Grand Prix Italien (Archivversion) Formel 1 – nein danke

Valentino Rossi gab beim Mugello-Grand-Prix offiziell seine Vertrags-
verlängerung mit Yamaha bekannt und erklärte, warum er zu Ferrari und der Formel 1 endgültig »nein danke« sagte.

Y amaha-Teammanager Davide Brivio wirkte erleichtert. »Es hätte schlimmer kommen können. Sagen wir, das Ganze kostet uns
so viel wie im vorigen Jahr«, erklärte er zur Vertragsverlängerung mit dem siebenfachen Champion Valentino Rossi. Zwölf bis 15 Millionen Euro Gage von Yamaha, dazu rund acht Millionen Werbeeinnahmen lauten die aktuellen Schätzungen.
Finanziell also hatte Rossi den Wechsel zur Formel 1 sicher nicht nötig – zum Glück, wie nicht nur die Motorradsportfans, sondern auch seine Konkurrenten sagen. »Wenn er jetzt schon gegangen wäre, hätte ich alles versuchen müssen, ihn
bereits in diesem Jahr zu besiegen. So aber habe ich noch etwas Zeit«, meinte Marco Melandri. »Wir sind hier, um uns mit den Besten zu messen. Und deshalb ist es gut für uns alle, dass Rossi bleibt – eine Entscheidung, die ich im Übrigen nie bezweifelt habe«, ergänzte Loris Capirossi.
Capirossis einfache Logik: Wenn Rossi im Motorradsport mehr Geld verdient als er trotz allem Luxus jemals ausgeben wird – warum sollte er dann etwas tun, was ihm wahrscheinlich weniger Spaß machen wird? »Ich habe die Entscheidung mit dem Herzen getroffen«, bestätigte Rossi selbst. »Ich bin heute noch nicht so weit, dem Motorradsport den Rücken zu kehren.«
An das kurze Formel-1-Abenteuer mit drei Tests in Fiorano, Mugello und Valencia hat Rossi gute Erinnerungen. »Was mich am meisten begeistert hat, war die enorme Bremsverzögerung und die fantastische Kurvengeschwindigkeit. Du fährst so schnell, dass eine Kurve nur
einen Augenaufschlag lang dauert. Du musst dich zwingen, gleich zwei Kurven vorauszudenken«, erzählte er mit leuchtenden Augen.
Trotzdem war die Formel 1 nicht die schöne neue Welt, mit der er sich hätte schnell anfreunden wollen. »Als Motorradrennfahrer setzt du deinen ganzen Körper ein, nicht nur die Hände und Füße. Zudem bist du Herr der Renntaktik. Du entscheidest, wie du dir deine Reifen einteilst, wann und wo du überholst.
In der Formel 1 gibt es Leute, die
dir von außen erklären, was du zu machen hast, und dir den Weg
zu einem guten Resultat ebnen«, versuchte Rossi eine Erklärung, die nicht alle Beobachter überzeugte. »Ein Formel-1-Pilot hat weniger Freiheit als ein Motorradrennfahrer? Wenn ich mir nur vorstelle, dass irgendjemand so etwas glaubt, muss ich schon lachen«, spottete etwa sein arbeitsloser Erzfeind Max
Biaggi aus der Ferne.
Unzweifelhaft ist dagegen, dass Rossi es genießt, in seinem Sport ganz oben angekommen zu sein – und dass der Drang, ständig neue Herausforderungen anzunehmen, mit den Jahren etwas nachgelassen hat. »Die drei Ferrari-F1-Tests haben mir gezeigt, dass ich mithalten kann. In Fiorano war ich nur eine halbe Sekunde hinter dem Rundenrekord. Auch in Mugello war ich sehr schnell. Ich hätte mich mit
den Gegnern messen können – von
Michael Schumacher vielleicht abgesehen«, erläuterte Rossi weiter.
Außerdem wies er die von Renault-Teamchef Flavio Briatore geschürten Gerüchte von sich, er wäre
am Ende womöglich nicht Ferrari-Werksfahrer geworden, sondern hätte sich im von Ferrari-Motoren angetriebenen Red-Bull-Team hochdienen müssen. »Es war eine Entscheidung zwischen Yamaha und Ferrari. Man hat mich dort mit
offenen Armen empfangen, das
Verhältnis mit Teamchef Stefano Domenicali, den Ingenieuren, dem ganzen Team war fantastisch. Ich weiß, dass ich als offizieller Ferrari-Werksfahrer in der Planung war.
Natürlich gab es jemanden, der mich in einem anderen Auto haben wollte«, spielte er auf Briatore an. »Denn dieser jemand ahnte, dass Rossi und Rosso eine magische Formel geworden und für ihn –
zumindest in Italien – nur Brosamen übrig geblieben wären.«
Doch trotz aller Vorschusslorbeeren war Rossi klar, dass der Weg an die Formel-1-Spitze steinig geworden wäre. »Ich hätte mich mit Leib und Seele einsetzen, alles für den Erfolg opfern müssen. Doch mit 20 Jahren denkst du anders als mit 27. Ich
war nicht bereit, mein ganzes Leben für die Formel 1 zu opfern«, seufzte er. Wie eng der Grat zwischen Sekt
und Selters sein kann, hat er in der
laufenden MotoGP-Saison zur Genüge erlebt. Auf diese etwas härtere Weise hat er nach seiner Serie von Rückschlägen die Motivation wieder gefunden, das zu betreiben, was er am allerbesten kann.
Eine rasante Aufholjagd für die Titelverteidigung steht dabei ebenso
auf dem Programm wie die reizvolle Aufgabe, die 800-cm3-Yamaha für die ab 2007 neue MotoGP-Formel zu entwickeln. Abstecher wie die Auto-Rallye, die Rossi fast schon traditionell zum Saisonende bestreitet, werden Ausnahmen bleiben.
Spannend dürften seine Zukunftsentscheidungen trotzdem weiterhin sein, denn auch innerhalb der Welt der Motorräder gibt es für Rossi noch unerfüllte Träume. »Ich würde sehr gern auf einem italienischen Motorrad antreten«, verriet Rossi schon vor Wochen. »Bei Yamaha fühle ich mich ein bisschen wie
in einem italienischen Team, weil
viele Italiener bei uns arbeiten. Doch
natürlich ist und bleibt Yamaha
ein japanisches Werk. Irgendwann in Zukunft auf einem italienischem Motorrad zu fahren und zu gewinnen – das wäre ein Traum.« fk

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