Grand Prix in Istanbul/TR (Archivversion) Diadochen

Um 300 vor Christus tobten im vorderasiatischen Raum die Diadochenkriege um die Nachfolge Alexanders des Großen. Der Unterschied zum GP der Türkei 2006: Die jungen Himmelstürmer fighten nicht nur untereinander, sondern der bisherige Alleinherrscher Valentino Rossi ist beim Kampf dabei.

Steckt Yamaha technisch in der Krise? Hat Valentino einfach nur Pech, und trotzdem wird alles gut? Erleben wir einen Generationenwechsel? Macht Yamaha bei der Personalpolitik Fehler? Nach dem türkischen Grand Prix im Istanbul Park taten sich viele Fragen auf. Tatsächlich haben Valentino Rossi und
Colin Edwards, sein Kollege im Yamaha-MotoGP-Werksteam, zurzeit im Qualifikationstraining einen eklatanten Rückstand gegenüber der Konkurrenz. Bei jedem Wetter, wie seit dem verregneten Quali-
fikationstraining von Istanbul klar ist. »Wir haben jede Menge Schwierigkeiten«, erläutert Rossi fast ratlos, »und dürfen sie nicht auf die Michelin-Reifen abschieben – das zeigen die Leistungen von Nicky Hayden auf der Honda. Ich habe einfach nicht
das Vertrauen zum Vorderrad, so einzubiegen, wie ich das gewohnt bin. Und beim Rausbeschleunigen fehlt dann hinten der Grip.« Dies führte zu Startplatz elf für den Meister. In den trockenen, freien Trainingssitzungen war er übrigens auch nicht weiter vorn, blieb um zwei Plätze hinter Kollege Edwards. Ganz offensichtlich hat sich seit den überaus ermutigenden Testfahrten vor Saisonbeginn in Barcelona ein Wurm in das Fahrwerkssystem der Yamaha M1 eingeschlichen, der die Harmonie mit der neuen Michelin-Reifen-Generation, die bedeutend mehr Auflagefläche bietet, auf-
gefressen hat.
Das Spannende und Unheimliche an der ganzen Geschichte ist allerdings, dass im Rennen alles nicht so schlimm ist und Valentino selbst nach dem mit größter
Härte erkämpften vierten Rang von Istanbul noch eine gute Portion Galgenhumor zeigen konnte: »Unsere Yamaha M1 funktioniert mit abgefahrenen Reifen besser als mit frischen. So eine Rennmaschine hat es wohl noch nie gegeben.«
Tatsächlich wurde Herr Rossi der
Saison 2006 bislang in jedem Rennen zum Ende hin stärker. Mit etwas mehr Glück hätte er es durchaus schaffen können, in der WM-Zwischentabelle weiter vorn zu stehen als auf Platz fünf nach den Einzelrängen 14, eins und vier: Beim MotoGP-Auftakt in Jerez wurde er gleich in der
ersten Kurve schuldlos vom Motorrad geholt, und nach dem Sieg in Qatar zwang den Weltmeister in Istanbul ein kleiner Fahrfehler samt Ausritt bereits in der zweiten Runde erst richtig zur Aufholjagd. Die endete nach 22 Runden am Hinterrad des drittplatzierten Nicky Hayden.
Wäre Valentino Rossi auf der Suche nach dem Glück etwas erfolgreicher gewesen, würde vielleicht kein Mensch über die Trainingsprobleme sprechen. Andererseits: Hätte seine M1 auch in den schnellen
Qualifikationsrunden der bisherigen drei GP perfekt funktioniert, wäre der Titelverteidiger gar nicht erst in die Situation gekommen, sich mit übermäßigem Einsatz und ebensolchem Risiko aus dem Mittelfeld befreien zu müssen.
In Abwesenheit des Meisters tobt an der Spitze der MotoGP-Rennen derweil
ein Machtkampf der allerfeinsten Sorte. Die in diesem Jahr bislang heftigsten
Auseinandersetzungen sahen leider kaum 20000 Zuschauer im Istanbul Park, dessen abwechslungsreiche Streckenführung mit zahlreichen Kurven, die unterschiedliche Linien zulassen, spannungsgeladene Rennen begünstigt. Nach einem Strohfeuer
der am Ende unbelohnten, Bridgestone-bereiften Helden Sete Gibernau auf Ducati sowie dem Suzuki-Duo John Hopkins und dem unerwarteten Pole-Setter Chris Vermeulen übernahm das Honda-Junioren-Quartett die Initiative.
Vorjahres-Sieger Marco Melandri, die beiden 250er-Aufsteiger Casey Stoner und Daniel Pedrosa sowie Kentucky-Kid Nicky Hayden, alle mehr oder weniger deutlich jünger als 25 Jahre, rauften im Stil junger Wölfe um den Sieg. Darüber geriet beinahe in Vergessenheit, dass ein paar Plätze
weiter hinten der bisher für unantastbar gehaltene Doktor Rossi durchs Feld pflügte und verzweifelt den Anschluss an die
fantastischen Vier suchte.
Pedrosa stürzte nach einem Leichtsinnsfehler in der letzten Runde aus dem Spitzenvierer, wurde im Ziel aber noch 13. Im Finale setzte sich der erfahrenste der Junioren durch: Marco Melandri, der schon im Vorjahr in Istanbul gesiegt hatte. »Ich konnte Casey Stoner in der Kurven-
kombination unmittelbar vor dem Ziel
überraschen«, freute sich der Italiener und machte dem Unterlegenen gleich noch ein Kompliment: »Da fehlte ihm noch etwas Routine. Allzu oft wird er solche Spiele nicht mehr mit sich machen lassen.«
Nicky Hayden war übrigens aus dem Podest-Trio der Einzige, mit dessen Name Yamaha-Renndirektor Lin Jarvis nicht konfrontiert wurde, wenn er nach seiner Personalpolitik für die Zukunft befragt wurde. Stoner hatte Ende 2005 einen Yamaha-Vertrag so gut wie in der Tasche, und Melandri saß 2004 tatsächlich bereits einmal auf
einer MotoGP-Yamaha.
Was aber passiert nach der Rossi-Ära? Lin Jarvis gibt sich ganz entspannt im Hier und Jetzt: »Noch befinden wir uns in der Rossi- und nicht in der Nach-Rossi-Zeit«, so der Brite, »und daher ist unsere Auf-
gabenstellung, zusammen mit Valentino die MotoGP-WM zu gewinnen. Ich denke, dass wir dazu auch in diesem Jahr mit
dem besten Fahrer und einer Maschine,
die trotz aller Probleme der Konkurrenz
zumindest ebenbürtig ist, in der Lage sein
werden. Für 2007 warten wir noch auf ein endgültiges Signal von Valentino, doch ich gehe davon aus, dass die Rossi-Geschichte bei Yamaha noch mindestens ein oder zwei Jahre fortgeschrieben wird. Für die Zeit danach hoffe ich, dass wir aufgrund unser Ergebnisse in der Lage sein werden, uns wieder mit dem dann Erfolg versprechendsten Fahrer einigen zu können.“

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