Grand Prix in Le Mans/F (Archivversion) Unverhofft kommt Hoff

Alex »The Hoff« Hofmann erkannte den aufkommenden Wolkenbruch über Le Mans, wechselte genau zum richtigen Zeitpunkt das Motorrad und schwamm auf einen beeindruckenden fünften Platz – vor Giga-Star Valentino Rossi.

Der Höhepunkt kam vier Runden vor Schluss. »Ich fühle mich gut, und der Speed ist da. Warum nicht?« sagte sich Alex Hofmann. Dann fasste er sich ein Herz, überholte Valentino Rossi und ließ den siebenfachen Weltmeister in der Gischt zurück.
Anders als beim Türkei-Grand-Prix in Istanbul, als Deutschlands einziger MotoGP-Pilot schon einmal an dem italienischen Weltmeister vorbeigebraust war, hatte Rossi dieses Mal keinen Reifendefekt. Dieses Mal fuhr Hofmann ganz aus
eigener Kraft nach vorn, mit meisterhafter Taktik, starken Nerven und einer gehörigen Portion Mut zum Risiko.
Platz fünf in einem Rennen der Königsklasse, das ist ein Meilenstein in Hofmanns persönlicher Vita, der in neun Jahren
Motorrad-WM als bestes Ergebnis bislang nur einen siebten Platz in der 250er-Klasse hatte vorweisen können. Vor allem aber war es der größte Erfolg eines deutschen MotoGP-Piloten seit Michael Rudroffs drittem Platz beim Grand Prix in Misano 1989, in dem, von den Stars boykottiert, nur eine Handvoll von Streikbrechern an den Start gegangen war. Jürgen Fuchs gelang 1997 in Rio de Janeiro auf der schwer zu bändigenden elf 500 noch ein allseits bestaunter sechster Rang, und damit sind die Großtaten deutscher Piloten in der jüngeren GP-Geschichte schon komplett aufgelistet.
Deutsche Erfolge in der höchsten Kategorie des Motorradsports sind so rar wie Nordlichter in der Südsee, und wenn man auf ein vergleichbares Husarenstück stoßen will, muss man in den Geschichtsbüchern über ein Vierteljahrhundert zurückblättern: Bis zum 1. Juli 1979, jenem Tag, an dem der furchtlose Schwabe Gustav Reiner auf seiner privaten Suzuki in Spa-francorchamps, ebenfalls bei einem Boykott-Grand-Prix, den vierten Platz erbeutet hatte.
Jetzt gelang Alex Hofmann unter ganz regulären Wettbewerbsbedingungen endlich das lang ersehnte, nach vielen ver-passten Chancen überfällige Topresultat. Und wenn es nach dem Geschmack und der Siegerlaune des Pramac-Ducati-Piloten geht, dürfte sich ein solches in Zukunft gern regelmäßiger einstellen. »Jemand wie Valentino Rossi hinter mir zu lassen, der wild schlingernd mein Tempo nicht gehen konnte, ist einfach geil«, schwärmte »Hoffmeister« und rieb sich die Hände vor Vorfreude aufs nächste Rennen in Mugello – eine Strecke, auf der die Ducati Desmo-sedici einmal mehr ihre frappierende Über-
legenheit ausspielen soll.
In seiner Begeisterung vergaß Hofmann auch den Dank an sein Team nicht, das »tolle Arbeit« geleistet hatte, und in diesem Fall war das Lob mehr als eine pure Floskel. Denn anders als in einem Trockenrennen ist ein MotoGP-Pilot bei einsetzendem Regen nicht mehr allein auf sich selbst gestellt. Das Rennen wird zum Teamwork, bei dem die Crew an der Box auf jede Nuance des Wetters reagiert, um dem Fahrer beim bevorstehenden Motorradwechsel das bestmögliche Set-up mit den optimal passenden Reifen bieten zu können, und zwar ohne Funkkommunikation zum Piloten – denn dies ist laut Reglement verboten.
Hofmann wählte für seinen Boxenstopp intuitiv den goldrichtigen Zeitpunkt. »Es hatte nur leicht zu nieseln begonnen, und ich habe kurz am eigenen Verstand gezweifelt, als ich vor den anderen Spitzenfahrern in die Boxengasse eingebogen bin.« Dass er so früh dran war, sparte mindestens vier Sekunden. Während die anderen bei stärker werdendem Regen wenig später vorsichtig die glitschigen Kurven der Boxeneinfahrt entlangbalancierten, war Hofmann mit seinen Bridgestone-Regenreifen längst wieder zügig unterwegs.
Beim Umstieg war seine Zweitmaschine perfekt präpariert. »Zum Glück haben wir am Montag nach dem Jerez-Grand-Prix im Regen trainiert. Die Maschine war im Nassen zunächst völlig unfahrbar, aber im Laufe des Tages haben wir ein passendes Mapping für die Elektronik ausgetüftelt. Dieses Setting haben wir dann einfach übernommen«, verriet Hofmann.
Und so kam es, dass er ohne große Rutscher und ohne allzu große Schreck-sekunden auf eine unwiderstehliche Aufholjagd gehen konnte. Während andere Piloten wie Lokalmatador Randy de Puniet noch auf Slicks zu forsch ihre Runden drehten (»Der hat trotz einsetzenden Regens so brachial Gas gegeben, das konnte nicht gut gehen«, so Hofmann zum Sturz des Kawasaki-Piloten) oder ihre Chancen im Rennen derart spät verspielten wie Weltmeister Nicky Hayden (»Dem rutschte beim Anbremsen auf der Geraden wegen Aquaplaning blitzartig das Vorderrad weg. Kaum anzunehmen, dass das sein fehlendes Vertrauen ins Vorderrad entscheidend gestärkt hat«, so Hofmann zum spektakulären Crash des Repsol-Honda-Piloten in der drittletzten Runde), hatte der Deutsche das Nässe-Risiko im Griff.
Dies ist neben Hofmanns unbestreit-barer Sattelfestigkeit der wunderbar funktionierenden Ducati-Traktionskontrolle zu verdanken, ohne die das Motorrad »beim Beschleunigen Kreise drehen« würde. Und natürlich den auch in Le Mans überlegenen Bridgestone-Reifen, bei denen Hofmanns Reifentechniker, der Ex-250er-Grand-Prix-Fahrer Klaus Nöhles, in Sachen Konstruktion und Mischung die richtige Wahl getroffen hatte.
Ungeachtet weiterer Subkategorien haben alle Reifenhersteller nämlich im Grundsatz nur zwei Typen von Regenreifen zur Verfügung, eine für feuchte Pisten mit leichtem Nieselwetter und eine für heftigen Regen mit Pfützen und Aquaplaning-
Gefahr. In Le Mans hätte man eigentlich nur kurzfristig den Flugwetterdienst anzurufen brauchen, um die zum Rennende
hin monsunartig niederprasselnden Wassermassen richtig vorausahnen zu können. Trotzdem setzten viele der Spitzenteams auf die Hoffnung, der Wettereinbruch werde glimpflich vorübergehen.
Peinlicherweise griff ausgerechnet der französische Hersteller Michelin bei seinem Heimspiel daneben und ließ Rossi mit einer Mischung ausrücken, die sich als viel zu hart erweisen sollte – Rossis Hinterreifen sah nach dem mühevoll ins Ziel geretteten sechsten Platz noch so neu aus, als habe man ihn gerade erst aus der Backform gezupft. Von den Michelin-
Topteams lag nur Repsol-Honda richtig. Hayden stürzte zwar, doch Teamkollege Daniel Pedrosa drehte bei seinem späten Sturmlauf, der ihn noch auf Rang vier katapultieren sollte, wie entfesselt auf – so wie man es bei dem in der Vergangenheit als Regenhasser verschrienen kleinen Spanier nie zuvor gesehen hatte.
Umgekehrt hatten die meisten Toppiloten von Bridgestone die richtige Wahl erwischt. Suzuki-Star Chris Vermeulen war auf dem gleichen Reifentyp unterwegs wie Hofmann und feierte seinen ersten Grand-Prix-Sieg, Marco Melandri wurde Zweiter. In umgekehrter Reihenfolge hatten diese beiden bereits im Vorjahr den ersten ohne Abbruch durchgezogenen Regen-Grand-Prix der neuen MotoGP-Formel in Phillip Island dominiert, was in seiner Wiederholung dafür spricht, dass Erfolge bei vermeintlich so unwägbaren Bedingungen sehr wohl von der richtigen Strategie, dem Fahrkönnen und Instinktsicherheit abhängen und keineswegs vom Zufall.
»Eigentlich sind mir solche Bedingungen zutiefst zuwider. Regenrennen laugen dich mental aus, weil du dir nie mit letzter
Sicherheit über die Bedingungen im Klaren sein kannst. Ich war bestimmt sieben-, achtmal in akuter Sturzgefahr«, lächelte Vermeulen. »Ich sehe mich deshalb auch nicht als Regenkönig – mein Ziel ist vielmehr, so bald wie möglich einen Sieg im Trockenen folgen zu lassen.«
Sein australischer Landsmann Casey Stoner sicherte sich in Le Mans den dritten Platz, was schon deshalb eine außer-
gewöhnliche Leistung war, weil er eine härtere, für die Bedingungen eher weniger geeignete Reifenmischung gewählt hatte. Zu allseitigem Erstaunen zeigte sich Stoner aber auch in Le Mans schnell und sattelfest, was die weit verbreitete Annahme, Ducati sei hauptsächlich bei Topspeed-Duellen überlegen, endgültig widerlegte.
Dass der eine Australier ausgerechnet in der französischen Sintflut seinen ersten GP-Sieg feiern und der zweite dort seine WM-Führung zementieren konnte, entbehrt nicht einer gewissen Komik: Australien ist der trockenste Kontinent der Erde – und erlebt derzeit eine Dürrekatastrophe biblischer Dimension.

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