Grand Prix Jerez/E (Archivversion) Das blaue Wunder

Jerez 2005. Ein wunderbares Rennen mit einem Finale, das wie durch ein Wunder glimpflich ausging. Dass Valentino Rossi (46) Sete Gibernau (15) besiegte – wen wundert’s.

Hijo de puta, hijo de puta«, brüllten die Fans auf der Haupttribüne. Das heißt zu deutsch Hurensohn und entsprach dem Gerechtigkeitssinn von über 127000 spanischen Fans, die sich und ihr Idol Sete
Gibernau um den Heimsieg beim MotoGP-Saisonauftakt in Jerez geschubst, gestoßen und geprellt sahen. Der so Gescholtene tauchte derweil mit diabolischem, triumphierendem Grinsen auf dem Siegerpodest auf. »Wieder mal hatte Valentino Rossi am Ende den längeren Atem gezeigt, hatte bewiesen, dass er selbst dann noch angreift, wenn er längst geschlagen scheint, und dass er jene Extra-Portion an Motivation, im Zweifelsfall übers Limit hinauszugehen, auch nach insgesamt sechs Titeln noch
immer mobilisieren kann.
Dabei hatte Gibernau 24 der 27 Runden souverän geführt, worauf die Fans
voreilig Siegesgesänge anstimmten. Drei Runden vor Schluss blieb ihnen das Freudengebrüll im Hals stecken: Rossi zwängte sich zum ersten Mal an Gibernau vorbei, worauf dem Spanier aber ein Konter gelang. Das Duell blieb offen, wurde immer verbissener. Vor der letzten Kurve schien Valentino geschlagen, doch dann legte er sein Schicksal in die Hände Gottes – ein irrwitzig spätes Bremsmanöver, ein linker Fuß zur Balance am Boden, anschließend ein Billardspiel mit der Verkleidung Gibernaus, der vergebens versuchte, auf die
gewählte Ideallinie einzuschwenken und stattdessen durchs Kiesbett musste.
Hijo de puta, das kann ebenso Schelm bedeuten und Bewunderung ausdrücken – und unter allen Nicht-Spaniern hatte Rossi mit seiner Einlage wieder mal die Lacher auf seine Seite gebracht. »Ich kam schneller als er an der letzten Kurve an, und er hat mir den Weg versperrt, als ich an ihm vorbeifahren wollte. Wir haben uns berührt, und ich verstehe, dass Sete sauer ist«, grinste Rossi.
Wenn Blicke töten könnten, wäre Rossi bei der ersten Begegnung mit Gibernau in der Boxengasse sofort leblos umgekippt. Gibernau erwiderte auf dem Podest zwar den Händedruck seines Kontrahenten, machte dabei aber ein Gesicht, als hätte
er in einen Sumpf voller Blutegel gegrif-
fen. Einen Kommentar zur letzten Runde wollte er nicht geben. »Es ist besser für alle, wenn ich nichts sage. Wenn etwas Zeit verstrichen und Ruhe eingekehrt ist, werde ich mich äußern, vorher nicht.«
»Wenn du mich fragst: Da war gar
nix«, urteilte Alex Hofmann, der die Aktion später im Fernsehen bewunderte. » Rossi hat eine Lücke gesehen und die Bremse wieder ein bisschen aufgemacht. Es war das schönste Motocross-Überholmanö-
ver, das ich je im MotoGP-Sport gesehen habe«, lachte er in Anspielung auf das
ausgestreckte Bein Rossis. Zum Renn-
Debüt des neuen Kawasaki-Big-Bang-Motors lieferte Hofmann, der einzige deutsche MotoGP-Pilot, eine großartige Show, bei der er bis kurz vor Schluss in den Top Ten mitfuhr, nach einigen Überholmanövern pfeilschneller Werks-Honda am Ende allerdings aus dem Rhythmus gebracht wurde und Platz elf belegte. Trotzdem hielt er dabei Sichtkontakt zu seinem extraterrestrisch aufdrehenden Teamkollegen Shinya Nakano, der die zweite Kawasaki auf einen formidablen fünften Platz steuerte.
Am Auftritt von Ducati war weniger das diskrete Ergebnis als die neue Kupplung erwähnenswert, die von den Italienern im Training verwendet wurde. Anders als an den bewährten Systemen zur Reduktion der Motorbremswirkung, bei denen dem Motor etwas mehr Kraftstoff zugeführt und damit die Drehzahl erhöht wird, gingen
die Italiener genau den umgekehrten
Weg. Beim Bremsen regelt das Motormanagement das V4-Aggregat ab, das sonst so infernalische Gebrüll des Desmosedici-Vierzylinders erstirbt schlagartig. Gleichzeitig trennt ein elektrohydraulisches System – einer Anti-Hopping-Kupplung ähnlich – die Kupplung, so dass der Fahrer mit wesentlich reduzierter Motorbremswirkung auf die Kurve zurollt. Beim Aufdrehen des Gasgriffs werden alle norma-
len Funktionen wieder aktiviert. »Dieses System ist sehr gewöhnungsbedürftig«, bemerkte Loris Capirossi, der am ersten Tag denn auch schwer zu Boden ging und sich am Fuß verletzte.
Schon bei den Vorsaisontests in Barcelona waren gleich alle vier Ducati-Piloten, Capirossi, Checa sowie die Testfahrer Itoh und Guareschi, wegen der ungewohnten Technik gestürzt. Trotzdem bestand Ducati darauf, das System in Jerez weiterzuentwickeln. »Nur unter Wettbewerbsbedingungen treten die Schwächen zutage«,
erklärte Technik-Direktor Filippo Preziosi. »Ich bin Angesteller und mache das, was mir gesagt wird«, ließ Capirossi verlauten, und dabei klang deutlicher Missmut
durch. Vielleicht auch, weil die italienische Tagespresse zusätzlich Salz in die Wunden streute: Ducatis Sponsor Marlboro, so verbreitete der »Corriere dello Sport« genüsslich, wolle aus Rossi einen Mythos schaffen wie Giacomo Agostini und ihm im
kommenden Sommer eine konkurrenzfähige, in Italien gebaute Maschine anbieten. Deshalb habe es Ducati mit der Entwicklung so eilig.
»Wir werden bereits frühzeitig, etwa
ab dem Le-Mans-Grand-Prix, auf eine
Vertragsverlängerung von Loris Capirossi drängen«, steuerte Capirossi-Manager Carlo Pernat kämpferisch dagegen. »Schließlich hat er letztes Jahr andere Angebote, etwa von Camel-Honda, zugunsten einer langfristigen Zukunft mit Ducati abgelehnt«. Fürs Rennen wurde die neue Kupplung kurzfristig wieder ausgebaut, und weil die Piloten damit natürlich abermals am Anfang standen, sprang nicht mehr als ein zehnter Platz für Carlos Checa und ein
13. für Loris Capirossi heraus.
Die Überraschung des Rennens war
am Ende Honda-Neuling Marco Melandri. Dritter im Training, dritter im Rennen, hieß die Ausbeute bei seinem Debüt als Gibernaus Teamkollege, und während er als Yamaha-Pilot in einem französischen Team zwei Jahre lang wenig mehr als schwere Kämpfe und schlimme Stürze erlebt hatte, spürte er im italienischen Gresini-Team plötzlich wieder die Leichtigkeit des Seins. »Ich fühle mich wohl, habe keinen Druck und kann mich ganz aufs Gasgeben konzentrieren«, freute er sich. Was das Finale anbetraf, hielt er sich geschickt zurück
und sagte, er habe nichts gesehen. Rossi
hätte aber darauf verzichten können, hinter Gibernaus Rücken zu feixen.
Selbst ein kleiner Schulterschluss ist ein guter Schulterschluss im Honda-Lager, wo es sogar im eigentlichen Werksteam kracht, raucht und knallt. Nachdem Max Biaggi seinen Teamkollegen Nicky Hayden bereits bei Überseetests in Malaysia in der Boxengasse abgeschossen hatte, brachte er ihn bei den MotoGP-Tests zwei Wochen vor dem GP in Jerez mit einem rücksichtslosen und unnötigen Bremsmanöver in
Gefahr, worauf es in der Honda-Box fast zu Tätlichkeiten gekommen wäre.
Freunde hat sich Biaggi auch im Umfeld der Honda Racing Corporation bislang nicht gemacht. Bei den gleichen Jerez-Tests schimpfte er lautstark über die Elektronik seines Motorrads, verschanzte sich in seinem Motorhome und zog ernsthaft
in Betracht, vorzeitig nach Hause zu
fliegen. Stunden später, nachdem ein Honda-Manager Fraktur geredet und dem
römischen Feldherrn klar gemacht hatte, dass er im Falle einer Abreise nicht nur
keine Repsol-Honda, sondern gar keine MotoGP-Maschine mehr steuern werde, bequemte sich Biaggi zur Weiterfahrt, war aber in Jerez ein Schatten seiner selbst – 16. im Training, Siebter im Rennen. Was angesichts des avisierten Ziels, Rossi die Weltmeisterschaft zu entreißen, kaum als Lichtblick gewertet werden kann.
Freilich blieb Nicky Hayden, von der Honda-Rennabteilung HRC inzwischen seit zwei Jahren als Youngster der Zukunft angepriesen, nach seinem vierten Trainingsrang ebenfalls hinter den Erwartungen: Sturz in der 20. Runde – bis zu diesem Zeitpunkt hatte es einigermaßen überzeugend danach ausgesehen, dass es zu
einem Podestplatz reichen würde.

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