Grand Prix in Istanbul/TR (Archivversion) Harte Bandagen

Ein kleines Problem nahm Valentino Rossis Superstar-Status den Zauber: Von einem vibrierenden Hinterreifen geplagt, sah er sich respektlosen Attacken der Konkurrenz ausgesetzt. Und wurde am Ende gar von Alex Hofmann überholt.

Das MotoGP-Rennen in Istanbul war noch keine Runde alt, als Kawasaki-Werksfahrer Olivier Jacque für ein spektakuläres Durcheinander sorgte. Der Franzose bohrte sich am Ende der Gegengeraden nahezu ungebremst in den Pulk, schoss mit deutlich zu viel Speed über den Scheitelpunkt der Kurve hinaus und riss Colin Edwards, Dani Pedrosa und Chris Vermeulen mit sich ins Verderben. Vermeulen war der Einzige, der sich wieder auf seine Maschine schwingen konnte; der Australier setzte zu einer bemerkenswerten Verfolgungsjagd an und wurde noch Elfter, nachdem er Rundenzeiten vorlegte, die für den zweiten Rang gereicht hätten.
Für die anderen drei MotoGP-Stars war der Türkei-GP nach nicht einmal einer Runde beendet. Am schmerzhaftesten für Unfallverursacher Jacque selbst, der auf dem verlängerten Rücken gelandet war, ein riesiges Hämatom davontrug und außerdem unter Schwindelgefühlen infolge einer Gehirnerschütterung litt. Vielleicht ließ seine Erklärung des Zwischenfalls deshalb einige Fragen offen. Er habe überstürzt aufholen wollen, der Crash sei seine Schuld, sagte er. So weit, so gut. Er habe den Bremspunkt verpasst, weil er von so vielen anderen Piloten umzingelt war, erklärte er dazu. Wie kann ein Fahrer das Bremsen vergessen, wenn genau die angesprochenen
Kollegen rundherum schon seit 30 Metern mit qualmenden Reifen in den Eisen stehen?
Trotzdem trugen Jacques Opfer ihr Schicksal gelassen. Aus der Ecke von Dani Pedrosa blieb es still, weil der Spanier selbst auf Messers Schneide in dieser Kurve angekommen war und womöglich auch ohne die Berührung mit Jacque in ernstere Schwierigkeiten geraten wäre. Auch der schuldlose Colin Edwards, Valentino Rossis
Teamkollege bei Fiat-Yamaha, wollte von Sanktionen gegen Jacque nichts wissen. »Jacque
hatte 297 km/h drauf, wo wir nur Tempo 284 erreichten. Ihn dafür von einem Rennen auszuschließen wie seinerzeit John Hopkins wäre Blödsinn. Der fühlt sich doch eh’ schon als
Trottel«, winkte der Texaner milde ab, fügte allerdings hinzu: »Als erste Regel gilt nach wie vor, dass man bremsen sollte, wenn man im sechsten Gang vor einer Schikane ankommt, die aussieht wie eine Bushaltestelle...«
Kein Kommentar zur Jacque-Attacke kam
indes jener Schimpftirade gleich, die Valentino Rossi über Toni Elias herabregnen ließ. »Elias hat mich mehrmals innen attackiert und dann die Linie gewechselt. Doch wenn man überholt, fährt man seinen Strich und keine Schlangenlinien«, fauchte der Yamaha-Superstar. »Dass er mich letztes Jahr in Jerez abgeschossen hat, habe ich ihm nicht nachgetragen, das war ein Versehen. Aber die inkorrekte, gefährliche Fahrweise hier war volle Absicht.«
Der Gescholtene konterte: »Kommt ganz auf den Blickwinkel an. Valentino
ist selbst seltsame Bögen gefahren und hat mir ein paar Mal Angst und Schrecken eingejagt. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Heute hat Rossi halt den Kürzeren ge-
zogen – ich an seiner Stelle würde mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen«, verteidigte sich der kleine Spanier nach seinem stolzen zweiten Platz.
Mit Elias erinnerte sich die gesamte Spanien-Fraktion an das unvergessene Überholmanöver beim Jerez-GP 2005, bei dem Rossi seinen Gegner Sete Gibernau
in der letzten Kurve weggeschubst und auch keine Schuldgefühle entwickelt hatte. Rossis Zorn auf Elias dürfte wohl mehr
mit seiner empfindlichen Niederlage zu tun haben. Wähnte Rossi doch den zweiten Saisonsieg schon sicher in seiner Tasche, nachdem er im Qualifying die Pole Position geholt und einen problemlosen Trainings-Dauerlauf über 17 Runden auf dem fürs Rennen auserkorenen Michelin-Hinterradslick absolviert hatte.
Doch es sollte ganz anders kommen – und zwar knüppeldick. Erst ein Highspeed-Ausritt gleich in der ersten Runde, bei dem Rossi die Führung einbüßte und auf Rang fünf zurückfiel. Dann der Zweikampf mit Elias, bei dem der Spanier hartnäckig
die Stellung hielt und Rossi selbst ein ums andere Mal die Ideallinie verpasste. Und schließlich, nach der umstrittenen Feindberührung der beiden in der 15. Runde,
ein letztes Renndrittel, in dem der Superstar durchs Feld zurückgereicht wurde
wie ein überrundeter Nachzügler. Sechster, Achter, Neunter.
Der krönende Abschluss, zumindest aus Sicht der deutschen MotoGP-Fans: Alex Hofmann machte mit Siebenmeilenstiefeln Meter auf Valentino Rossi gut,
fegte zwei Runden vor Schluss vorbei und verdrängte den Italiener auf Platz zehn. »Der gleiche Reifentyp, der gestern prima funktionierte, hat heute völlig versagt«, grübelte Rossi. Kein Grip, dafür aber besorgniserregende Vibrationen. »Es war so schlimm, dass ich es auf der Geraden mit der Angst bekam«, haderte Rossi, dem im letzten Jahr bereits zweimal ein Michelin-Reifen in Fetzen gegangen war.
»Ein geiles Rennen«, grinste dagegen Hofmann. »Rossi im Trockenen versägt, 16 Sekunden hinter dem Sieger, acht
Sekunden vom Podium weg – darauf lässt sich aufbauen.« Ohne seinen Sturz im Warm-up am Vormittag wäre noch mehr drin gewesen, vermutete er. »Ich habe mir vielleicht eine Rippe angebrochen, konnte nur flach atmen. Deshalb fehlten mir genau jene zwei Zehntelsekunden pro Runde, um ganz vorne mitzumischen.«
So wie sein Pramac-Ducati-Teamgefährte Alex Barros etwa, der einen sauberen vierten Platz einstrich. Oder die beiden Marlboro-Ducati-Werkspiloten Casey Stoner und Loris Capirossi, die die grandiose Feuerkraft ihrer italienischen Raketen mit Platz eins und drei eindrucksvoll unter-
strichen. »Vor 20 Tagen erlebte ich den schönsten Moment meines Lebens, als mein Sohn Riccardo zur Welt kam. Und jetzt habe ich zusätzlich wieder den Fahrspaß, den ich brauche, um ganz vorne
mitfahren zu können. Meine Saison hat jetzt erst begonnen«, schwärmte Capirossi nach seinem ersten Erfolg in diesem Jahr.
Stoner war nach seinem zweiten Sieg im siebten Himmel. »In Qatar hieß es noch, die Ducati sei hauptsächlich auf den Geraden schnell. Doch hier gibt’s keine lange Gerade. Mein Motorrad bewährte sich auch im engen Kurvengeschlängel. Und beim Beschleunigen aus der schnellen Zielkurve ebenfalls. Gott sei Dank.«
Dennoch war der Erfolg weniger der Ducati-Technik als vielmehr den Bridgestone-Reifen zu verdanken. Bis auf den an siebter Stelle platzierten Nicky Hayden hatten alle neun Fahrer, die vor Rossi
ins Ziel kamen, die japanischen Pneus aufgezogen und freuten sich über Grip ohne Ende. »Ich habe in der zweitletzten Runde meine schnellste Zeit vorgelegt, und hätte locker noch mehr Gas geben können«, gab Stoner zu Protokoll.
Bridgestone hat die Anlaufschwierigkeiten seit dem MotoGP-Einstieg 2002 endgültig überwunden. »Noch im letzten Jahr haben wir auf Strecken mit wenig
Grip schlecht ausgesehen. Wir führten das Rennen in Istanbul an, brachen aber
nach zwölf Runden ein«, erklärte der deutsche Bridgestone-Motorradsport-Manager Thomas Scholz. Und: »Wir haben die Schwäche gezielt bekämpft. Unsere neue Reifenkonstruktion und neue Laufflächen-
mischungen für diese Art von Asphalt machten heute den Unterschied.«
Solche Strecken mit relativ neuem,
öligem Asphalt, der weniger Grip hat als ältere Beläge, finden sich oft im 18 Rennen umfassenden MotoGP-Kalender. Beispielsweise gleich wieder beim nächsten Lauf in Shanghai. Dort gibt es außerdem eine 1,3 Kilometer lange Zielgerade – die Ducati-Stars reiben sich jetzt schon die Hände.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel