Grand Prix in Shanghai/CHN und Le Mans/F (Archivversion) Weltmeister im Abseits

Zwei Mal null Punkte für MotoGP-Champion Valentino Rossi: In China und Frankreich versagte seine Technik, während sich an der WM-Spitze Nachwuchsstars wie Marco Melandri (33) und Dani Pedrosa (26) fröhlich um WM-Zähler balgen. Dabei hatte Rossi in Le Mans sogar 16 Runden lang geführt...

Valentino Rossis Hund Guido, als
Cartoon-Aufkleber auf dem Sitzbank-höcker der Werks-Yamaha schon seit langem ein treuer Begleiter des siebenfachen Weltmeisters, fror in Le Mans trotz dickem Pelz erbärmlich. »-32« stand in großen Ziffern am Himmel geschrieben, zu dem die Bulldogge hinaufschielte, als ständige Erinnerung an den beträchtlichen Rückstand, den sein Herrchen in der
Weltmeisterschafts-Zwischenwertung bislang angehäuft hatte.
Nach dem Frankreich-Grand-Prix werden sich Guido und Valentino noch wärmer anziehen müssen. Denn seither beträgt der Rückstand 43 Punkte. Bei Rossis Fans macht sich allmählich Angst und Entsetzen breit, der Außerirdische könne abstürzen
in die Normalsterblichkeit, etwa so wie
ein Komet, der in der Erdatmosphäre verglüht. Valentino Rossi höchstpersönlich strahlte diese Fassungslosigkeit aus, als
er acht Runden vor Schluss mit hängenden Schultern am Streckenrand stand,
hilflos und ohnmächtig, und es passte ins Bild, wie sein Freund Uccio gleichzeitig
in der Yamaha-Box das Gesicht in den Händen vergrub.
Schon eine Woche zuvor in China hatte Valentino Rossi nach toller Aufholjagd aus der fünften Startreihe einen Podestplatz zum Greifen nahe gehabt, als er plötzlich heftige Vibrationen an seiner Maschine spürte. Rossi knatterte an die Box, wo
auf Verdacht das Hinterrad gewechselt wurde. Eine verhaltene Runde später verschwand er endgültig in der Yamaha-
Garage: Nicht am Hinter-, sondern am Vorderreifen hatte sich ein Stück Lauf-
fläche abgelöst und das Rattern verursacht. Warum, vermochte Michelin trotz eingehender Prüfung des lädierten Pneus bisher nicht festzustellen.
In Le Mans fuhr der Weltmeister nicht nur mit, sondern überlegen voraus. Ab Runde fünf an der Spitze, hatte er sämt-
liche Gegner sicher unter Kontrolle – bis der Motor seiner Yamaha einging, etwas, was ihm seit einem technischen Ausfall seiner Aprilia im 250er-Rennen von Suzuka 1998 nicht mehr passiert war. »Jetzt spürt auch Rossi mal, wie es sich anfühlt, wenn einem der Wind ins Gesicht bläst«, meinte sein Erzfeind Sete Gibernau befriedigt,
der in Le Mans auch bloß den achten Platz zustande gebracht hatte.
Während Gibernau in solchen Fällen schon mal wortlos die Rennstrecke verlässt, rappelte sich Rossi schnell wieder auf. »Eigentlich«, erklärte er zwei Stunden nach Rennende, »ist die Situation gar nicht so düster, wie sie aussieht. Mit drei Nullern in der Meisterschaft kann man immer noch den Titel gewinnen. Immerhin war ich
heute der Schnellste auf der Strecke und hätte gewonnen, wenn mich der Motor nicht im Stich gelassen hätte.«
Das war mehr als nur Zweckoptimismus. Die Zuversicht Rossis gründet sich auf den neuen Rahmen, den Yamaha nach den Abstimmungsschwierigkeiten der ersten Rennen gebaut hatte und der
in Le Mans erstmals in der M1-Werksmaschine des Weltmeisters eingesetzt wurde. »Ich kann schneller in die Kurven einbiegen und habe mehr Gefühl fürs Vorderrad. Die Yamaha fühlt sich wieder wie jenes Motorrad an, mit dem ich 2005 den Titel geholt habe«, erklärte Rossi.
Ob das lästige Fahrwerksrattern, das den Weltmeister schon seit dem verunglückten Saisonauftakt in Jerez geplagt hatte, endgültig besiegt ist, muss sich noch zeigen. Obwohl der Charakter der Rennstrecke in Le Mans mit vielen, harten Bremsmanövern, aber nur wenigen flüssigen, schnellen Kurvenkombinationen das gefürchtete Chattering weniger aufkommen lässt als andere Pisten, war der
Plagegeist im Abschlusstraining auf weichen Qualifikationsreifen wieder da. Man darf gespannt sein, ob Rossi beim nächsten Rennen in Mugello die Revanche
gegen seine Landsleute glücken wird, die in Le Mans von seinem Pech profitierten.
Denn als Rossi von der Bildfläche verschwunden war, schlug zum zweiten Mal in diesem Jahr die große Stunde von
Marco Melandri. Der Fortuna-Honda-Pilot, der sich für harte Reifen entschieden hatte und zu Rennbeginn noch erbärmlich durch die Gegend rutschte, kam zum Ende hin immer besser in Fahrt und holte einen
unangefochtenen Sieg. »Was für eine seltsame Saison – in manchen Rennen sind wir so schlecht, in anderen dafür wieder
so gut«, wunderte sich der kleine Italiener über sich selbst. »In den ersten fünf Runden hatte ich kaum Grip. Als die Reifen richtig warm waren, wurde es viel besser. Doch am Schluss hatte ich Glück – Valentino hätte ohne seinen Motorschaden
sicher gewonnen.«
Diese Aussage war wie ein Handschlag zur Versöhnung, denn nach dem China-Grand-Prix waren zwischen Rossi und
Melandri ein paar Tage lang die Funken gestoben. Rossi wetterte, Melandri habe mit seinen Spätbremsmanövern die Aufholjagd zur Spitze verdorben. Melandri schnappte zurück, spät zu bremsen sei nun mal sein Fahrstil, und Rossi möge erst einmal vor der eigenen Haustür kehren.
Weit ab von diesem Scharmützel hatte Loris Capirossi in China einen diskreten achten Platz belegt, lief in Frankreich
jedoch wieder zu Bestform auf und holte hinter Melandri Platz zwei. »Als es heute morgen regnete, haben wir wegen unse-
rer vortrefflichen Bridgestone-Regenreifen Stoßgebete für ein nasses Rennen zum Himmel geschickt«, verriet Capirossi. »Erstaunlicherweise hielten dann aber auch unsere Slicks prächtig durch. Wir haben die härteste Mischung aufgezogen, die
wir finden konnten, und auf einer Strecke, die uns eigentlich gar nicht liegt, den
zweiten Platz sichergestellt. Fantastisch«, strahlte der Ducati-Star.
Auf dem Weg dorthin fuhr er in der letzten Runde noch an Honda-Werksfahrer Dani Pedrosa vorbei, der sich als einziger der Spitzenfahrer für eine weiche Gummimischung vorn und hinten entschieden hatte. »Das war meine Entscheidung und damit auch mein Fehler«, bekannte der
20-jährige Spanier freimütig. »Ich war stark am Anfang und wehrlos am Ende und bin angesichts der widrigen Umstände glücklich über meinen Podestplatz.«
Warum auch nicht: Die größte Herausforderung, den ersten Grand-Prix-Sieg
in der Königsklasse, hatte Pedrosa ja schon eine Woche zuvor in China gemeistert. Pedrosa gewann in Shanghai nicht nur, er fuhr die Konkurrenz in Grund und Boden und distanzierte seinen erfahrenen Teamkollegen Nicky Hayden um lockere 1,5 Sekunden. Ein Doppelsieg für Repsol-Honda, das war nach langer Durststrecke ganz nach dem Geschmack des anwesenden Honda-Präsidenten Takeo Fukui und des HRC-Chefs Suguru Kanazawa. Denn dieses Ergebnis deutete an, dass der weltgrößte Motorradhersteller es auch ohne Rossi geschafft hat, wieder zur Referenz der Königsklasse zu werden.
»Es gibt noch viel zu tun an der jüngsten Version der RC 211 V, vor allem am Motormanagement«, dämpfte Kanazawa die Euphorie – ein Satz, der klar auf den
in der Weltmeisterschaft führenden Nicky Hayden mit seiner exklusiven, aber längst noch nicht perfekt abgestimmten Werksmaschine gemünzt war. Der Nachsatz galt den neuen Helden, allen voran Dani Pedrosa. »Was mich überrascht, sind unsere
jungen Piloten. Sie versuchen nicht lange, das Motorrad ganz auf sich persönlich abzustimmen. Sie zerbrechen sich nicht den Kopf wie die Experten, sondern passen sich an die Maschine an. Und quetschen sie so aus, wie sie ist.“

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