Grand Prix in Motegi/Japan (Archivversion) Hondas Alptraum

In Motegi gewann Loris Capirossi bereits den dritten Grand Prix für Ducati in diesem Jahr, Weltmeister Valentino Rossi reduzierte zum vierten Mal in Folge den Punktevorsprung von MotoGP-WM-Leader Nicky Hayden, und der letzte Honda-Sieg liegt fünf Rennen zurück. Die Katastrophe zeichnet sich ab: Honda kann den Titel erneut an Rossi verlieren.

Suguru Kanazawa schlug mit der Hand auf den Tisch. Seine Rennmanager hatten dem Präsidenten der Honda Racing Corporation HRC gerade erklärt, die Vertragsverhandlungen mit Nicky Hayden seien ins Stocken geraten, noch gäbe es keine Neuigkeiten, um die Gerüchte über einen möglichen Markenwechsel des Amerikaners zu zerstreuen. »So geht’s nicht weiter. Ich will Ergebnisse sehen. Und zwar heute noch«, forderte Kanazawa.
Das war am Freitagmorgen um neun
im Fahrerlager von Motegi. Um zwölf Uhr mittags war sich Honda mit dem Kentucky Kid einig. Seinem Manager Philip Baker war es gelungen, Haydens Anwälte in Amerika für einige Überstunden heraus-
zuklingeln. Um 15.30 Uhr wurde der neue Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben, der eine Jahresgage von 1,5 Millionen Dollar statt bisher einer Million sowie technische Gleichstellung mit Dani Pedrosa vorsah. Um vier sagte Baker bei Yamaha-Team-
manager Lin Jarvis ab, dem er tags zuvor noch Hoffnungen gemacht hatte. Deshalb konnte Kanazawa wenigstens mit einer
guten Nachricht aufwarten, als um sechs eine große Pressekonferenz mit einer technischen Präsentation der jüngsten Version der RC 211 V-Werksmaschine begann.
Der Ärger des charismatischen HRC-Präsidenten war damit noch lange nicht verraucht. Denn vor dem öffentlichen Hand-
schlag mit Hayden hielt Kanazawa erst einmal ein Stück Papier in die Höhe. »Das«, hob er mit klirrender Stimme an, »ist der Brief, den wir an FIM-Präsident Zerbi geschrieben haben. Wir können nicht hinnehmen, dass im Kampf um den Titel die Regeln gebeugt werden. Bislang haben wir noch keine Antwort erhalten...«
Was Kanazawa so sauer aufstieß, war ein Überholmanöver von Valentino Rossi beim verregneten Australien-Grand-Prix eine Woche zuvor. Der Weltmeister hatte Casey Stoner unter gelber Flagge passiert, munter weiter Gas gegeben und nach einer famosen Aufholjagd den dritten Platz ge-
sichert. Hayden, der die Aktion aus nächs-
ter Nähe beobachtet hatte, blieb auf dem fünften Rang sitzen und schaute in die Röhre – wenn Rossi, wie im Regelwerk vorgesehen, eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe kassiert hätte, wäre er in der Endabrechnung nicht zwei Plätze vor, sondern einen Rang hinter Hayden gewertet worden.
Honda forderte Konsequenzen für Renndirektor Paul Butler, der in Australien noch von einem Versehen gesprochen und die Schuld an dem Fauxpas auf sich genommen hatte. Die Grand-Prix-Kommission schob den schwarzen Peter am Ende dagegen in Richtung der australischen Rennorganisation weiter – dort hätten die Streckenposten noch mit gelben Flaggen gewedelt, als die Gefahr längst vorüber war und die Renndirektion den Alarm schon wieder abgeblasen hatte. Man werde nach besseren Prozeduren forschen, um eine korrekte Durchsetzung der Regeln in Zukunft zu gewährleisten, hieß es in
einer dürren Erklärung der internationalen Motorradsporthoheit FIM.
Ebensowenig wie Kanazawa mit dieser Antwort zufrieden sein konnte, war er es mit dem Rennen in Motegi. Denn was Honda und Hayden auch versuchen: Es will einfach nicht gelingen, das dramatische Schrumpfen des Punktevorsprungs ein-
zudämmen, »das Ausbluten zu stoppen«, wie es das Kentucky Kid selbst drastisch formuliert. Nach seinem Sieg in Laguna Seca im Juli hatte Haydens Vorsprung auf Rossi noch stolze 51 Punkte betragen, und Rossi hatte in seiner ersten Enttäuschung bereits das Handtuch geworfen. Dann jedoch strich Yamaha die Sommerferien für seine Ingenieure, revidierte die kränkelnde Yamaha M1 von Grund auf, und mit dem Brünn-Grand-Prix Ende August begann jene atemberaubende Aufholjagd des Weltmeisters, mit der er Hayden bei jedem Rennen einen Batzen Punkte und eine gehörige Portion Selbstvertrauen raubte.
Der Japan-Grand-Prix wurde wieder zu einer Demonstration. Loris Capirossi fuhr dank der in Motegi überlegenen Bridge-stone-Reifen unantastbar an der Spitze voraus und wiederholte seinen Vorjahressieg. Rossi war lange Dritter, presste sich kurz nach Halbzeit energisch an Australien-Sieger Marco Melandri vorbei und versuchte sogar noch, den enteilten Capirossi einzuholen, wobei er die schnellste Rennrunde drehte. »Gegen Loris war nichts zu machen. Sowie er spürte, dass ich näher kam, hat er gekontert und selbst am Gas gedreht«, schilderte Rossi nach seinem zweiten Platz. »Ich bin trotzdem sehr zufrieden. Wir haben das ganze Wochenende konsequent Druck gemacht und waren nicht nur im Rennen, sondern auch in allen Trainings schnell. Es scheint, als ob es die anderen schwer haben, wenn bei uns alles funktioniert«, meinte er schelmisch. Dass er weitere neun Punkte auf Hayden gut gemacht hat und der Abstand in der WM-Wertung auf nunmehr zwölf Punkte zusammenschrumpfte, nahm er mit Genuss zur Kenntnis. »Wenn wir so weitermachen, ist alles möglich. Wir werden es jedenfalls versuchen«, erklärte er kämpferisch.
Rossis einziger Wermutstropfen war, dass Shinya Nakano in der vorletzten
Runde zu waghalsig versucht hatte, Sete Gibernau innen auszubremsen. Statt den vierten Platz zu übernehmen, rammte der Kawasaki-Star das Heck der Ducati und stürzte. »Zwei zusätzliche Punkte im Kampf um den Titel landeten so im Kiesbett«, bemerkte Rossi trocken.
Auf diese Weise und wie schon in
Australien mit Ach und Krach Fünfter zu werden, löste bei Nicky Hayden freilich auch keine Begeisterung aus. Wieder hatte er einen miserablen Start, verbog sich bei
einer Feindberührung in der ersten Runde auch noch den Kupplungshebel und hatte danach Mühe, sich durchs Feld nach vorn zu wühlen. Als er endlich halbwegs freie Fahrt und die Streithähne Nakano und
Gibernau in Reichweite hatte, verpasste er in einer Spitzkehre die Ideallinie und ver-
lor entscheidende Sekunden. »Die Motor-
rad-Weltmeisterschaft ist kein gemütliches Wettangeln am Flussufer. Natürlich hast du Druck«, gibt Hayden zu. Der Stress ist ihm deutlich anzumerken.
Hayden weiß aber auch, dass nicht alles seine Schuld ist. Bei jener HRC-Pressekonferenz am Freitagabend wurde Haydens Spezialmotorrad, die RC 211 V Evolution, mit all ihren theoretischen Verbesserungen wie dem kompakteren und leistungsfähigeren Motor, der längeren Schwinge und den damit verbundenen Möglichkeiten bei der Fahrwerksabstimmung sowie dem »Intelligent Throttle System« mit digital gesteuerter Versorgung
der beiden hinteren Zylinder, einleuchtend dargestellt. Warum Hayden trotzdem die halbe Saison über mit Mangel an Traktion kämpfte, warum sich die Probleme mit
der Kupplung nicht lösen lassen, warum zwischen Theorie und Grand-Prix-Praxis solche Welten klaffen, vermochte indes keiner der Ingenieure zu erklären. Den Journalisten nicht – und auch Suguru Kanazawa nicht, der die fortwährenden technischen Sorgen mit Haydens Motorrad als »unakzeptabel« apostrophiert.
Dass die Traktions- und Kupplungsprobleme am Ende zur Niederlage führen und der Titel zum dritten Mal hintereinander
bei Rossi und Yamaha landen könnten, ist
ein Schreckgespenst, das einige Honda-Angestellte wie den fürs MotoGP-Werksteam verantwortlichen HRC-General-Manager Tsutomu Ishii derzeit sehr schlecht schlafen lässt. Denn für ein Scheitern der sündhaft teuren Mission WM-Titel 2006 hat Suguru Kanazawa bereits unverblümt harte Konsequenzen angekündigt: Dann rollen im Repsol-Honda-Team Köpfe.

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