Grand Prix in Shanghai/CHN (Archivversion) Techno-Party

Vorsprung durch Technik – so heißt derzeit die Devise für MotoGP-Star Casey Stoner, der in China bereits den dritten Sieg im vierten Rennen feierte. Seine Werks-Ducati ist den Japan-Rennern derart überlegen, dass selbst ein Ausnahmekönner wie Valentino Rossi machtlos ist.

Um Antworten ist Valentino Rossi auch nach Niederlagen nicht verlegen. »In manchen Rennen sind die Ducati nur durch eine Pistole zu stoppen. Und so eines hatten wir heute«, flachste der italienische Superstar nach dem China-GP.
Immer wieder hatte es der siebenfache Weltmeister versucht, bremste Casey
Stoner mehrmals mit voll eingeschlagenem Lenker und quer stehender Maschine aus, nur um auf der nächsten Geraden erneut geschnappt zu werden.
Schließlich pfeilte sich Rossi mit dem Mut der Verzweiflung innen an dem jungen Australier vorbei. Der Tempoüberschuss war so gewaltig, dass der Außerirdische einen Großteil der Auslaufzone beanspruchte und auf Platz drei zurückfiel, bevor er sich im Endspurt wenigstens Rang zwei zurückholte. »Mir ist es zu blöd, 20 Runden brav hinterherzufahren. Lieber versuche ich mein Glück. Das ist die schönere Art, zu verlieren«, erklärte er.
Sein Gegner brachte den dritten Sieg im vierten Rennen mit solcher Selbstverständlichkeit nach Hause, dass der Name des ehemaligen Bruchpiloten uminterpretiert wurde. Statt über »Rolling Stoner« sprechen die englischen Gazetten seit Neuestem von »Solid as a Rock« und bewundern den WM-Leader für die Grabes-
ruhe, mit der er seine superschnellen Runden abspult. »Wenn ich auf der Geraden 25 km/h mehr drauf hätte als der Rest der Welt, wäre ich auch entspannt«, kommentierte Rossi grinsend.
Auch wenn’s in Wirklichkeit nur 17 km/h waren: Der Speed der Ducati ist längst
Legende, und den japanischen Werken
ist noch keine Antwort darauf eingefallen. »Unreal« nannte Stoner seinen erneuten Erfolg, was auf deutsch so etwas wie »unglaublich« bedeutet. Doch so sehr sich
der 23-Jährige auch im siebten Himmel wähnte, die Tatsachen sprechen ganz für sich: Glaubhaft und realistisch hat Ducati fünf der letzten sieben Rennen gewonnen und zählt nun zu den WM-Favoriten, selbst wenn der Segen der ultralangen Geraden mit dem nächsten Rennen in Le Mans zumindest vorläufig ein Ende hat.
Was schwerer wiegt, sind die Qualitäten der Bridgestone-Reifen auf Ducati, Suzuki, Kawasaki und beim Honda-Gresini-Team, die mittlerweile überall perfekt zu funktionieren scheinen. Konkurrent Michelin räumte nach gründlicher Analyse von Rossis vibrierendem Hinterreifen beim vorletzten Rennen in der Türkei dagegen einen Überlastungsschaden ein. Die Karkasse hatte sich bei den hohen Geschwindigkeiten in Istanbul ausgedehnt, ohne anschließend wieder ihre Ursprungsform anzunehmen. Weil Rossi schon im Vorjahr zwei schwere Reifendefekte erlebt hatte, rumorte es im Yamaha-Lager, die Michelin-Reifen seien abermals für die Honda-Motorräder entwickelt, und Yamaha habe erneut den Kürzeren gezogen. Flugs rüstete Michelin nach und ließ Spezialreifen nach China einfliegen, die auf Rossis Maschine tatsächlich besser funktionieren sollten.
Es war allerdings ein Erfolg auf Messers Schneide. Wie beim Spanien-Grand-Prix in Jerez funktionierte in Shanghai ebenfalls nur eine Notfall-Mischung, von der Rossi genau zwei Reifen zur Verfügung hatte – einen fürs Training und einen fürs Rennen. »Ich habe schlecht geschlafen, weil ich immer wieder über die Reifen nachdachte. Gott sei Dank ist mir ein wirklicher Alptraum diesmal erspart geblieben«, gab Rossi nach dem Rennen zu.
Zum Atemholen dürfte er trotzdem nicht kommen. Denn Ducati ist nicht das einzige Außenseiterteam, das dem Establishment im MotoGP-Feld auf den Pelz rückt. Suzuki, im Jahr 2000 mit Kenny Roberts junior zum letzten Mal Weltmeister, meldet sich energisch zurück und feierte nach Jahren voller Rückschläge und Misserfolge den ersten Viertakt-Podestplatz unter trockenen, regulären Rennbedingungen. Der Erfolg war auch ein persönlicher Triumph für John Hopkins, der bei seinem MotoGP-Einstieg vor fünf Jahren als eines der weltweit größten Talente gehandelt wurde,
bis dato aber nie ein konkurrenzfähiges Motorrad zur Verfügung gehabt hatte. »Jeder kann auf eine Siegermaschine steigen, Gas geben und gute Ergebnisse erzielen«, erklärte der 23-jährige Amerikaner. »Mit Suzuki diese Entwicklung durchzumachen und jetzt mein erstes Podium
zu holen ist ein viel tieferes Erlebnis, ein unvergleichliches Gefühl von Erfolg«, so Hopkins, der diesen Meilenstein in seiner Karriere bei Erreichen des Zielstrichs mit einem langen Wheelie feierte.
»Wenn der nicht endlich aufs Siegertreppchen gefahren wäre, hätte ich’s
für ihn getan«, meinte sein Freund
Alex Hofmann vergnügt. Denn auch der
Pramac-Ducati-Pilot hatte einen guten Tag erwischt, holte Rang neun und wäre
locker Sechster geworden, wenn ihn der von seiner Honda stürzende Toni Elias nicht gleich in der ersten Kurve zu einem Abstecher durchs Gras gezwungen hätte.
Blitzstarter John Hopkins blieb solcher Kummer erspart. Bereits an den Trainingstagen hatte er sich mit regel-
mäßigen Top-Zeiten auf normalen Rennreifen hervorgetan und weniger durch Topspeed auf der 1,2 Kilometer langen Gegengeraden als durch das problem-
lose Handling und die hohen Kurvengeschwindigkeiten seiner Suzuki GSV-R überzeugt. Eines der Erfolgsgeheimnisse von Suzuki ist dabei, das Fahrwerk der alten 990er weithin unangetastet gelassen zu haben und so auf jeder Rennstrecke Erfahrungswerte fürs Set-up aus der Schublade holen zu können.
Die Werks-Honda von Dani Pedrosa und Nicky Hayden ist demgegenüber eine Baustelle. Während der Weltmeister wie Hofmann durch Elias aus der Spur gebracht wurde und so noch eine sportliche Erklärung für den niederschmetternden zwölften Platz abgeben konnte, herrschte bei Dani Pedrosa nach Rennende klare Alarmstimmung. Selbst durch äußersten Einsatz kam der kleine Spanier nicht
über den vierten Platz hinaus und verlor 14 Sekunden auf den Sieger. »Wir müssen reagieren. Ich war die ganze Zeit voll am Limit, hatte aber nichts zu bestellen. Die anderen haben im Rennen einen Zahn
zulegen können, wir nicht. Wir brauchen Verbesserungen, es muss möglich sein, schneller auf eine gute Grundabstimmung zu kommen«, forderte Pedrosa von seinem Arbeitgeber geradeheraus.
Auch Satoru Horiike, Managing Director der Honda Racing Corporation HRC, nahm kein Blatt vor den Mund. »Wir haben die Anforderungen der neuen MotoGP-Klasse falsch eingeschätzt. Wir müssen den Motor verbessern und ein agileres Fahrwerk bauen«, meinte er unumwunden. Dass das Werksteam in China so unterging, war nach dem triumphalen Erfolg
im Vorjahr, wo Pedrosa und Hayden die
Plätze eins und zwei belegt hatten, eine besonders schmerzhafte Bestätigung der Krise bei Repsol-Honda.
Im Vergleich zu den hohen Erwartungen an das einst so sieggewohnte Honda-Team war sogar der achte Platz von Kawasaki-Werkspilot Randy de Puniet ein voller Erfolg. Weil der Franzose im Formationsflug mit Loris Capirossi und Chris Ver-
meulen ins Ziel kam und mit etwas mehr Glück und Risiko auch vor der Ducati und Suzuki hätte landen können, wurde das Rennen im Team entwicklungstechnisch als sechster Platz eingestuft. Das Fahrverhalten der Ninja ZX-RR war dabei ebenso überzeugend wie der Topspeed von knapp über 320 km/h, der Kawasaki zumindest schon mal an die anderen japanischen Konkurrenten heranbrachte.
Einen schweren Rückschlag hatte das Team allerdings zwei Tage zuvor hin-
nehmen müssen: De Puniets Teamkollege
Olivier Jacque war bei einem Sturz im zweiten Freitagstraining mit dem rechten Unterarm unter seiner Maschine hängen geblieben. Ein Teil des Motorrads, vielleicht die Fußraste, bohrte sich dabei in seinen Unterarm und riss eine tiefe, häss-
liche Fleischwunde auf, die zunächst in Shanghai und anschließend in Barcelona verarztet wurde. Der anfängliche Opti-
mismus, der Franzose könne womöglich schon bei seinem Heim-Grand-Prix in Le Mans wieder antreten, wich Ernüchterung, als sich herausstellte, dass auch Seh-
nen und Nervenstränge in Mitleidenschaft
gezogen sind. Wenn Jacque tatsächlich länger ausfällt, springt Kawasaki-Super-
bike-Pilot Fonsi Nieto als Ersatzfahrer auf dem MotoGP-Motorrad ein.

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