Grand Prix Jerez/E: Renntag Ralf Waldmann wie entfesselt – Sieg im 250er-Rennen vor hochklassigen, aber machtlosen Konkurrenten

Jerez/E (friek) – Das hätte sich der deutsche Aprilia-Werksfahrer Ralf Waldmann selbst nicht zugetraut: »Ein Platz auf dem Siegertreppchen muss sein – wenn nicht hier, wo sonst?«, erklärte er, nachdem er im Training zum 250-ccm-Grand Prix von Jerez/Spanien Bestzeit gefahren hatte. Insider, die auf einen Waldmann-Sieg in Spanien gesetzt hatten, mussten kurz trocken schlucken, als »Waldi« am Start auf den fünften Platz zurückfiel. Doch Waldmann belohnte alle, die in ihn vertrauten, ohne viel Federlesens. Nach nur zwei Runden hatte er die gesamte 250er-Weltelite, bestehend aus den Werksfahrern Daijiro Katoh (J/Honda), Tohru Ukawa (J/Honda) und Olivier Jacque (F/Yamaha) überholt. Um den japanischen Yamaha-Werkspiloten Shinya Nakano, in der Weltmeisterschaft ganz vorne dabei, musste Waldmann sich nicht kümmern: der hatte sich in Führung liegend bereits in Runde zwei per Sturz aus dem Rennen sortiert. Von diesem Zeitpunkt an fuhr Waldmann ein absolut souveränes Rennen, nicht einer der Konkurrenten durfte ernsthaft mehr auf den Spitzenplatz hoffen – der Kampf tobte um Platz zwei, nicht um den Sieg. Den holte sich Waldmann nach 26 Runden (114,998 km) in 45'56.451 Minuten (=150,190 km/h) vor Katoh (-5.188 Sekunden) und Ukawa (-6.052). Das Zwischenklassement der Weltmeisterschaft führt Katoh mit 81 Punkten an. Waldmann liegt mit 47 Zählern auf dem fünften Rang. Die Feierlichkeiten beim deutschen Aprilia-Werksteam, für das Waldmann an den Start geht, dürften um so ausgelassener ausfallen, als Waldmanns Teamkollege Klaus Nöhles den für einen WM-Neuling höchst beachtlichen Platz acht erzielte.

Nach zweieinhalb Jahren wieder ein deutscher Motorrad-Grand Prix-Sieger: Ralf Waldmann hatte in Jerez allen Grund zu feiernFoto: Kirn
Ralf Waldmann war in Jerez beim ersten Europa-Grand Prix der Motorrad-WM-Saison 2000 nicht zu halten. Keiner seiner Gegner konnte auch nur annähernd mithalten – damit hatte weder Waldmann selbst noch die Konkurrenz gerechnetFoto: Kirn
»Zweieinhalb Jahre habe ich jetzt auf einen Grand Prix-Sieg warten müssen«, gab ein spürbar erleichterter Ralf Waldmann nach dem Rennen zu Protokoll, »dabei musste ich nichteinmal das Letzte geben: Wenn mir ein Konkurrent ernsthaft auf die Pelle gerückt wäre, hätte ich noch etwas zulegen können.« Der Erfolg stärkt natürlich sein Selbstbewusstsein. Waldmann: »Das bringt genau die Motivation, die das Team und ich gebraucht haben. Das nächste Rennen ist in Le Mans – da kennen sich viele japanische Fahrer nicht so gut aus wie ich, weil dort lange kein WM-Lauf gefahren wurde. Eine weitere gute Chance für mich.« Klaus Nöhles war ebenfalls bester Laune: »Dass es so gut laufen könnte, habe ich mir wirklich nicht vorgestellt. Am Anfang war ich zwischen Konkurrenten eingeklemmt und brauchte einige Runden, bis ich für die Situation ein geeignetes Rezept gefunden hatte. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich es vom Speed her voll drauf habe.«


Emilio Alzamora (1) hatte beim 125er-Grand Prix alle Hände voll zu tun, konnte die starken Mitbewerber aber zum Schluss in Schach haltenFoto: Kirn
Der Auftakt zum Jerez-Grand Prix verlief etwas chaotisch. Nachdem alle Trainingssitzungen inklusive des Warm up am Sonntag morgen bei trockenen Verhältnissen stattgefunden hatten, begann es direkt vor dem Start des 125-ccm-Rennens leicht zu regnen. Dies machte laut Reglement ein zusätzliches Regentraining erforderlich, das dann jedoch ebenfalls auf fast trockener Straße absolviert wurde – das Wetter in Jerez änderte sich schneller, als die Renn-Funktionäre reagieren konnten. Schließlich wurde das Rennen mit 55 Minuten Verspätung gestartet, geriet aber zu einer für die vielen spanischen Fans vor Ort wie maßgeschneiderten Veranstaltung. Emilio Alzamora (E/Honda), der amtierende Weltmeister, der seinen Titel 1999 ohne einen Rennsieg gewonnen hatte, triumphierte nach 23 spannenden Runden (101,729 km) in 42'19.740 Minuten (=144,197 km/h) vor Mirko Giansanti (I/Honda, -1.047 Sekunden) und dem Trainingschnellsten, Roberto Locatelli (I/Aprilia, -5.076). Alzamora hatte kein leichtes Spiel gegen Giansanti, der erst kurz vor Schluss des Rennens seine vehementen Attacken einstellen musste: »Der Hinterradreifen war einfach fertig.« Alzamora feierte in Jerez erst den dritten Grand Prix-Sieg seiner Karriere – den letzten errang er 1996 in Assen/NL. Der deutsche Honda-Pilot Steve Jenkner, der immer noch durch einen gebrochenen Mittelfußknochen behindert wird, war mit Platz zehn und sechs WM-Punkten durchaus einverstanden, immerhin musste er sich von Rang 15 aus nach vorne kämpfen. »Heute nehme ich aus Jerez zum ersten Mal Punkte mit nach Hause«, erklärte Jenkner, »das ist doch schon was.« In der Weltmeisterschaft führt Alzamora (65 Punkte) vor Giansanti (56) und Locatelli (54). Jenkner liegt auf Rang zehn (26 Punkte) und damit im Plan für die Saison 2000.


Das war knapp: Im zweiten Teil des unterbrochenen Halbliter-Rennens in Jerez konnte WM-Spitzenreiter Kenny Roberts seinen Sieg mit nur 0,8 Sekunden Vorsprung ins Ziel rettenFoto: Kirn
Doch das 125er-Rennen sollte in Jerez nicht der Höhepunkt in Sachen Chaos bleiben: bei den 500ern kam es noch dicker. Schon in der Aufwärmrunde stürzte Max Biaggi, der Trainingsschnellste. Wie es schien, hatte der Motor seiner Werks-Yamaha Biaggis Hinterradreifen mit Benzin bespuckt. Biaggi rutschte aus, die Yamaha fing Feuer, die Rennleitung verfügte einen Abbruch, um die Strecke säubern zu können. Dies erlaubte Biaggi, mit seiner Ersatzmaschine aus der Boxengasse auf seinen im Training erworbenen Spitzenplatz in die Startaufstellung des um eine auf nunmehr 26 Runden gekürrzten Halbliter-Rennen zu fahren. Doch er sollte kein Glück haben: Mit rutschender Kupplung stellte er sein Reserve-Motorrad nach wenigen Runden an der Box ab. Unterdessen hatte es sich Suzuki-Werksfahrer Kenny Roberts an der Spitze des Rennens bequem gemacht und führte bereits mit rund sechs Sekunden Vorsprung, als es – neun Runden wären noch zu fahren gewesen – erneut zu regnen begann. Roberts gab seiner Boxen-Crew wild Signale, die intervenierte bei der Rennleitung und sorgte für einen Abbruch des Wettkampfs. Roberts ließ sich daraufhin schon als Sieger feiern, hatte aber im Eifer des Gefechts nicht korrekt gerechnet. Wieder einmal musste das Reglement zu Rate gezogen werden, und das sagt: Sind weniger als zwei Drittel der vorgeschriebenen Renndistanz absolviert worden, kann das Rennen als Regenrennen neu gestartet werden. Sonst gibt es nur die die Hälfte der üblicherweise vorgesehenen WM-Punkte. Eine Runde mehr, und Roberts hätte als Sieger Feierabend gehabt. So mussten er und seine Kollegen nochmals antreten.
Im allgemeinen Tohuwabohu gelang es den Veranstaltern nicht mehr, allen Schaulustigen an der Strecke rechtzeitig mitzuteilen, dass es eine Fortsetzung des Halbliter-Rennens geben würde. Die spanischen Fans, die das noch mitbekamen, durften sich aus nationaler Sicht über eine besondere Show freuen. Weil der Neustart auf feuchter Piste erfolgte, pokerten die Fahrer bei der Reifenwahl und entschieden sich teilweise für Stahl-Bremsscheiben anstatt der sonst üblichen Karbon-Teile, die zwar leistungsfähiger sind, dafür aber eine hohe Betriebstemperatur benötigen. Die Gewinner bei diesem Spiel waren zwei Spanier: Weltmeister Alex Crivillé und Carlos Checa, die unter den verbliebenen Sportsfreunden heftigen Jubel auslösten. Roberts hatte in diesem zweiten Durchgang das Nachsehen: »Ich ließ Stahl-Bremsscheiben montieren und Intermediate-Reifen. Als ich Checas Reifenwahl am Start sah, wusste ich: Jetzt habe ich ein Problem.« Doch Checa schaffte es nicht, seinen Rückstand auf Roberts wettzumachen, genausowenig wie sich Crivillé vergeblich bemühte, noch den dritten Platz auf dem Siegerpodest herauszufahren. Am Ende wurde zusammengezählt und Roberts (USA/Suzuki) mit einer Zeit von 45'52.311 Minuten zum Sieger erklärt. Auf den Plätzen: Checa (E/Yamaha, -0.859 Sekunden) sowie Halbliter-Youngster Valentino Rossi (I/Honda, -3.525), der damit den ersten Podestplatz seiner Halbliter-Karriere erreichte. In der WM führt Roberts mit 80 Punkten vor Checa (71).
Umfassende Bild-Reportage in MOTORRAD 11/2000 (am 12. Mai 2000 am Kiosk). Vollständige Ergebnisse bei Motograndprix.

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