Grand Prix in Motegi/J und Sepang/MAL (Archivversion) Im 7. Himmel

Der alte und neue MotoGP-Weltmeister Valentino Rossi (46) schwebte beim Malaysia-Grand-Prix im siebten Himmel. Ducati-Star Loris Capirossi (65) holte zwei Siege hintereinander – und feierte kräftig mit.

Manche Karrieren sind wie ein Märchen. Deshalb tauchten nach der Zieldurchfahrt in Malaysia auch plötzlich Schneewittchen und die sieben Zwerge auf. Sie küssten und umarmten ihren
Märchenprinzen Valentino Rossi, streiften
ihm ein schneeweißes T-Shirt und einen schneeweißen Helm mit einer großen schwarzen »7« über, dann ging der Triumphzug weiter. Der Held feierte aufrecht in den Fußrasten stehend, mit ihm feierte eine ganze Nation und vor allem Rossis malerischer Heimatort Tavullia, in dem sich die Menschenmassen durch die schmalen Gassen wälzten wie bei einem Osterumzug.
Sieben Titel insgesamt für Valentino Rossi, fünf hintereinander allein in der
Königsklasse, das waren die Eckdaten einer enormen Liste an Superlativen, an denen sich die Statistiker nach dem
Sepang-Grand-Prix schwindelig rechneten. Einige Kostproben: Rossi ist nun neben Giacomo Agostini und Mick Doohan der dritte Fahrer, der es zu fünf oder mehr Titeln der Königsklasse gebracht hat. Mit 51 Siegen in 93 MotoGP-Rennen hat er
das viertbeste Start-Sieg-Verhältnis nach John Surtees, Giacomo Agostini und Mike Hailwood. 77 Podestplätze in 93 Rennen bedeuten gar eine Erfolgsquote von 82,7 Prozent, der besten in der Geschichte der Motorrad-Königsklasse.
»Heute habe ich die Sieben nicht nur wegen der Zahl meiner Titel getragen, sondern auch, weil es die Startnummer von Barry Sheene war, der immer einer meiner großen Idole war. Die Foto-Session mit meinem als Schneewittchen und die sieben Zwerge verkleideten Fanclub war nur ein kleiner Spaß, um die sieben Titel
zu feiern und weil mir dieses Märchen schon als kleines Kind immer gefallen hat«, berichtete Rossi, dem Zahlenspiele herzlich wenig bedeuten.
Lieber erwähnte er noch einmal, wie außergewöhnlich sein Jahr mit bislang neun Siegen gewesen war. »Zu Saisonbeginn hatten wir unsere Schwierigkeiten mit der M1-Yamaha. Doch das Außergewöhnliche an diesem Team ist, dass wir nie in Problemen stecken bleiben, sondern immer neue Lösungen aushecken. Als wir den richtigen Weg gefunden hatten, begann die M1 zu fliegen. Das Gefühl dieser zweiten Meisterschaft auf Yamaha zu beschreiben fällt mir schwer. Der erste Titel war ein Traum, der zweite ist unglaublich – nicht einmal mein Vater hätte darauf gewettet, dass ich nach meinem Wechsel zu Yamaha in zwei Jahren zwei Weltmeisterschaften abräumen würde.«
Die Superlative wurden in Pressekonferenzen und Fernsehinterviews disku-
tiert bis spät in die Nacht, und fast geriet darüber in Vergessenheit, dass auch ein Außerirdischer nicht unfehlbar ist. Denn schon beim Japan-Grand-Prix in Motegi hätte Valentino Rossi den Titel sicherstellen können. Ohne richtige Lust auf die von Honda gebaute Rennstrecke, die ihm noch nie gut gelegen hatte, ohne die richtigen Reifen und ohne optimales Set-up blieb er aber auf dem elften Startplatz hängen. Während seiner Aufholjagd im Rennen krachte er dann ins Heck von Marco Melandri. Beim Sturz der beiden bohrte sich eine Fußraste in den rechten Fuß des Telefonica-Honda-Piloten und hinterließ eine klaffende Fleischwunde, worauf sich Rossi händeringend entschuldigte.
Er selbst hatte sich unverletzt aus dem Staub aufgerappelt. »Ich habe ihn nicht einmal richtig angegriffen, weil ich wusste, dass ich keine Siegchance hatte. Doch für jene Kurve gibt es leider zwei unterschiedliche, gleichwertige Ideallinien, und unsere Wege haben sich auf unglückliche Weise gekreuzt«, erklärte Rossi.
Eine Woche später in Malaysia kam die nächste Chance. Einmal für Melandri, dem die Ärzte geraten hatten, wegen der Infektionsgefahr in der Tropenhitze auf den Start zu verzichten, der dann aber doch seinen in Verbandmull eingewickelten Fuß in einen um eine Nummer größeren Rennstiefel zwängte und Platz fünf errang. Zum andern für Rossi, der trotz seines Ausfalls in Motegi nur mehr den vierten Platz brauchte, um den Titel aus eigener Kraft zu verteidigen.
Wieder war der Weg zum Glück dornenreicher als erwartet. »Ich mag die Sepang-Strecke«, hatte Rossi noch geschwärmt. Umso verblüffender war es, dass er ebenso wie die meisten anderen Michelin-Piloten an den Rundenzeiten des Vorjahres-GP vorbeifuhr. Die Zeiten der Frühjahres-Tests wurden sogar um bis
zu anderthalb Sekunden verpasst – ein Rätsel, das sich auch dadurch nicht lösen ließ, dass Michelin bis zum Warm-up am Sonntagmorgen hastig eine Ladung neuer Reifen einfliegen ließ.
Die prominentesten Rossi-Rivalen fuhren geradewegs ins Desaster. »Es ist, als säße ich auf einem anderen Motorrad als dem, das wir hier im Januar und Februar getestet haben. Ein paarmal wäre ich im Rennen fast gestürzt«, wunderte sich Max Biaggi, der in Motegi noch Platz drei gefeiert und kühn von einem möglichen Sieg in Sepang geredet hatte, dort jedoch auf dem sechsten Rang herumkrebste. Teamkollege Nicky Hayden war besser unterwegs und hielt lange die Plätze zwei und drei, musste am Ende aber auch zurückstecken, weil es einen Fetzen Lauffläche aus seinem Hinterreifen gerissen hatte.
Völlig am Boden zerstört war Sete Gibernau: Einem Crash in Motegi ließ er in Malaysia einen weiteren Rennsturz, den fünften der Saison, folgen, bei dem er gleich noch Shinya Nakano mit ins Verderben riss. Danach fiel Gibernau gar nichts mehr ein. Wortlos und tief beleidigt verschwand er von der Strecke – was hätte der zu Saisonbeginn als Rossi-Herausforderer gefeierte und nun auf WM-Rang acht abgestürzte Spanier auch sagen sollen.
Es spricht wieder einmal für das großartige Können von Valentino Rossi, dass er in diesem schweren Sturm für alle Michelin-Piloten die Ruhe bewahrte und am Schluss noch einen unter diesen Umständen bravourösen zweiten Platz sicherte. »Im Training hatten wir die gleichen Probleme wie alle anderen. Am Samstagabend haben wir uns zusammengesetzt und ein Set-up beschlossen, das so schonend wie möglich mit den Reifen umging«, berichtete Rossis Cheftechniker Jerry Burgess.
Trotzdem versteckte sich Valentino keineswegs. Für zwei Runden lang ergriff er sogar die Führung im Rennen, bevor er wieder hinter den Mann der Stunde zurückfiel: Loris Capirossi. »Es hat genau drei Kurven gedauert, bis ich begriff: Loris spielt mit mir. Wie die Katze mit der Maus«, lachte Rossi später. »Es ist erstaunlich, welches Niveau die Bridgestone-Reifen mittlerweile erreicht haben. Loris war in diesem Rennen unantastbar.«
Schon in Motegi, dem Heim-GP des nur zwei Autostunden von der Rennstrecke entfernten Bridgestone-Werks, hatte Loris Capirossi ein Traum-Wochenende erlebt. Erst reichten sich der 32-jährige Italiener und Ducati-Teammanager Livio Suppo öffentlich die Hand und besiegelten einen neuen, mit einer Gage von rund drei
Millionen Euro dotierten Ein-Jahres-Vertrag. »Bei Rückschlägen steckt in der
Ducati-Rennabteilung niemand den Kopf in den Sand. Stattdessen haben wir es geschafft, nach einem Jahr der Enttäuschungen wieder ganz nach oben zu kommen. Jeder hier gibt 100 Prozent – wie
ich auch«, hatte Capirossi erklärt. Wie
zum Beweis landete er daraufhin Paukenschlag um Paukenschlag: Pole Position und Sieg in Motegi, Pole Position und Sieg in Malaysia, wo Carlos Checa den Erfolg mit Rang drei abrundete. »Eine fantastische Woche und ein fantastisches Resultat – besser geht’s nicht«, strahlte Loris Capirossi, der in der WM-Wertung aus dem Nichts auf Rang drei rückte und jetzt sogar Max Biaggis zweiten Platz ins Visier nimmt. Schade nur für Ducati, dass
Capirossis Doppelschlag von den Rossi-Schlagzeilen – erst der Sturz, dann der Titel, zudem auch noch die Formel-1-Gerüchte – überlagert wurden.

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