Grand Prix Laguna Seca/USA (Archivversion) Wenn zwei sich streiten …

... ist der Rest der Welt abgemeldet. Multiweltmeister Valentino Rossi und MotoGP-Titelverteidiger Casey Stoner distanzierten die Konkurrenz während ihres leidenschaftlichen Zweikampfs in Laguna Seca zeitweilig um mehr als 20 Sekunden. Nach dem Rennen ging das Duell der beiden in die verbale Verlängerung.

Die Neuigkeiten aus der Chirurgie des "Institut Dexeus" in Barcelona waren niederschmetternd. Neben dem verstauchten rechten Knöchel, dem gebrochenen linken Zeigefinger und dem verstauchten Mittelfinger hatte Dani Pedrosa bei seinem Sturz am Sachsenring einen weiteren Knochenbruch im linken Handgelenk erlitten, der verschraubt werden musste.

Man fragt sich, was das für Ärzte sind, die einen derart lädierten Fahrer dann auf ein 230-PS-Geschoss steigen lassen. Pedrosa flog nach Kalifornien, mühte sich an Krücken in die Box, ließ sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den linken Handschuh überstreifen und tastete sich von einem Schemel in den Sitz seiner Repsol-Honda. 49 Runden lang hielt er am Freitag durch, jettete am Samstag dann aber entmutigt nach Hause zurück.

Viel erfolgreicher war auch die Kampagne seines Landsmanns Jorge Lorenzo nicht. Die vielen schweren Stürze hatten den Tatendrang des Yamaha-Stars schon vor seinem Ausrutscher beim nassen Deutschland-Grand-Prix so gedämpft, dass er einen Psychologen zur Angstbekämpfung konsultierte. Der Crash, den er in Laguna Seca baute, dürfte kaum zum Erfolg der Behandlung beigetragen haben: Lorenzo hatte sich am Start sofort in die Spitzengruppe katapultiert, flog aber in einem schnellen Linksknick nach kaum einem Kilometer haushoch über den Lenker. Als er nach mehreren harten Aufschlägen endlich zum Stillstand kam, fasste er sich sofort an den schmerzenden linken Fuß: dritter, vierter und fünfter Mittelfußknochen gebrochen.

Zu Beginn des Jahres noch ein Vierkampf, ist die Titeljagd der MotoGP-Klasse jetzt, zur Sommerpause kurz nach Halbzeit der Saison, auf ein Duell reduziert. Casey Stoner und Valentino Rossi heißen die Konkurrenten, und zur Freude der Zuschauer haben sie die Samthandschuhe ausgezogen. Seit dem US-Grand-Prix wird mit harten Bandagen gekämpft, Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Stoner hat mit der Ducati derzeit das bessere Motorrad zur Verfügung. Nach drei Siegen hintereinander galt er auch in Laguna Seca als unschlagbar und fuhr der Konkurrenz in allen Trainings um die Ohren. Wie er trotzdem das Rennen gewinnen könne, wurde der zweitplatzierte Valentino Rossi in einem Interview gefragt. "Indem ich 30 Sekunden früher starte", antwortete Yamaha-Pilot Rossi schlagfertig und brachte damit schon mal die Lacher hinter sich.

Doch Rossi hatte noch zwei andere Asse im Ärmel. Eines davon war eine Fahrwerksmodifikation am Sonntagmorgen, die es ihm erlaubte, am Kurvenausgang früher Gas zu geben. Das andere war seine Willenskraft, die ihn immer dann zu Höchstleistungen antreibt, wenn er sich ein Ziel gesetzt hat, das er um jeden Preis erreichen will. Wie einen Sieg in Laguna Seca, an dem er dreimal hintereinander gescheitert war.

Am Freitagabend hatte er seinen neuen Zwei-Jahres-Vertrag durch einen Handschlag mit Yamaha-Rennchef Masao Furusawa offiziell besiegelt. Und als er am Sonntagmorgen aufstand und in den Nebel über der Monterey Bay hinausblickte, war er wild entschlossen, auch im Rennen ein Zeichen zu setzen. "Etwas in mir hat gesagt, dass ich gewinnen kann. Deshalb habe ich es versucht und nicht locker gelassen – bis ich es geschafft hatte", meinte er nach dem Rennen.

Das Wichtigste war, Stoner früh an die Leine zu legen. Und so kam es bereits in der ersten Runde zum entscheidenden Überholmanöver: Nach einem Blitzstart Stoners bremste sich Rossi eingangs des "Corkscrew" wieder heran – und an seinem Gegner vorbei. Bevor es dort scharf links in den Abgrund dieser berüchtigten Links-Rechts-Doppelkurve geht, fahren die Piloten mit vollem Speed den Berg hinauf und über eine Kuppe. Blind. Den Kurveneingang sehen sie nicht. Dort besonders spät zu bremsen ist eine Frage von Streckenkenntnis, Gefühl, Erfahrung und Mut. "Es war vielleicht das beste Überholmanöver meiner Karriere. Eines in der Art Schwantz gegen Rainey, damals in Hockenheim..." schwärmte Rossi über sich selbst.

Nur Stoner war nicht begeistert. Als er das 32 Runden währende Katz-und-Maus-Spiel als Zweiter beendet hatte, war er gleich doppelt geschlagen. Einmal auf der Strecke, wo er sich zwei Verbremser geleistet hatte und beim zweiten Mal sogar ins Kiesbett geraten und umgekippt war. Die zweite Niederlage war mentaler Natur. Enttäuscht nach all den hohen, aber unerfüllt gebliebenen Erwartungen, spielte er nun den Beleidigten. "Ich habe schon viele Überholmanöver erlebt. Einige der heutigen Attacken waren zu aggressiv", knurrte er, nachdem er Rossi zuvor auf dem Podest den angebotenen Handschlag verweigert hatte.

"Und ich fahre schon ein ganzes Leben", konterte Rossi. "Ich weiß nicht, gegen welche Gegner er angetreten ist, aber mit meinen war es stets so wie heute: hart, aber korrekt. Stoner ist es gewohnt, vier Sekunden Vorsprung zu haben. So ist das Rennfahren keine Kunst. Doch wenn es Mann gegen Mann geht, sieht die Sache anders aus."

Für die restlichen Rennen der Saison solle sich Stoner in Acht nehmen. "Ich werde meine Haut teuer verkaufen. Die Karten liegen nicht mehr wie 2007. Dieses Jahr fahre ich ständig vorne mit – auch wenn ich Probleme habe", prophezeite Rossi.

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