Grand Prix in Estoril/POR (Archivversion) Friendly Fire

Friendly Fire – der Begriff steht für das größte Unglück im Kampf um den Sieg: vom eigenen Kameraden abgeschossen zu werden. Genau das passierte Nicky Hayden durch seinen Kollegen Dani Pedrosa, der damit die besten Chancen auf den MotoGP-WM-Titel von Hayden zu Valentino Rossi transferierte.

Colin Edwards fuhr in Estoril auf den zweiten Startplatz und wurde daraufhin mit Fragen bombardiert, ob er seinen Yamaha-Teamgefährten Valentino Rossi im Titelkampf unterstützen werde. »Ich werde alles tun, was im Interesse meines Teams liegt«, schwor der Amerikaner Treue. »Man sollte dir den Reisepass entziehen«, fiel ihm sein Landsmann Nicky Hayden schlagfertig ins Wort.
Der WM-Leader hatte den dritten Trainingsplatz geholt, durfte seinerseits aber kaum auf Unterstützung hoffen. Auch auf die seines Repsol-Honda-Teamkollegen Dani Pedrosa nicht: Rein mathematisch betrachtet hatte der kleine Spanier noch Titelchancen, und deshalb verzichtete Honda auf eine Stallorder. »Ich an seiner Stelle wüsste, was ich zu tun hätte«, zuckte
Hayden die Schultern.
Pedrosa hatte also freie Fahrt. Bis zur fünften Runde. Bis zu jenem Moment, der Hayden aus allen Titelträumen riss und Rossis Rückstand in der WM-Tabelle in
einen Acht-Punkte-Vorsprung verwandelte. Pedrosa war nach der Gegengeraden zu spät auf der Bremse, versuchte schlingernd, sich hinter Hayden einzufädeln, geriet auf den Bordstein und rutschte übers Vorderrad weg – geradewegs ins Heck
seines Teamkollegen, den der Rammstoß wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf.
Im ersten Reflex versuchte das Ken-
tucky Kid noch, seine schwer demolierte Maschine aufzurichten. Dann überließ er das Wrack den Streckenposten, schickte verzweifelte Gesten gen Himmel und grobe Verwünschungen in Pedrosas Richtung, der gut daran tat, sich gleich in die Gegenrichtung davonzumachen.
Wenig später kam es in der Box zu
einem halbherzigen Handschlag. »Es tut mir leid für dich, für Honda und das Team«, brachte Pedrosa mit einem Eispack auf dem gebrochenen kleinen Finger hervor und erklärte, in den sechs Jahren seiner Karriere habe er noch nie einen anderen Piloten über den Haufen gefahren. »Es war ein Fehler. Wenn es beim Saisonfinale in Valencia die Chance gibt, ihn wieder gut-zumachen, werde ich das tun«, meinte er.
Hayden war freilich noch Stunden später fassungslos. »Dass so etwas passieren würde, übersteigt alle Vorstellungskraft«, seufzte er. »Schon als ich ihn in der Runde zuvor überholte, hat er sich breit gemacht, und ich musste ein großes Risiko eingehen, um mein Manöver zu Ende zu bringen. Ich habe nicht erwartet, dass Honda von irgendjemandem verlangt, für mich das Gas zurückzudrehen. Doch irgend-
einen Plan hätte es geben müssen. Das Mindeste wäre gewesen, nicht mit so harten Bandagen gegeneinander vorzugehen. Ich hoffe, dass sein Finger in Valencia
wieder heil ist. Denn die beste Form der Entschuldigung wäre, wenn ich in Valencia auf Platz eins fahre und er Zweiter wird.«
So geknickt, wie man hätte erwarten können, war Pedrosa allerdings gar nicht. »Ich wollte mich nicht vordrängeln, sondern ausweichen. Ich sah, dass ich im Vergleich zu ihm mit viel zu hohem Tempo ankam und griff so stark in die Bremse, dass mein Hinterrad abhob. Deshalb konnte
ich nicht optimal verzögern. Hayden bog langsam in die Kurve ein, ich lenkte nach
innen, um auszuweichen, und traf den Bordstein«, schilderte er seine Sicht. Mit anderen Worten: Es war Haydens Schuld, so dicht vor ihm hergefahren zu sein.
Ähnlich äußerte sich auch Pedrosas Manager Alberto Puig. » Niemand hat Lust, zu stürzen und sich einen Finger zu brechen. Dani ist gestürzt, weil der andere sehr früh gebremst hat«, erklärte er. »In der Runde zuvor hat Hayden sein Motorrad gegen das von Dani gelehnt. Was, wenn
er ihn umgerissen hätte?« Und zum Plan der Wiedergutmachung in Valencia: »Das Erste, was Hayden tun muss, ist vornewegzufahren – etwas, was er das ganze Jahr nicht getan hat«, winkte Puig ab.
Die beste Gelegenheit, Hayden zu
helfen, verstrich zweifellos in Estoril. Toni
Elias, sicher nicht der stärkste Honda-Pilot und von seinem Teamchef Fausto Gresini eigentlich schon fallen gelassen, besiegte Valentino Rossi mit wilden Spätbremsmanövern, Drifts und scharrenden Verkleidungen um zwei Tausendstelsekunden – es war bemerkenswert, wie sich ausgerechnet jener Pilot ins Zeug legte, der Rossi beim Saisonauftakt im spanischen Jerez ins Aus torpediert hatte.
Statt Elias hätte es auch Kenny Roberts jr. schaffen können. In der vorletzten Runde lag er am Zielstrich in Führung, dachte, er hätte gewonnen und ließ Rossi und Elias entwischen – erst dann merkte er, dass er sein Boxensignal falsch interpretiert hatte und noch eine Runde zu fahren war.
Dass Elias siegte und Roberts auf
seinem KR-211-V-Honda-Hybrid fast gewonnen hätte, muss Hayden besonders schlimm getroffen haben. Es war kein Tag für Yamaha, denn neben Rossi geriet
auch Edwards am Ende ins Schlingern und musste sich mit Platz vier abfinden. Es
war auch kein Tag für Ducati, nicht für
den zwölftplatzierten Loris Capirossi und schon gar nicht für dessen Teamkollegen Sete Gibernau, der sich bei einem Sturz mit Casey Stoner einen Mittelhandknochen demolierte und hinterher erfuhr, dass er
in seinem Team endgültig keine Zukunft mehr hat – ausgerechnet sein Unfallgegner wurde noch am Rennsonntag als Gibernau-Nachfolger bei Ducati verpflichtet. In Stoners LCR-Honda-Team rückte Tech-3-Yamaha-Pilot Carlos Checa nach.
Ein Tag für Honda jedoch, das hätte der Portugal-Grand-Prix werden können. Ein Sieg von Hayden, dazu Pedrosa, Elias und Roberts noch vor Rossi auf den Plätzen, und es hätte für den Amerikaner sogar vorzeitig zum Titel gereicht.
Statt dessen verbuchte Honda den
Super-GAU seiner beiden Titelaspiranten – mit Valentino Rossi als lachendem Dritten. »Colin Edwards hat mich sehr unterstützt. Mehr, als Pedrosa Hayden geholfen hat«, meinte Rossi genüsslich. »Der Unterschied: Wir haben ein gutes Team – und nicht zwei gute Teams in einer Box.“

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