Grand Prix in Valencia/E (Archivversion) Alles auf eine Karte

Acht Punkte lag er vor dem WM-Finale hinter Valentino Rossi zurück – eigentlich hatte Nicky Hayden keine Chance. Doch dann spielte er eine amerikanische Trumpfkarte: »Ich wurde dazu erzogen, niemals aufzugeben.« Nach der Zieldurchfahrt stürzte der neue Champion in ein Wechselbad der Gefühle.

War es das leichtsinnige Gefühl von Unbesiegbarkeit? Lastete, im Gegenteil, doch zu viel Druck auf Valentino Rossis Schultern? Oder war es die Hand des Schicksals, die den achten WM-Titel des Superstars beim Saisonfinale in Valencia durch einen läppischen Ausrutscher verhinderte? Womöglich ausgleichende Gerechtigkeit nach dem Pech, das Nicky Hayden mit dem Rammstoß seines Teamkollegen Dani Pedrosa beim Rennen zuvor in Estoril ereilt hatte?
Rossi wusste es selbst nicht. »Ich habe den Titel am Start vergeigt«, rang er sich schließlich ab. Tags zuvor hatte er noch
die Pole Position erobert, hatte in allen Interviews erklärt, er werde so ruhig schlafen wie vor jedem anderen Rennen, hatte Hayden mit seiner Selbstsicherheit und seinen überlegenen Rundenzeiten ins Eck gedrängt wie einen angeschlagenen Boxer.
Doch dann ging Rossi selbst k.o.
Der Superstar verschlief den Start, und während Hayden mit der Spitzengruppe davonzischte, Loris Capirossi und Dani Pedrosa überholte, blieb Rossi auf dem sechsten Platz eingekeilt. Bevor er überhaupt richtig zur Jagd blies, rutschte in
der fünften Runde in der Doohan-Kurve, einer Links-Spitzkehre, das Vorderrad seiner Yamaha weg. Randy de Puniet, Alex Hofmann und Casey Stoner stolperten
an genau der gleichen Stelle, doch das
sind normale Rennfahrer, keine Götter.
Warum dem Außerirdischen ein so zutiefst menschlicher Fehler unterlief, blieb unbeantwortet. Er habe seine sieben WM-Titel vorzeitig gewonnen und es nicht verdaut, zu einem echten Finale antreten zu müssen, vermuteten seine Kritiker. Der Sturz habe nichts mit Nervosität oder Selbstüberschätzung, sondern mit ganz ordinärem Pech zu tun, widersprachen seine Fans – und verziehen ihm.

Zumal ihr Held das Motorrad
wieder aufklaubte und trotz der unschönen Kratzspuren, trotz des verbogenen Schalt- und geknickten Kupplungshebels und trotz 24 Sekunden Rückstand auf den Vorletzten weiterkämpfte. Weil Rossi den Ilmor-Piloten Garry McCoy einfing und insgesamt fünf Piloten stürzten, keimte unter den Vale-Fans zur Rennmitte wieder Hoffnung auf.
Aber es reichte nicht. Rossis Jagd
wurde nur mit Platz 13 und drei WM-Punkten belohnt, Rang acht und acht Punkte hätten es mindestens werden müssen. Hayden sei ein würdiger Weltmeister und habe den Titel verdient, tröstete sich der entthronte Champion und zeigte sich damit als guter Verlierer.
Nicky Hayden mag kein Fahrgenie, kein Ausnahmetalent wie Rossi sein, doch seine Hartnäckigkeit, seine typisch amerikanische Art, nach Tiefschlägen aufzustehen, den Staub abzuklopfen und es abermals zu versuchen, verdient Respekt. »Direkt nach dem Sturz in Portugal war ich am Boden zerstört und verbarrikadierte mich in meinem Motorhome«, sagte Hayden. »Als ich jedoch sah, wie Toni Elias Rossi besiegte, war ich wie elektrisiert. Mir wurde klar, dass ich es immer noch schaffen konnte.«
Zum Finale reiste er mit einer neuen Lederkombi an, auf die ein Blatt Pokerkarten und die Worte »All in« – alles auf eine Karte – gestickt waren. Die Türme von Spielchips daneben symbolisierten die Jahre im Grand-Prix-Sport, in denen Nicky Hayden auf dieses eine entscheidende Rennen hingesteuert hatte.
Freilich reicht der große Traum noch viel weiter zurück. »Ich habe mein ganzes Leben dem Rennsport gewidmet. Schon mit zehn Jahren habe ich darauf bestanden, auf einer verschneiten Piste das
Driften zu üben, um so zu einem besseren Fahrer zu werden.« Vater Earl Hayden, ein Gebrauchtwagenhändler, opferte alles, um Nicky und seinen Brüdern Tommy und
Roger das Gasgeben zu ermöglichen. Dass es im Haus der Familie in Owensboro, Kentucky, durchs Dach regnete, war nebensächlich. »Warum haben wir kein Ziegeldach wie meine Freunde?« fragte der kleine Nicky einmal, als es in sein Bett tropfte. »Weil du Motorradrennen fährst«, antwortete sein Dad.
Dass seine Jungs dereinst Dirt-Track-Champions werden könnten, war die sportliche Seite des amerikanischen Traums. »In Wirklichkeit ging es darum, etwas als Familie zu unternehmen. Etwas, was uns zusammen und die Jungs von der Straße fernhält«, sagt Earl heute. Das macht die Haydens sympathisch. Nicky hat keine Starallüren, versteht nichts von der psychologischen Kriegsführung seiner Kol-
legen, sondern ist einfach nett. Eigentlich ein »zu guter Mensch für den WM-Titel«, wie sein Landsmann Kenny Roberts junior befürchtete. Nach dem Gewinn des BMW Z4 M Coupé für die schnellste Trainings-Gesamtzeit des Jahres schenkte Nicky Hayden den nagelneuen Sportwagen spontan seinen Mechanikern.
Dass Rossi schlecht und Hayden so gut vom Start weg kam, war eine Ironie des Schicksals. Denn bis zum 15. Rennen der Saison war Hayden immer wieder von Problemen mit der am Start überhitzenden Kupplung aufgehalten worden. Erst nach einer gewaltigen Standpauke von HRC-Präsident Suguru Kanazawa in Motegi hatten die Ingenieure für die letzten beiden Grand Prix endlich eine Lösung im Gepäck. Statt wie bei der bisherigen Launch Control nur die Leistung zu drosseln, den Motor dabei aber abhängig von der Gashand des Fahrers frei hochjubeln zu lassen, wurde nun wie bei Ducati und Yamaha ein Drehzahlbegrenzer eingesetzt. Dank dieser Modifikationen schnellte Hayden an Rossi vorbei, lag ab Runde drei auf Podest-Kurs und hätte mit seinem gut abgestimmten Motorrad bei Bedarf auch um den Sieg gekämpft. Nach Rossis Sturz waren derart riskante Manöver allerdings nicht mehr nötig.
So kam es zum zweiten Wunder von Valencia – einem lupenreinen Ducati-Doppelsieg, bei dem nicht Loris Capirossi, sondern Sete Gibernaus Vertreter Troy Bayliss die Nase vorn hatte.

Eigentlich wollte der 37-jährige Superbike-Champion nur das Wochenende genießen und hätte schon einen Top-Ten-Platz als Erfolg angesehen. »Ich war bereits in den Ferien. Doch das Angebot, für ein Rennen auf das Motorrad zurückzukehren, das ich mit entwickelt habe, konnte ich einfach nicht ausschlagen«, erzählte der Australier, der im ersten Ducati-Jahr 2004 als Teamkollege Capirossis mit von der Partie war, dann aber von Teammanager Livio Suppo gefeuert wurde, weil nach den Misserfolgen jemand gefeuert werden musste.
Dass Bayliss im Training noch vor Capirossi Zweiter wurde und den Star des Teams auch im Rennen zu jeder Zeit mit lockerer Gashand kontrollierte, war eine besonders gelungene Abrechnung mit Suppo. Als er zu seinem Start-Ziel-Sieg davonbrauste, sammelte er in einem einzigen Rennen mehr Führungsrunden als der neue Weltmeister im ganzen Jahr – Hayden führte insgesamt lediglich 29 Runden, Bayliss jedoch 30. »Er hat uns alle doof aussehen lassen«, brachte es der
bei seinen Einsätzen auf der Gibernau-Maschine glücklose Alex Hofmann präzise auf den Punkt.
Beim Vorschlag, nach diesem Erfolg ein echtes Comeback zu wagen und wieder ganz zum GP-Sport zurückzukehren, winkte Bayliss dankend ab. »Die Ducati Desmosedici ist ein wildes Biest. Dieses einzige MotoGP-Rennen hat mich müder gemacht als ein gesamter Renntag bei den Superbikes. Ich überlasse die
MotoGP-Klasse gerne den jungen Fahrern und kehre zu den Superbikes zurück – diesmal mit guten Erinnerungen.“

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