Grand Prix in Sepang (Archivversion) Triumph und Tränen

Marco Simoncelli – ein neuer Name in der Liste der 250-cm³-Weltmeister, die seit 1949 geführt wird und derzeit 37 Einträge zählt. Ist es womöglich auch der letzte? Das Ende der Viertelliter-Ära im Grand-Prix-Sport könnte schneller kommen als gedacht.

Kaum war der Champagner auf dem Siegerpodest von Sepang versprüht, fand sich der neue 250-cm3-Weltmeister vor einer Fernsehkamera wieder. Doch viel rauszukriegen war aus Marco Simoncelli nicht. "Ich kann nicht reden. Es ist so heiß", stöhnte der Italiener, nachdem er sich bei 41 Grad Luft-, 60 Grad Asphalttemperatur und tropischer Schwüle zum dritten Platz beim Malaysia-Grand-Prix und seinem ersten Titel durchgekämpft hatte.

Viel zu sagen brauchte der Gilera-Pilot mit seiner gewaltigen Lockenmähne auch gar nicht, denn die Bilder seines Burnouts, seiner fröhlichen Fans mit Perücken in Simoncellis Hippie-Look, seiner Familie und seiner Freunde wie Valentino Rossi, die ihn vor Begeisterung fast erdrückten, erzählten die ganze Geschichte.

Simoncelli will nicht als Rossi-Kopie gebrandmarkt werden, weshalb für den Zieleinlauf auch keine großen Gags vorbereitet wurden – viel mehr als das Weltmeister-T-Shirt, auf das Designer Aldo Drudi den nicht minder berühmten Lockenkopf von Jimi Hendrix gedruckt hatte, gab es nicht.

Ein fröhliches "spettacolo" mit überschäumenden Emotionen war die Titelfeier trotzdem, und das liegt auch daran, dass Simoncelli aus der gleichen Gegend stammt wie Rossi. "Sie sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen. Sie kommen aus einem Urlaubsparadies, wo die Sonne scheint und wo man an den Strand zum Baden geht, wo man gerne gut isst und trinkt und sich ganz selbstverständlich unter die Leute mischt. Die Menschen aus dieser Region sind von Haus aus offener, fröhlicher, freundlicher als andere", verrät Giampiero Sacchi, Rennchef der Piaggio-Gruppe, zu der auch Gilera gehört.

Und sie sind motorradverrückt. Während der in Tavullia ansässige Rossi schon einen GP-Star zum Vater hatte, betrieben Simoncellis Eltern Paolo und Rossella eine Eisdiele, irgendwo in Strandnähe von Riccione, und hatten mit dem Rennsport zunächst wenig am Hut. Als der kleine Marco aber auf Minibikes Talent bewies und irgendwann 50000 Euro brauchte, um sich in sein erstes richtiges Straßenrennteam einzukaufen, war die Eisdiele im Handumdrehen verkauft und das Häuschen der Familie verpfändet.

Es war eine lohnende Investition, denn Marco bewies schnell, in der Europameisterschaft ebenso wie in seinen ersten GP-Jah-ren, dass er den nötigen Speed hat. Nur die Sattelfestigkeit wollte sich nicht einstellen – Simoncelli wurde zum Sturzkönig, was er mit italienischem Aberglauben auf Pech, schwarze Magie und unzureichenden Schutz gegen finstere Mächte zurückführte.

Bis sein Techniker Aligi Deganello ihn im letzten Jahr in die hohe Kunst technischer Analyse einführte. Aus einem Kindskopf wurde ein engagierter Sportler, der sich auch bei der Saisonvorbereitung mit dem Motocross-Motorrad plötzlich ins Zeug legte wie nie zuvor. "Diesen Winter war Simoncelli plötzlich richtig gut, Welten besser als je zuvor," wunderte sich sein Trainingspartner Raffaele de Rosa aus dem Onde-2000-KTM-Team.

Auch in der 250er-Weltmeisterschaft ging’s auf einmal steil bergauf. Nach einigen Harakiri-Attacken gegen Mika Kallio, Alvaro Bautista und Hector Barberá noch im Kreuzfeuer der Kritik, lernte Simoncelli doch noch, wie ein Gentleman zu überholen. Als er nach den ersten Erfolgen mit einer RSA-Werksmaschine belohnt wurde – seine Gilera ist mit den Aprilia-Werksrennern baugleich –, gab’s kein Halten mehr.

Mika Kallio, der nach Simoncellis Anfangsfehlern die WM angeführt hatte, fiel zurück, und vielleicht trug die Enttäuschung über den entgangenen Titel ein bisschen dazu bei, dass im KTM-Werk vor dem Malaysia-Grand-Prix eine folgenschwere Entscheidung getroffen wurde: Der österreichische Hersteller zieht sich 2009 aus der 250er-Klasse zurück und konzentriert sich mit drei Fahrern auf die 125er-WM. "KTM-Chef Stefan Pierer war schon lange verärgert, weil Dorna-Direktor Carmelo Ezpeleta bei unserem Einstieg in die 250er-WM ein Fortbestand der Klasse bis 2014 garantiert hatte, die Einführung der Viertakt-Kategorie jetzt aber bereits ab 2011 durchsetzte", erklärt Konstrukteur Harald Bartol. "Wir haben nie eine solche Garantie abgegeben", wehrt sich Ezpeleta.

Wie dem auch sei: Zwei Jahre sind für KTM einerseits zu wenig, um Geld in die Weiterentwicklung zu investieren und Aprilia ernsthaft herauszufordern, andererseits auch zu viel, um das Team bis zum Ende der Zweitakter auf Sparflamme weiterköcheln zu lassen.

Wozu auch, wo das langsame Sterben der Klasse doch jetzt schon begonnen hat. Anders als bei der Umstellung der alten Halbliter-Zweitaktklasse auf die Viertakt-MotoGP-Maschinen, bei dem sämtliche Hersteller mitspielten, zeigt an der neuen GP2-Formel mit 600-cm3-Maschinen kaum jemand Interesse – selbst Gigant Honda will nicht als Alleinausrüster dastehen und wartet derzeit einfach ab.

Den Dorna-Plan, über womöglich nur einen Lieferanten billige, streng reglementierte Motoren zu besorgen, die die einzelnen Teams dann in ihre eigenen Fahrwerke bauen können, hält KTM-Konstrukteur Harald Bartol für eine Schnapsidee. "Grand Prix ist eine Prototypen-Meisterschaft und kein Kommunismus, in dem alles gleich sein soll", stellt der Österreicher fest. Diplomatischer gibt sich Giampiero Sacchi. "Wenn schon in der Formel 1 über Einschränkungen und bestimmte festgelegte Bauteile für alle Teilnehmer verhandelt wird, sollten wir uns dieser Diskussion angesichts der Weltwirtschaftslage nicht entziehen", meint der Italiener.

Einig ist man sich bei KTM und Aprilia, dass Kostensparmodelle am leichtesten mit den gängigen Zweitaktern umzusetzen gewesen wären. Die Hersteller hatten sich bereits verständigt, ihre 250er-Renner künftig zum Maximalpreis von 300000 Euro anzubieten und ohne Exklusivteile für die Werksfahrer Chancengleichheit für alle zu schaffen. "Doch wir wurden nicht einmal angehört", stellt Harald Bartol fest.

Falls sich nicht genügend Teilnehmer für die 250er-WM 2009 finden lassen, wird Carmelo Ezpeleta die Einführung der Viertakt-Formel um ein Jahr vorziehen. "Für 2009 können wir nicht viel machen. Doch wenn das Feld unter starkem Teilnehmerschwund leidet, werden wir alle Hebel in Bewegung setzen, um den Übergang zu beschleunigen", kündigte er an.

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