Grand-Prix: Moto2 ersetzt ab 2011 250er-WM (Archivversion) Taktfrage

Spätestens seit Einführung der großen MotoGP-Viertakter 2002 schwebte das Damokles-Schwert über den kleinen Zweitakt-Klassen. Ende 2010 ist Schluss mit der 250-cm³-WM. Die Regeln für die Nachfolge-Klasse Moto2 stehen jetzt fest.

Kaum noch eine Bedeutung haben Zweitakt-Motorräder im Straßenverkehr. Sämtliche großen Hersteller sind inzwischen selbst bei Kleinstfahrzeugen wie 50-cm³-Rollern weitgehend zu umweltfreundlicheren Viertaktern übergegangen. So war ein Ende der kreischenden Sägen auch im internationalen Rennsport nur eine Frage der Zeit.

Beschleunigt wurde das Ganze durch die höchst fragwürdige Preispolitik von Aprilia, des führenden Herstellers von 250er- und 125er-Rennmaschinen. Diese machte das Kostenargument zugunsten des technisch weitaus einfacheren, deshalb eigentlich billigeren und dennoch wesentlich leistungsstärkeren Zweitakters hinfällig.

Siebenstellige Eurobeträge werden inzwischen von dem venetischen Werk als Jahres-Leasingraten für die 250-cm³-V2-Renner aufgerufen, gleichgültig, ob als Aprilia oder unter der auch zum Piaggio-Konzern gehörenden Zweitmarke Gilera. Summen, die selbst durch den Entwicklungsaufwand auf WM-Spitzenniveau längst nicht mehr zu rechtfertigen sind.

Die dadurch extrem angewachsenen Budgetvorgaben für den Betrieb eines 250er-GP-Top-Teams waren mit den in dieser Klasse traditionell eher kleineren und privat organisierten Strukturen kaum noch zu stemmen. Vor allem führte Aprilias Finanzgebaren am Rande der Abzocke das Standard-Argument der Zweitakt-Gralshüter ad absurdum, ein Reglement auf Basis eines technisch wesentlich komplexeren Viertakt-Motors triebe die für aufstrebende Nachwuchsfahrer wichtigste Rennsport-Kategorie in völlig unerträgliche, weil mörderische Finanz-dimensionen. Genau auf diesem Weg war die 250er-Klasse unter dem Zweitakt-Reglement längst.

So handelten sowohl der internationale Motorradsportverband FIM wie auch die Grand-Prix-Promotionagentur Dorna erstaunlich schnell. Mit für die ansonsten eher bekannt schwerfällige Sportbehörde überraschender Entschlusskraft legte die FIM noch im alten Jahr nach einem Entscheidungsfindungsprozess von nur wenigen Monaten das ab 2011 gültige Regelwerk vor. Der in „Moto2“ umbenannten Klasse soll mit einer Reihe interessanter Detailbestimmmungen die Quadratur des Kreises gelingen: exklusive 600-cm?-Viertakt-Rennmotoren mit überschaubarer Kostenstruktur.

Zunächst einmal mussten bestehende Verträge zwischen der FIM und der Promotionagentur Infront Motorsports beachtet werden, welche mit der Superbike-WM die zweite große Motorrad-Weltmeisterschaftsserie betreibt und in dieser Position das verbriefte Exklusivrecht auf Rennserien mit aus der Serienproduktion abstammenden Maschinen jedweder Art besitzt. So mussten die kommenden Moto2-Renner auf jeden Fall klar als Prototypen definiert werden, was auf den ersten Blick – auch finanziell – uferlosen Entwicklungen Vorschub leistet.

Bei genauerer Betrachtung der neuen Regeln (siehe Kasten) zeigen sich allerdings gleich mehrere Kostenbremsen, denen durchaus Wirkung zugetraut werden darf. Zunächst überrascht das Verbot von Trockensumpfschmierungen, welches die interessierten Hersteller klar in die Nähe bereits existierender 600er-Vierzylinder-Motoren aus Straßen-Supersportlern treibt. Bezüglich der Einlasssteuerung unterschreitet Moto2 sogar den gegenwärtigen Stand der 600er-Serientechnik. Sowohl Honda CBR 600 RR wie auch Kawasaki ZX-6R und Suzuki GSX-R 600 verfügen über zwei Drosselklappen. Das neue Reglement erlaubt nur eine, wie es zum Beispiel in der Yamaha YZF-R6 der Fall ist. Von diesem Passus, der die Möglichkeiten detaillierter Motorabstimmung klar einschränkt, versprechen sich die Regelpäpste erhebliches Einsparpotenzial, zumal die eher einfach gestalteten Steuergeräte für die komplette Bordelektronik höchstens 75000 japanische Yen kosten dürfen, was nach derzeitigem Umrechnungskurs rund 580 Euro entspricht.

Insgesamt also kommt der 600er-Moto2-Rennmotor des Jahrgangs 2011 technisch vergleichsweise simpel daher, auch wenn nicht gleich die despektierliche Etikettierung „Low Tech“ benutzt werden sollte. Denn bis 170 PS bei limitierten 16000/min sollten durchaus drin sein.

Die auffälligste Moto2-Regel stammt jedoch nicht aus dem technischen Bereich. Im Zeitraum von einer Stunde nach Zieldurchfahrt, schreibt das Reglement vor, steht der Motor jedes am Rennen beteiligten Motorrads für alle Konkurrenten zum Kauf. Und zwar zum fast schon Schnäppchen-Preis von genau 20000 Euro. Dieser Verkaufszwang, der in früheren Zeiten in den USA im Straßenrennsport, vor allem aber im Motocross das Ausufern von überteuerten Werks-Maschinen verhindern half, soll bei seinem Comeback in der Moto2-WM jegliche Gedanken der Ingenieure an exotische Motorkonzepte und somit exorbitante Kosten bereits im Keim ersticken.

Interessierte Teams, die keineswegs nur aus der bisherigen 250er-Grand-Prix-Welt kommen, sondern auch aus der Super-sport-WM oder gar nationalen Serien wie der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft IDM, sehen ihre Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten gerade durch die technisch-elektronische wie finanzielle Überschaubarkeit wachsen.

Die Technik-Verantwortlichen der bestehenden 250er-Top-Liga sprechen den Moto2-Maschinen dagegen die reinrassigen Rennsport-Gene ab. So zum Beispiel KTM-Cheftechniker Harald Bartol, der allerdings mit dem nicht ganz protestfreien Rückzug seiner orangefarbenen Renner aus der Viertelliter-WM den Weg in Richtung Moto2 am Ende sogar beschleunigt hat. Als logische Aufsteigerklasse für ambitionierte Nachwuchsfahrer auf dem Weg zu höchsten MotoGP-Weihen, was der Name „Moto2“ impliziert, sieht er die neue Klasse deshalb nicht. Damit stellt der Österreicher eine wesentliche sportliche Aufgabe der zweitwichtigsten GP-Kategorie massiv in Frage, welche die am Ende an mutwillig herbeigeführter Überteuerung verendete 250er-WM immer noch sehr gut erfüllt hat.

Ob Bartol recht behalten wird oder ob Moto2 nicht nur in der Theorie, sondern auch auf der Piste funktioniert, werden erst die Rennen 2011 beantworten können.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel