Grand Prix Misano/I (Archivversion) Gelb keine Gefahr

Zigtausend gelb gewandete Rossi-Fans konnten selbst beim Heimspiel den neuen MotoGP-Superhelden Casey Stoner nicht beeindrucken, schon gar nicht mehr, als ihr großer Valentino ausgefallen war. Und auch Stoners andere WM-Verfolger.

Die Straßen von Tavullia waren mit gelben Girlanden überspannt, und darunter tobte ein Rummelplatz voller Fahnen, Tafeln und Poster, auf denen sich der Heimatort von Valentino Rossi zu ihrem größten Sohn bekannte. Selbst die Schokoladenstreusel auf den Cappuccini in den Cafés formten sich zur »»46«.
Am frühen Samstagmorgen machten sich rund tausend der besten Freunde und glühendsten Anhänger Rossis auf zu einem Demonstrationszug für ihren Helden. Mit Rossi-Schildern und Rossi-T-Shirts ausgerüstet, wallfahrteten sie bis ins zehn Kilometer entfernte »Autodromo Santamonica«, um so ihre besondere Solidarität mit dem wegen Steuerhinterziehung ins Gerede gekommenen Superstar auszudrücken.
Der hat, nachdem er beim letzten Grand Prix im tschechischen Brünn zwei Wochen zuvor konsequent geschwiegen hatte, mittlerweile wieder zu seiner Sprache zurückgefunden. »Seit diese Geschichte aufkam, wurde ich miserabel behandelt. Ich habe seltsame Dinge gehört und gelesen, die nicht der Wahrheit entsprechen, und habe es vorgezogen, mich nicht zum Thema zu äußern. Ich glaube, dass ich alles entsprechend geltender Gesetze gemacht habe, so, wie es auch andere Leute in meiner ­Situation tun. Sollte sich bei den Kontrollen der Finanzbehörden indes herausstellen, dass Fehler passiert sind, werde ich zu meiner Verantwortung stehen«, gab er diplomatisch zu Protokoll.
Danach hatte er den Kopf halbwegs frei für seinen Job, fuhr am Samstag auf den zweiten Trainingsplatz und freute sich über die Woge der Rossi-Begeisterung, die vom Fanclub aus Tavullia bis zum Sonntag auf alle 57000 Zuschauer an der Strecke überzuschwappen schien und die Ränge in ein gelbes, wogendes Meer verwandelte.
Es hätte alles so schön sein können. Aber es klebte ihm auch beim Heimspiel, auf jener Strecke, auf der er einst mit einer geborgten Straßenmaschine die ersten Fahrversuche unternommen hatte, das Pech an den Rennstiefeln. Während sein Angstgegner Casey Stoner vom Start ­weg an der Spitze davonglühte, spürte Rossi, dass der Hinterreifen nicht genügend Temperatur hatte und wollte hinter Chris Vermeulen und John Hopkins warten, bis voller Grip zur Verfügung stand.
Doch zum Angriff kam es nie. In der vierten Runde schwenkte Rossi plötzlich von der Ideallinie ab, verlor an Tempo und ruckelte an die Box – Motorschaden.
Das freilich war nicht nur Schicksal, sondern auch die Quittung für ein Risiko, das Rossi und Yamaha ganz bewusst in Kauf genommen hatten. Am Tag nach dem Brünn-GP hatte Rossi nämlich einen neuen Motor mit Pneumatikventilen getestet, der seiner M1-Werksmaschine die dringend benötigte zusätzliche Spitzenleistung einhauchen sollte. Für die Misano-Strecke, die auch in der neuen, umgebauten Version keine langen Geraden aufweist, sei ­der Ein­satz des brandneuen, kaum getesteten Aggregats weder besonders notwendig noch besonders ratsam, hatte sein Cheftech­niker Jerry Burgess damals noch erklärt.
Aber bis zum Misano-GP ließ Yamaha exklusiv für Rossi zwei erneut überarbei­tete Motoren einfliegen. Drehzahlen bis 19000/min, zehn km/h mehr Topspeed – das waren Werte, denen Rossi nicht wider­stehen konnte. »Ich wusste, dass ich kaum gewinnen könnte. Im Training hatte ich immerhin den Eindruck, dass die Miche­lin-Reifen hier gut genug sein würden für einen Podestplatz«, seufzte er.
Bereits vor Rossis Motorschaden hatte es auch den zweiten Fahrer erwischt, der noch mathematische Chancen gehabt hatte, Stoners Durchmarsch zum WM-Titel aufzuhalten. Dani Pedrosa kam genau ­zwei Kurven weit, bevor ihn der stürzende Randy de Puniet von der Strecke schubste. Pedrosas Honda-Kollege Nicky Hayden, im Training an dritter Stelle, sowie KR-Honda-Fahrer Kurtis Roberts wurde das Rennen durch de Puniets Ungestüm ebenfalls verdorben. Keiner war jedoch so sauer wie Pedrosa, der seinen Gegner im Kiesbett am liebsten verprügelt hätte. »Es gibt Fahrer, die haben weder sich selbst noch ihr Motorrad unter Kontrolle«, fauchte der Honda-Star und lästerte über die Franzosen im Allgemeinen, weil ihm im Warm-up-Training am Vormittag bereits Sylvain Guintolis Yamaha in die Quere gekommen war.
Nach Pedrosas und Rossis Ausfällen war das Rennen zugunsten von Stoner und Ducati entschieden. Bemerkenswert ist, dass Suzuki die Plätze zwei und drei besetzte. Die Fortschritte bei der Weiterentwicklung der GSV-R sind imponierend, auch wenn Vermeulen auf die Frage nach Stoners Vorteil wie aus der Pistole geschossen antwortete: »Auf der Geraden.«
Stoners Vorsprung in der Endphase des Rennens betrug bis zu 5,3 Sekunden, bevor er es etwas ruhiger angehen ließ. Beide Verfolger, Vermeulen wie Hopkins, kämpften längst mit Vorderreifenproblemen, während Stoner die härteste Mischung aufgezogen hatte. Einen Reifen »wie aus Marmor«, so der Kommentar seines Teamkollege Loris Capirossi im Training. Nur Stoner, dem Ausnahmetalent, gelang es, diesen Reifen entsprechend auf Tempe-ratur zu bringen und über die Renndistanz hinweg voll auszunutzen. Und jetzt wird der 21-Jährige, womöglich bereits in Portugal am 16. September, ebenso vorzeitig wie verdient zum jüngsten Weltmeister gekürt seit Freddie Spencer 1983. Bei einem weiteren Sieg von Stoner muss Rossi dort mindestens Platz fünf erreichen, um Stoners Krönung auf den Japan-GP eine Woche später zu verschieben. Ob es für die japanischen Werke allerdings ein großer Trost wäre, den Titel ausgerechnet bei ihrem Heimspiel in Motegi an Ducati zu verlieren, darf freilich bezweifelt werden.
Trotz der sensationellen Entwicklung der zwei bisherigen Außenseiter Ducati und Suzuki blieb nach dem Misano-GP ­ein etwas fader Nachgeschmack. Denn die ­aktuellen 800er-MotoGP-Viertakter erinnern mehr und mehr an die unspektakuläre Effizienz der Formel 1. »Meiner Meinung nach verlieren wir das Beste an diesem Sport, nämlich die Überhol­manöver und die Emotion auf der Rennstrecke«, erklärte Valentino Rossi in einem Fernsehinterview. »Das Rennen heute war alles andere als begeisternd. Das einzige Nennenswerte war die Tatsache, dass Toni Elias Anthony West überholte.“

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