Grand Prix in Donington/GB und Assen/NL (Archivversion) Führungsanspruch

Valentino Rossi stellte in Assen mit einem beherzten Manöver unmissverständlich klar, dass er MotoGP-WM-Leader Casey Stoner das Feld nicht kampflos überlassen wird. Dani Pedrosa setzt dagegen auf Vertragspoker.

Die spanischen Medien schlugen Alarm. »Krise« hieß das Schlagwort, das die Rennsportfans nach dem England-Grand-Prix aufrüttelte. Denn Dani Pedrosa, der ein Jahr zuvor in Donington Park noch überlegen gewonnen hatte, kam nur als abgeschlagener Achter ins Ziel. Und nach 15 Rennen ohne Sieg diktierte der sonst so schweigsame kleine Spanier einem intimen Zirkel von Journalisten die erstaunlichsten Dinge in den Notizblock. Zum Beispiel, dass er mit einer Vertragsverlängerung bei Honda keine Eile habe.
»Bis jetzt habe ich noch nicht unterschrieben. Wir müssen uns erst mal auf dieses Jahr konzentrieren«, erklärte Pedrosa. »Wir dürfen nicht die Augen schließen und uns einbilden, es gäbe nur eine Möglichkeit. Wenn sich was Besseres abzeichnet, werde ich mich nicht dadurch einbremsen, dass ich mich mit etwas weniger Gutem abfinde«, drohte der Mann, der seine gesamte Karriere bei Honda verbracht hatte, erstmals mit einem Wechsel. Seit Saisonbeginn habe man bei der Verbesserung des Motorrads nur ganz kleine Schritte nach vorn gemacht, und er habe keine Ahnung, ob bis zum Saisonende noch viel passieren werde.
Da war viel Frust im Spiel, weil Casey Stoner gerade eben seinen ersten Regen-Grand-Prix gewonnen und seinen Weltmeisterschafts-Vorsprung gegenüber Pedrosa auf schier uneinholbare 59 Punkte aufgetürmt hatte. Wahrscheinlich trug auch der Ärger über die technischen Missgeschicke im Rennen dazu bei. So spielte in der Besichtigungsrunde die Kupplung an Dani Pedrosas Motorrad verrückt, sodass er fürs Rennen auf die Ersatzmaschine umsteigen musste. Die aber hatte
ein zu lang übersetztes Getriebe drin. Als er sich dann noch für einen besonders weichen Hinterreifen entschied, war sein Schicksal auf abtrocknender Strecke nach früher Führung besiegelt.
Eine Woche später in Assen entpuppten sich Pedrosas Drohungen freilich schon als Theaterdonner. Echte sportliche Alternativen zu Honda gibt es nicht, es geht vielmehr um einen unterhaltsamen Poker um Macht und Geld. Neben Pedrosas Fahrervertrag läuft zum Jahresende auch der Sponsorvertrag mit Repsol aus. Der Mineralölgigant bleibt angesichts der trüben sportlichen Jahre, die man nach Rossis Abschied von Honda erleben musste, sicher zunächst dem Fahrer und nicht der Marke treu. Deshalb können Pedrosa und sein Management die Muskeln spielen lassen – um am Ende, gegen mehr Geld und gegen entsprechende technische Versicherungen, dort zu bleiben, wo er jetzt ist. »Wir sind zuversichtlich, beim Deutschland-Grand-Prix etwas bekanntgeben zu können«, kündigte Honda-Rennleiter Satoru Horiike beim Holland-GP an. Und Pedrosa hatte plötzlich keine Lust mehr, über das Thema Vertragsverlängerung zu reden. »Ihr geht mir auf die Nerven«, herrschte er einen Radio-Reporter auf eine entsprechende Frage an und ließ das geplante Interview platzen.
Spätestens bei der zweiten Frage wäre er wohl tatsächlich in Erklärungsnotstand geraten. Denn die Honda RC 212 V ist längst nicht mehr so schlecht wie ihr Ruf. Nach einem wahren Trommelfeuer der Motormodifikationen, erkennbar an einer langen Reihe immer wieder neuer und anders konstruierter Auspuffanlagen, können Hayden und Pedrosa mittlerweile auch auf den Geraden mithalten. Die hoch gezüchteten Aggregate sind zwar schwer zu Überdrehzahlen zu bewegen, außerdem ist die Drehmomentkurve nicht mehr linear, sondern wellig geworden, doch der Anschluss an die Konkurrenz ist gefunden.
Ebenso gab es in Sachen Fahrbarkeit einen Durchbruch, weniger wegen der zahllosen Varianten von Rutschkupplungen, die bis jetzt zum Einsatz kamen, als vielmehr wegen eines neuen Chassis, das zunächst Pedrosa, in Donington dann auch Nicky Hayden zur Verfügung hatte. Dieses Chassis ist weniger steif, bietet mehr »kontrollierte Flexibilität« und damit jenes Gefühl fürs Vorderrad, das Hayden seit den allerersten Tests mit der neuen Maschine schmerzlich vermisst hatte. In Verbindung mit einer modifizierten Traktionskontrolle, die es ihm nun wieder erlaubt, die Drifts am Hinterrad mit dem Gasgriff zu kontrollieren, kann Hayden plötzlich wieder so fahren, wie er es gewohnt ist. Oder zumindest fast so.
Auf den Vorjahressieg in Assen ließ der zwischenzeitlich so fürchterlich abgestürzte Weltmeister ein Jahr später nun immerhin als Dritter seinen ersten Podestplatz in dieser Saison folgen – wobei er dem viertplatzierten Pedrosa um lockere zwei Sekunden davonfuhr. Jetzt schöpft Hayden neue Hoffnung, seinen zwei Heimsiegen 2005 und 2006 vielleicht doch
einen dritten hinzufügen zu können. »So macht’s jedenfalls wieder Spaß. Hilflos hinterherzufahren und die Runden zu
zählen, bis das Rennen endlich vorbei ist, ist ein jämmerliches Gefühl«, erklärte er.
Vorläufig freilich fahren Casey Stoner und sein großer Rivale Valentino Rossi weiter in einer Welt für sich. Hatte Stoner bei seinem Sieg in England neben unerschütterlicher Nervenstärke den großen Funktionsbereich seiner Bridgestone-Reifen als Bonus – seine Pneus hafteten selbst auf abtrocknender Strecke ordentlich, während Rossi auf Rang vier zurückrutschte –, so hatte auf trockener Piste in Assen wieder Michelin die Nase vorn. Und ein entfesselt aufdrehender Rossi, der nach dem verregneten Abschlusstraining von Platz elf losfuhr und sich einen Gegner nach dem anderen »zurechtlegte wie Kinderspielzeug«, so Alex Hofmann.
Nach seinem letzten, klassischen Ausbremsmanöver vor der berühmten Assen-Schikane nahm Rossi seinem Gegner binnen einer einzigen Runde 0,8 Sekunden ab und machte das Finale zu einer besonders gelungenen Demonstration eines neuen, von seinem Freund Aldo Drudi entworfenen Retro-Designs für Mann und Maschine, mit dem das 50-jährige Jubiläum des Fiat Cinquecento gefeiert wurde. »Twist, Twist«, stand zum Beispiel auf der Rossi-Kombi geschrieben – passend zu dem großartigen Tanz, den er vor über 91000 begeisterten Fans aufführte.
»Dieser Sieg war gut für die Moral«, seufzte er nach dem Zieleinlauf erleichtert – und trieb sein Team zu weiterer Eile an. »Wir müssen uns bei allen Bedingungen verbessern, bei Hitze, Kälte, im Nassen wie im Trockenen«, forderte er. Und vor allem in Sachen Leistung: Das Duell mit Stoner mache ihm großen Spaß – aber es würde ihm noch mehr gefallen, wenn es beim Motor keine so argen Unterschiede gäbe.
Rossi war grandios, dennoch mussten sich keineswegs alle hinter dem sechsfachen Assen-Sieger zu den Verlierern zählen. So ließ Hofmann auf Rang neun in England den achten Platz in Assen folgen und machte den Kampf in seiner Vierergruppe auch deshalb unterhaltsam, weil er sich ein ums andere Mal verbremste – zum ersten Mal in seinem Rennfahrerleben litt er unter einem anschwellenden, verkrampfenden rechten Unterarm, der es ihm fast unmöglich machte, gebührend am Bremshebel zu ziehen und den Gasgriff zu kontrollieren. »Zum Glück haben diese Motorräder ja eine gute Traktionskontrolle«, schmunzelte er.
Ebenso bemerkenswert war der neunte Platz von Anthony West in seinem ersten Rennen auf trockener Piste in der MotoGP-Klasse. Der Australier hatte sein italienisches 250er-Hinterbänklerteam zugunsten des offiziellen Yamaha-World-Supersport-Teams stehen lassen und war bei drei Einsätzen mit einem dritten Platz und zwei Siegen aufgefallen. Auch dem Kawasaki-MotoGP-Rennstall: Dort wurde Olivier Jacque nach niederschmetternden Resultaten und schweren Stürzen aufs Abstellgleis des Testfahrerdaseins zurückgeschoben und durch Regenspezialist West ersetzt.
Der hatte sich in England bereits auf Rang fünf vorgekämpft, bevor er einen langen Ausflug ins Kiesbett unternahm. »Eine 250er könnte ich den ganzen Tag lang fahren, no worries – doch die MotoGP-Maschinen kosten ganz schön viel Kraft«, stellte er fest. Das Missgeschick brachte ihn nur kurz aus dem Konzept. West steuerte seine Kawasaki wieder auf die Rennstrecke und wurde noch Elfter.
Die 230-PS-Geräte sind weiterhin gefährlich, trotz allen elektronischen Fahrhilfen. Toni Elias stürzte gleich im allerersten Training in jener Kurve, in der sich im Vorjahr auch Valentino Rossi verletzt hatte, und erlitt einen Spiralbruch am linken Oberschenkel. Damit ist er für mindestens drei Monate außer Gefecht gesetzt. In die Diskussion geriet dadurch das Kiesbett,
in dem sich das Bein von Elias förmlich eingehakt hatte. »Es ist viel zu weich. In Mugello oder Barcelona kannst du drüber laufen, hier sinkst du regelrecht ein«, schlugen Rossi und Pedrosa Alarm.

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