Grand Prix in Mugello/I (Archivversion) Mit Volkes Stimme

Valentino Rossi feierte in Mugello einen überlegenen Sieg im Kampf gegen Ducati – und einen zweiten im Kampf um die italienischen Fans.

Kenny Roberts tuckerte als Letzter über die Ziellinie, machte unmittelbar danach eine Kehrtwende und suchte sein Heil in der Flucht. In Gegenrichtung steuerte er zum Eingang der Boxengasse und verschwand in der Garage seines Teams, das auch sofort die Rolltore herunterrattern ließ.
Ohne solche Geistesgegenwart wäre der Amerikaner hoffnungslos untergegangen. In einem Meer italienischer Fans, das sich schon zwei Runden vor dem Abwinken als Flutwelle auf Zäunen und Mauern aufbaute und dann über die Mugello-Piste hereinbrach. Valentino Rossi hatte gewonnen, und Tausende waren Teil der Party, als ihr Held jubelnd Champagner verspritzte.
Diesmal war Rossi sogar besonders spendabel und schleuderte seinen speziellen, wie immer beim Heim-Grand-Prix mit einer Sonderlackierung versehenen Helm in die Menge, was die Sammlernatur eigentlich ungern tut. Doch diesmal war Rossi nicht nur ein einzelner Stein, sondern gleich ein ganzer Sack voller Steine vom Herzen gefallen.
Nach dem Regen-Grand-Prix in Le Mans, wo sich sein Team mit der Reifenwahl vertan hatte, wurde Rossi von schweren Sorgen umgetrieben, weshalb er sich in sein Heimatdorf Tavullia zurückgezogen hatte, um bei seinen besten und ältesten Freunden Rat zu suchen. Zum einen bedrückte es Valentino, dass die italienische Marke Ducati die Weltmeisterschaft anführte und er mit einer erfolgreichen Attacke auf Stoner viele seiner Fans verlieren könnte. Gleichzeitig war er gezwungen, genau diesen Angriff vorzubereiten und suchte Unterstützung, um die beste Strategie gegen die überlegene Maschine im Feld zu entwickeln.
An beiden Trainingstagen immer wieder hinter Stoner auf die Strecke zu fahren, den Gegner konsequent auszuspähen und zu bewachen entpuppte sich als goldener Schlüssel zum Erfolg. Rossi sah, dass er auf der langen Zielgeraden von Mugello zwar weiterhin nicht mithalten konnte, machte aber Vorteile bei den vielen Richtungswechseln und in den langen Kurven von Mugello aus. Nur beim Herausbeschleunigen hatte Stoner leichte Vorteile. Seine Ducati Desmosedici zog am Kurvenausgang so ruhig wie auf Schienen davon, während Rossis Yamaha nervöser war und sich beim Gasgeben bewegte.
»Jetzt weiß ich, was wir zu tun haben«, erklärte Rossi seinem Team im entscheidenden Strategiegespräch nach dem Warm-up am Sonntag. Dann zog er den Joker und wählte gegen den Rat von Michelin einen Hinterreifen mit härterer Karkasse, der das Fahrverhalten seiner Yamaha genau so stabilisierte wie das der Ducati. Michelin hatte diesen Reifentyp im Anschluss an den Le-Mans-Grand-Prix hergestellt, weil Rossi in einem Krisengespräch Fraktur geredet und Forderungen gestellt hatte: Die gängigen Reifen, die hauptsächlich auf die Bedürfnisse von Honda zugeschnitten sind und mit relativ weicher Karkasse für die nötige Traktion sorgen sollen, taugten für Yamaha nicht, er brauche endlich speziell auf sein Motorrad zugeschnittene Hinterreifen.
Mit diesem Pneu gelang ihm eine atemberaubende Aufholjagd. Am Start auf Platz acht zurückgefallen, weil er die Kupplung zu schnell hatte schnalzen lassen und ein Wheelie machte, statt gleich davonzuzischen, pflügte er binnen neun Runden an die Spitze, schüttelte im letzten Renndrittel auch seinen einzig verbliebenen Verfolger Dani Pedrosa ab und nahm dann ein wohltuendes Bad in der Menge. »Ich habe ein Meer von Gelb gesehen und wusste: Mugello gehört mir«, triumphierte er hinterher erleichtert. Fans hatte er mit seiner Fahrt nicht eingebüßt, im Gegenteil: Sogar auf der Ducati-Tribüne wurde bei seiner Vorbeifahrt heftig Beifall geklatscht. »Das zu sehen hat mir einen Adrenalin-Schub versetzt, der mich auch in den nächsten Rennen beflügeln wird«, schwärmte Rossi, der die Pisten in Barcelona, Donington Park und Assen, wo als nächstes gefahren wird, ebenfalls zu seinen Lieblingsstrecken zählt – und das Ruder in der Weltmeisterschaft jetzt, wo er die passenden Reifen gefunden hat, mit drei weiteren Siegen in Folge radikal herumreißen will.
Jene Tifosi auf der Ducati-Tribüne, die Rossi nicht feiern wollten, hatten sich unmittelbar nach dem Zieldurchlauf enttäuscht auf den Heimweg gemacht. Denn Stoner verlor nicht nur den Anschluss an Rossi und Pedrosa, sondern am Ende auch noch das Duell gegen seinen Markengefährten Alex Barros, der ihn kurz vor Schluss kaltschnäuzig überholte und Stoner den dritten Podestplatz vor der Nase wegschnappte.
»Ducati hat uns grünes Licht zum Angriff gegeben. Einerseits geht’s um die Weltmeisterschaft. Andererseits geht es für Ducati aber auch um den Beweis, dass nicht nur die Maschinen des Marlboro-Werksteams schnell sind. Und diesen Beweis haben wir angetreten«, erklärte der 36-jährige Rennveteran nach seinem Husarenstück. »Stoners Motorrad war um einen kleinen Hauch schneller, dafür war mein Motorrad stabiler. Ich konnte ihn am Ende der Zielgeraden ausbremsen und habe damit gerechnet, dass er mich vor dem Ziel wieder erwischen würde. Aber ich kam mit geringfügig mehr Drive aus der letzten Kurve – und so hat’s gereicht.«
Stoner hatte die ersten drei Runden des Rennens geführt, und weil Loris Capirossi dicht an seinem Hinterrad klebte und anschließend selbst für zwei Runden das Kommando übernahm, sah es zunächst nach einem großen Erfolg der roten Renner aus. Doch letztlich war die Abstimmung bei beiden nicht perfekt – Stoner klagte über mangelnde Traktion am Hinterrad, Capirossi über zwei Beinahe-Stürze übers Vorderrad, nach denen er zurücksteckte und schließlich Siebter wurde.
Immerhin hatte Capirossi wenigstens ein Strohfeuer auflodern lassen, das er einem neuen, besser zu seinem Fahrstil passenden Motor zu verdanken hatte. »Capirossi versucht, mehr Kurvenspeed mitzunehmen als Casey Stoner. Dafür nutzt er höhere Gänge und braucht sattes Drehmoment. Unser Motor ist dagegen auf Höchstleistung ausgerichtet, mit einer spitzen Leistungscharakteristik. Deshalb haben wir jetzt für Mugello einen Motor mit mehr Durchzug vorbereitet«, erklärte Ducati-Corse-Geschäftsführer Claudio Domenicali. »Für uns ist das eine außergewöhnliche Aktion«, ergänzte Filippo Preziosi, Technischer Direktor bei Ducati Corse. »Eine so weitgehende Modifikation braucht normalerweise ein Jahr an Vorbereitung. Wir haben es in wenigen Wochen hingekriegt, sind dabei aber auch Risiken eingegangen. Wir haben den Motor kein einziges Mal auf der Rennstrecke ausprobiert, sogar die Haltbarkeitstests wurden abgekürzt. Eine Ducati auf der Rennstrecke kaputtgehen zu sehen wäre für einen Techniker ein Desaster. Doch diese Aktion sind wir Loris schuldig. Er hat so viel für uns gegeben, und jetzt, wo er mal um Hilfe gebeten hat, ist es nur recht und billig, ihm entgegenzukommen. Auch wenn ich vor lauter Anspannung Herzklopfen habe.«
Capirossis Ducati hielt durch, aber ob die Modifikationen – andere Ventilsteuerzeiten dank modifizierter Nockenwellen sowie Eingriffe ins elektronische Motormanagement – tatsächlich reichen, um den an satte Big-Bang-Power gewöhnten Star wieder an die Spitze zu bringen, muss sich erst noch zeigen. Immerhin war Capirossi schon mal schneller als der bedauernswerte Alex Hofmann. »Barros hat einen tollen Job gemacht, doch ich hatte von Anfang an kein Gefühl für den Hinterreifen. Meine Zeiten waren nicht mal so schnell wie im Training. Das ganze Rennen war ein Kampf«, klagte der Deutsche nach Rang elf enttäuscht.

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