Grand Prix in Sepang/MAL (Archivversion) Paar-Lauf

Er wolle nur noch Spaß haben, der Titelkampf interessiere ihn nicht mehr, hatte MotoGP-Weltmeister Valentino Rossi kürzlich verkündet. In Sepang hatte er seine helle Freude, reduzierte das MotoGP-Rennen mit seinem Kumpel Loris Capirossi zur Zweimann-Show – und nebenbei den Vorsprung von WM-Leader Nicky Hayden um satte zwölf Punkte.

Um halb zwei am frühen Samstagmorgen, wenige Stunden vor dem dritten freien Training zum Grand Prix in Malaysia, lagen die meisten MotoGP-Stars friedlich im Schlaf. Nur Valentino Rossi vergnügte sich noch in der Hotelbar des »Pan Pacific« am Flughafen von Kuala Lumpur und spielte Tischfußball mit guten Freunden.

Dem Glücklichen schlägt eben keine Stunde. Als zur Mittagszeit an jenem Samstag etwa ein tropischer Gewittersturm aufzog und die Qualifikation der MotoGP-Klasse immer wieder hinausgeschoben wurde, bis schließlich die endgültige Absage kam, hatte Rossi die Pole Position bereits in der Tasche. Statt des ausgefallenen Zeittrainings wurden nämlich die drei freien Sessions für die Startaufstellung ausgewertet. Da der Weltmeister schon am Vormittag mit Qualifikationsreifen experimentiert und ein paar schnelle Runden hingezaubert hatte, war er nun fein raus – ebenso wie Nicky Hayden,
Loris Capirossi und Kenny Roberts jr. auf den Startplätzen zwei bis vier.

Geprellt fühlten sich dagegen diejenigen, die sich die Zeitenjagd für den Nachmittag aufgespart hatten. So steckte Kawa-
saki-Star Shinya Nakano auf Platz zwölf der Startaufstellung, worauf sein Cheftechniker Fiorenzo Fanali lautstark lamentierte, man solle die mit Qualifiers erzielten Runden aus der Wertung streichen. War er bereits sauer, weil sein Protest ungehört verhallte, so raufte er sich tags darauf gleich nach dem Start des Rennens erneut die Haare: Beim Versuch, möglichst schnell verlorenen Boden gut zu machen, krachte Nakano seinem Teamkollegen Randy de Puniet in die Verkleidung und stürzte.

Valentino Rossi ritt dagegen weiter auf der Woge seines Glücks. Gab sich seine Yamaha M1 zunächst noch schwerfällig beim Bremsen und Einbiegen in die Kurven, so dass der Superstar gelegentlich leicht übers Ziel hinausschoss, gelang
seinem Team – auch dank der Erfahrung aus den vielen Vorsaisontests – fürs Rennen doch noch eine optimale Abstimmung. »Schließlich haben wir praktisch den ganzen Winter hier in Sepang verbracht«, vermerkte Rossi zuversichtlich.
Der Champion machte vom Start weg deutlich, dass er sich die Show diesmal von niemandem, stehlen lassen würde, auch von seinem Freund Loris Capirossi nicht. War der Ducati-Star in Brünn unhaltbar davongefahren, so vereitelte Rossi
in Sepang konsequent alle Fluchtversuche. Während das Verfolgerfeld weiter und weiter zurückfiel, entspann sich ein Katzund-Maus-Spiel zwischen den beiden Italienern, das die 43000 Zuschauer an der Strecke und Millionen in aller Welt vor den Fernsehschirmen von den Sitzen riss. Eine halbe Runde vor Schluss quetschte sich Rossi mit einem Spätbremsmanöver zum letzten Mal an seinem Rivalen vorbei, erkämpfte sich in den nächsten zwei Kurven einen kleinen Vorsprung und machte alle Hoffnungen Capirossis zunichte, in der letzten Spitzkehre vor dem Zielstrich noch einmal kontern zu können.
Der Geschlagene brachte die Auslaufrunde so schnell wie möglich hinter sich, weil er erst einmal seine Enttäuschung
hinunterschlucken musste – nur ein Sieg hätte die marginalen Titelhoffnungen im Ducati-Lager weiter in die Zukunft tragen können. Auf dem Siegerpodest präsentierte er sich freilich schon wieder in bester Laune und setzte sich feixend auf den Schoss von Rossi, der seine Erschöpfung in der feuchtwarmen Tropenhitze auf einem eigens mitgeschleppten Stuhl zur Schau trug. »Bei einem solchen Rennen, mit so viel Spannung und so vielen harten, aber fairen Überholmanövern, liegen Sieg und Niederlage dicht beieinander. Ein echter Rennfahrer muss auch verlieren können«, hielt Capirossi später fest. Zu tiefer Trauer bestand auch kein Anlass, immerhin hatte der zweitbestbezahlte Motorradrennfahrer der Welt zwei Wochen zuvor einen neuen, mit bis zu fünf Millionen Euro dotierten
Vertrag unterschrieben. »Das Motorrad und die Reifen sind gut, ich fühle mich
stark genug, mit Valentino bis zum Ende weiterzukämpfen. Irgendwie ist der Titelkampf gelaufen, irgendwie aber auch noch nicht...«, sinnierte Capirossi.
Solche Zweifel herrschen bei Rossi nicht. »Ich brauche nicht hin und her zu kalkulieren. Ich weiß: Ich muss gewinnen«, beantwortete er alle Fragen nach der Punktetabelle bereits vor dem Rennen mit entschlossener Bestimmtheit.
Nach seinem Sieg gondelte er in den Fußrasten stehend am Publikum vorbei, wobei er einen unsichtbaren Stapel Spielkarten mischte und verteilte. Neues Spiel, neues Glück für den Weltmeister also, der bis zum Ausfall beim US-Grand-Prix im Juli jede Menge Nieten gezogen hatte, jetzt aber doch wieder ein As nach dem anderen aus dem Ärmel zauberte. »Nor-
malerweise bin ich keiner, der ständig in
Lobhudeleien ausbricht. Doch ich möchte Yamaha wirklich meinen Dank aussprechen, weil man dort den Sommerurlaub geopfert hat, um meine M1 zu kurieren. Und den Michelin-Leuten, die uns ebenfalls sehr weitergeholfen haben«, erklärte Rossi und zog damit auch einen vorläufigen Schlussstrich unter die vor allem in der italienischen Presse zuletzt hitzig geführten Reifendebatten.
Für Rossis schärfste Widersacher im Titelkampf blieb in Malaysia nichts als Schadensbegrenzung. Nach dem Desaster mit Nicky Haydens neuntem Platz in Brünn brachte sein Repsol-Honda-Team wieder den in England erstmals ausprobierten und mittlerweile überarbeiteten neuen Rahmen mit. Damit hatte der Amerikaner zwar endlich die nötige Traktion am Hinterrad, doch dafür begann das Motorrad übers Vorderrad wegzuschieben, außerdem fehlte ihm ein Quäntchen an Speed. »Ich bin so hart gefahren, wie es nur ging, und darauf bin ich stolz. Trotzdem ist es kein Vergnügen, den Anschluss zu verlieren«, meinte er nach seinem vierten Platz düster. Hayden verlor sechs Sekunden auf den Sieger – sechs Sekunden, die die Welt bedeuten, wenn sämtliche ernst zu nehmenden WM-Rivalen vor dir ins Ziel kommen und an deinem Punktepolster knabbern.
Einer davon war Dani Pedrosa, der sich wieder einmal wie Phönix aus der Asche von einer schmerzhaften Verletzung aufrappelte und einen formidablen dritten Platz ablieferte. Am Freitagnachmittag hatte er frühzeitig eine Superzeit vorgelegt, die in diesem Training nur noch von
Capirossi übertroffen werden sollte. Ob die äußere oder innere Hitze daran schuld war, jedenfalls machte Dani danach noch mehr Druck – und bezahlte in einer Rechtskurve bei 195 km/h mit einem schweren Sturz. »Mein Vorderrad rutschte weg, der Lenker klappte ein, und ich blieb mit dem Knie
an den Kerbs hängen. Mir war sofort
klar, dass ich mich verletzt hatte«, erklärte
Pedrosa später. Eine senkrechte, tiefe Schnittwunde unterhalb des rechten Knies, verursacht von einer Kunststoffplatte, die das Knie eigentlich schützen soll, sowie ein gebrochener großer Zeh am linken Fuß, hieß die Bilanz. Die Wunde wurde mit
vier Stichen genäht, Pedrosa wurde fortan
von Alberto Puig mit Eisbeuteln verarztet und kletterte sichtlich mühsam von einem kleinen Schemel aus in den Sitz seiner Repsol-Honda.
Dass er am Sonntag trotzdem so aufdrehte, überraschte die meisten Zuschauer. »Mich nicht«, ließ Valentino Rossi trocken wissen. »Denn ich kenne den Umfang seiner Verletzungen. Ein paar Spritzen, und du spürst beim Fahren nichts mehr...“

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