Grand Prix Japan (Archivversion) Honda RC 211 V: Differenzial statt Fly-by-Wire

Die Modellpflege an der Honda RC 211 V führte 2004 zu beeindruckenden Werten: fünf Prozent mehr Leistung bei fünf Prozent weniger Benzinverbrauch, weicher einsetzender, besser kontrollierbarer Schub dank der neuen Fünf-in-vier-Auspuffanlage sowie fünf Prozent weniger Luftwiderstand. Dazu bessere Handlichkeit in den Kurven dank der noch keilförmige-
ren, aerodynamisch optimierten Verkleidung. Das neue Pro-Link-System der Hinterradaufhängung mit oben liegender Hebelei spricht unter Last in Schräglage progressiver an und verbessert so die Traktion. Außerdem bestätigten die Honda-Ingenieure Modifikationen am Schwingendrehpunkt, um das lästige Chattering in den Griff zu kriegen.
Am überzeugendsten ist freilich das System zur Feindosierung des Gasgriffs, das sich Honda für den Modelljahrgang 2004 einfallen ließ.
Weil der Hinterreifen von über 240 PS in den
unteren Gängen hoffnungslos überfordert wäre, musste die Leistung entsprechend gedrosselt werden. Das erfolgt nicht über eine komplizierte Fly-by-Wire-Steuerelektronik, sondern über eine geniale, von einem kleinen Servomotor unterstützte Mechanik.
So wird die Bewegung des Gasgriffs nicht direkt auf die Drosselklappen übertragen, sondern treibt zunächst ein Differenzial an. Im vierten, fünften und sechsten Gang wird der Dreh am Gasgriff eins zu eins auf die Drosselklappen
übertragen, die Funktion entspricht damit dem Antrieb eines Autos auf trockener Straße, bei dem sich beide Antriebsräder gleich schnell drehen.
In den unteren drei Gängen jedoch greift
das Zahnrad eines angeflanschten Elektromotors ein und dreht am Differenzial in Gegenrichtung. Der Dreh am Gasgriff wird auf diese Weise
reduziert, nur ein Teil wird tatsächlich an den Drosselklappen wirksam – wie an der Antriebs-
achse eines Autos, das auf einer Seite im Matsch steht: Das Antriebsrad dreht auf dem losen
Untergrund durch, entsprechend reduziert sich
die Drehzahl des gegenüberliegenden Rads auf
trockener Straße. Mit diesem Trick wird der
Dreh am Gas im dritten Gang auf 80 Prozent, im zweiten auf 60 Prozent und im ersten Gang auf
50 Prozent reduziert.
»Im Prinzip ließe sich all das auch mit einer Elektronik regeln«, erklärt RC-211-V-Projektleiter Shogo Kanaumi, »doch nur die direkte Verbindung zwischen Gasgriff und Drosselklappen vermittelt dem Fahrer verwertbares Feedback.« Wird das Intelligent Throttle Control System (ITCS) irgendwann in Serienmotorrädern auftauchen? HRC-Direktor Satoru Horiike: »Renntechnik in die Serie zu bringen ist Tradition in unserem Hause. Konkrete Pläne dazu gibt es aber
noch nicht.“

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote