nötige tun, mir ein Motorrad und Reifen in die Hand zu geben, mit denen man siegen kann.«
Diese Grundhaltung, dieser »Geist von Welkom«, ausgelöst durch den unerwarteten Rossi-Sieg auf Yamaha zum Saisonauftakt 2004, war das ganze Wochenende zu spüren. Rossi zog konsequent alle
Register, testete neue Teile, die er noch nie zuvor probiert hatte, und fuhr gleichzeitig schon am Freitagnachmittag mit Quali-
fikationsreifen voraus, um dem Rest der Welt Überlegenheit zu demonstrieren. Die Psycho-Tricks gingen so weit, dass Cheftechniker Jerry Burgess und seine Mechaniker-Crew bereits um sechs Uhr abends seelenruhig ins Hotel fuhren, während
die Kollegen der Konkurrenzteams noch fleißig an den Motorrädern schufteten. Am Samstagmorgen tauchte die Yamaha-Crew freilich weitgehend unbemerkt schon früh morgens um sieben Uhr an der Strecke auf, um heimlich weiterzuarbeiten.
Zu den wenigen, die sich von Rossi weder neben noch auf der Piste einschüchtern lassen, zählt Dani Pedrosa. Aus der dritten Startreihe fuhr er sofort in die Spitzengruppe und nutzte die Schwächen seines Teamkollegen Nicky Hayden eiskalt und ohne zu zögern aus, um an die dritte Stelle vorzurücken. Das Beste zeigte er zum Schluss: Vier Runden vor Rennende griff er Valentino Rossi an und ließ auch nicht locker, als der Weltmeister zurückschlug. Binnen anderthalb Runden kam es zwischen den beiden zu sechs Überhol-manövern, und obwohl Pedrosa schließlich einen Fehler machte und entscheidende Meter verlor, kam die Nachricht an – Rossi weiß spätestens seit diesem Rennen, dass ihm der Weg zum Titel nicht nur durch Hayden, sondern auch durch den zähen kleinen Spanier erschwert wird, der mit
25 Punkten Rückstand auf Platz zwei
der Tabelle liegt. »Die Weltmeisterschaft
ist weiter offen«, bestätigte Pedrosa zum ersten Mal offiziell, dass auch der WM-
Titel ein Thema ist – gleich im ersten Jahr seiner MotoGP-Karriere.

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