Grand Prix in Jerez/E (Archivversion) Hell Racer

Valentino Rossi ging durch die Hölle zweier völlig verhunzter Trainingstage wegen unglücklicher Reifenwahl, kehrte am Renntag als strahlender Glücksritter auf den Erfolgsweg zurück und zeigte erneut seine grundsätzliche Überlegenheit im MotoGP-Zirkus.

Der Mann mit der Startnummer 46 feierte beim zweiten Grand Prix der neuen Saison in Jerez seinen 46. Sieg in der MotoGP-Klasse. Sechs Monate nach seinem letzten Triumph, im Oktober 2006 in Malaysia, hatte Valentino Rossi also endlich wieder seinen Spaß. Zumal Teamkollege Colin Edwards den herrlichen Frühlingstag in Südspanien mit dem dritten Rang abrundete und so dem im Ziel fünftplatzierten Casey Stoner, Sensationssieger beim MotoGP-Auftakt in Qatar zwei Wochen zuvor, noch ein paar zusätzliche Punkte abnahm.
Zuvor hatte Rossi das Rennen dominiert, als habe es das insgesamt verpfuschte Jahr 2006 nie gegeben. Vom zweiten Startplatz hinter Dani Pedrosa schob sich der siebenfache Weltmeister noch in der ersten Runde in Führung und kontrollierte seinen Verfolger mit einer Souveränität, die ihn schon jetzt zum klaren Favoriten für den Titel, seinen achten, macht. »Heute ist meine Yamaha geflogen«, schwärmte Rossi. »Im Warm-up haben wir etwas an der Gabel verstellt, um das Motorrad mit vollem Tank gefügiger zu machen. Danach war es perfekt ausbalanciert, wirklich wunderbar zu fahren.«
Ein perfektes Set-up, das Ende einer langen Durststrecke, ein Sieg über Dani Pedrosa bei dessen Heimspiel, all das waren wichtige Faktoren. Der wirkliche Grund für Rossis Begeisterung lag freilich ganz woanders: dass sein Team eine vermeintlich ausweglose Situation gemeistert und er wieder mal in letzter Minute den Kopf aus der Schlinge gezogen hatte. Mit Können, aber auch mit reichlich Glück.
Zunächst sah’s nämlich zappenduster aus für das Fiat-Yamaha-Team. Techniker und Piloten wunderten sich schon am Freitagmorgen, im ersten freien Training, dass Rossi und Edwards nicht über die Plätze acht und neun hinauskamen. Als Valentino auch am Nachmittag nur Fünfter wurde und Edwards weiterhin als Neunter in der Liste stand, kam allmählich Nervosität auf – die Leistungen der beiden blieben weit unter jenem Niveau, das man nach den
erfolgreichen IRTA-Tests im Februar, bei denen Rossi als schnellster Pilot in Jerez ein BMW Z4 Coupé gewonnen hatte, erwarten konnte.
Am Samstagmorgen herrschte Alarmstufe rot. Während Carlos Checa, Alex Barros und Dani Pedrosa vorausfuhren, tauchte der Name Valentino Rossi erst an drittletzter Stelle der Rangliste auf. Nach dem wohl niederschmetterndsten Training seiner Karriere stapfte er ins hinterste Eck seiner Box und blieb dort erst einmal
stehen, mit geschlossenem Visier. Als das
Rolltor der Garage herunterratterte, nahm
er zwar den Helm ab. Trotzdem mussten
Cheftechniker Jerry Burgess, die Yamaha-Ingenieure, die Öhlins-Techniker und die
Michelin-Reifencrew, die ihn wie ein Bienenschwarm umlagerten, weiter auf Aussagen warten. Rossi starrte erst einmal eine ganze Weile ratlos ins Leere.
Die unglaubliche Situation hatte mit dem neuen Reifen-Reglement zu tun, das jedem Fahrer nur noch 17 Hinterrad- und 14 Vorderradslicks pro Wochenende gestattet, die bereits am Donnerstag vor Trainingsbeginn verbindlich ausgewählt werden müssen. 17 Hinterreifen klingen zunächst wie ein reichlich gedeckter Tisch, doch in Wirklichkeit schrumpft die Auswahl schnell zusammen. Zwei der 17 Reifen, so die Kalkulation der meisten Teams, sind Qualifiers. Zwei weitere müssen am Sonntagnachmittag bei den
beiden Rennmaschinen aufgezogen werden, bleiben 13 für die Abstimmungsarbeit im Training. Die lassen sich nun weiter aufteilen, üblicherweise in drei oder vier verschiedene Reifentypen. Unabhängig davon, wie die Reifen gemischt werden, gibt es bei
vier Trainings plus dem Warm-up am Sonntagmorgen selbst dann wenig Spielraum, wenn die Vorauswahl am Donnerstag zum Treffer wird.
Und wenn die Vorauswahl daneben geht wie bei Yamaha in Jerez, wird das Training schnell zum Alptraum. Nach Rossis überlegenem Auftritt bei den IRTA-Tests waren sich Michelin und das Team sicher, welcher Reifen fürs Rennen funktionieren würde, und wählten gleich mal sieben auf einen Streich von diesem Typ – fünf fürs Training, zwei fürs Rennen. Ein Monat nach den Tests, bei wärmerem Wetter, aber gleichwohl weniger griffiger Piste, funktionierte dieser Reifen plötzlich überhaupt nicht mehr. Die wenigen Alternativen, die man zur Verfügung hatte, waren auch nicht besser. Blieb eine Reserve von genau zwei härteren Reifen, die man nur für einen unerwarteten Notfall eingestreut hatte.
Zwei Reifen. Einer fürs Abschlusstraining, einer fürs Rennen. Ein Drahtseilakt ohne Netz, ohne Sicherheitsreserven. Ohne die Chance, das Warm-up für eine echte Kontrolle auf Rennreifen zu nutzen. Ohne die Möglichkeit, die Ersatzmaschine mit dem gleichen Pneu zu bestücken. Was wäre passiert, wenn das Rennen mit der roten Flagge abgebrochen und neu gestartet worden wäre? Rossi wäre mit fliegenden Fahnen untergegangen. Und das auf einer Strecke wie in Jerez, wo von den Wintertests jede Menge Daten vorliegen. Bereits jetzt graut es den MotoGP-Teams vor den nächsten Rennen in Istanbul und China, wo nicht getestet wurde und die Vorauswahl zum reinen Lotteriespiel werden dürfte.
Die Reifenregel wird deshalb auf breiter Front in Frage gestellt, zumal sie nicht wirklich Kosten spart, sondern nur auf den
heuer noch intensiveren Testbetrieb verlagert. »Sich derart früh festlegen zu müssen ist nicht im Sinne des Sports. Genauso könntest du am Donnerstag das hintere
Federbein blockieren und sagen: Jetzt sparen wir uns den Fahrwerkstechniker. Oder
du könntest den Motor plombieren und
den Motoren-Spezialisten nach Hause schicken«, macht Dani Pedrosas österreichischer
Cheftechniker Mike Leitner deutlich.
Bei den Bridgestone-Teams lag Wohl und Wehe nicht ganz so eng beieinander.
So überlebte Casey Stoner das Rennen
als Fünfter, obwohl ihm versehentlich eine
falsche Mischung aufs Hinterrad gesteckt
wurde. Der Australier beklagte sich trotz-
dem nicht über mangelnden Grip, sondern vielmehr über die Tatsache, dass er im Rennen behindert worden sei. »Ich wurde mit ein paar fragwürdigen und dum-
men Überholmanövern zurückgedrängt, was uns wertvolle Sekunden gekostet hat. Sonst hätte ich wieder um einen Podestplatz gekämpft«, beschwerte sich der
Qatar-Sieger und wies alle Vermutungen zurück, seine Ducati hätte auf kurvigeren Pisten wie Jerez Nachteile gegenüber der Konkurrenz.
Stoners Vertrauen in seine Maschine verspricht weitere Topresultate, was für seinen Teamkollegen Loris Capirossi derzeit nicht gilt. Bei seinem 250. GP-Start fuhr der kleine Italiener auf einen diskreten zwölften Rang und hat ähnliche Probleme wie der siebtplatzierte Weltmeister Nicky Hayden, den eigenen typischen Fahrstil und den Charakter der neuen 800er unter einen Hut zu bringen sowie das nötige Vertrauen zum Vorderrad aufzubauen.
Wenigstens ging es Capirossi noch ein bisschen besser als dem einzigen deutschen MotoGP-Piloten. Alex Hofmann fuhr nach einer Runde an die Box und wechselte auf die Ersatzmaschine. Freilich ist ein Maschinentausch nur bei Schlechtwettereinbruch erlaubt, nicht aber bei einem
Defekt wie einer gelängten, überspringenden Antriebskette. Deshalb wurde der Pechvogel mit der schwarzen Flagge von der Strecke geholt und disqualifiziert.

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