Grand Prix Phillip Island/AUS (Archivversion) Blaues Wunder

Für 2004 wechselte Valentino Rossi das Lager und trat in den Farben des Yamaha-Hauptsponsors an – die Konkurrenz sollte ihr blaues Wunder erleben. Jetzt krönte er die Saison und sich selbst mit dem achten Sieg und dem ersten WM-Titel für Yamaha seit 1992.

Auf schnellen, klassischen Strecken wie Phillip Island beweise sich, wer ein wirklicher Mann ist, hat Rennveteran Jack Findlay einmal gesagt. Valentino
Rossi und Sete Gibernau, der eine 25,
der andere 31 Jahre alt, zeigten sich beim Australien-Grand-Prix dem Kindesalter entwachsen und brausten dem Rest des Feldes um über zehn Sekunden davon.
Falls noch irgendein Beweis von Tapferkeit gefehlt hatte, wurde er in der letzten Runde geliefert. Valentino Rossi stach als Erster in einem schnellen Linksknick nach innen und übernahm die Führung. Wenig später kam er um einen Hauch zu schnell an einer Rechts-Spitzkehre an und musste Sete wieder vorbeilassen. Gemeinsam
zirkelten sie dann am Pazifischen Ozean
entlang, Seite an Seite hinauf zu den
»Lukey Heights« und wieder bergab zur entscheidenden Rechtskurve, vor der Sete eine ungünstigere Spur erwischte und
früher bremsen musste. Insgesamt wechselte die Führung auf dieser letzten Runde dreimal, bevor Rossi vor dem tobenden Publikum als Sieger und Weltmeister auf die Zielgerade hinaus beschleunigte.

Rossis Ehrgeiz trieb seinen in Garnisonsstärke angereisten Fanclub inklusive Mama Stefania an den Rand des
Herzinfarkts, zumal ihm ein zweiter Platz
zum vorzeitigen Titelgewinn gereicht hätte. »Anfangs habe ich darüber nachgedacht, Sete ziehen zu lassen. Doch mit leerer werdendem Tank wurde meine Yamaha
immer einfacher zu fahren. Ich fühlte mich gut, deshalb habe ich angegriffen«, strahlte der Superstar nach seinem sechsten
Titelgewinn.
Natürlich steckte mehr dahinter – das Manöver in der letzten Runde von Australien war nicht nur ein Konter im Kampf um den Laufsieg, sondern Teil eines Vernichtungskriegs gegen Sete, auf den Rossi sich nach den Vorfällen zwei Rennen zuvor in Qatar eingeschossen hatte.
Seit er von Honda dort in die letzte Startreihe protestiert worden war, weil
sein Cheftechniker Jerry Burgess mit
dem Roller Burn-outs auf seinem Startplatz gemacht hatte, war Sete Giber-
nau zum Feindbild erkoren – sämtliche Versuche seines früheren Freundes, die Gewitterstimmung aufzuhellen, prallten an Rossi ab.
Dass Sete gepetzt habe wie ein Kind beim Klassenlehrer, dass er künftig nicht mehr mit ihm reden und nur dann die
Hand schütteln werde, wenn es aus Gründen der Show unbedingt erforderlich
sei, waren noch relativ harmlose, verbale Scharmützel. Der echte Gegenangriff fand auf der Strecke statt: Rossi nahm seinem nächsten Verfolger Max Biaggi beim Rennen in Malaysia, das auf den Qatar-GP folgte, fast vier Sekunden ab und siegte überlegen. Gibernau wurde als Siebter
gedemütigt und klagte kleinlaut über heftiges Chattering. Damit war der zunächst zusammengeschmolzene Vorsprung des Weltmeisters wieder auf stolze 30 Punkte angewachsen.
Was die Zuschauer an den Rennstrecken fasziniert, ist Rossis Gabe, immer dann mit doppelter Kraft zurückzuschlagen, wenn er in die Ecke gedrängt scheint. So etwa nach den zwei vierten Plätzen
in Jerez und Le Mans, nach denen er sich schuldbewusst eine Holzmedaille auf den Helm pinseln ließ. Prompt siegte er danach dreimal hintereinander, und zwar ausgerechnet auf den Hochgeschwindigkeitspisten von Mugello, Barcelona und Assen,
wo man es ihm und seiner Yamaha wegen der etwas geringeren Höchstleistung im Vergleich zu Honda am wenigstens zugetraut hätte. »Das gab mir Zuversicht für die Weltmeisterschaft. Nach diesen drei Rennen, bei denen Sete in Topform war, habe ich angefangen, an den Titel zu glauben«, erklärt Rossi heute.

Die passende Antwort wusste er auch auf den Sturz in Rio und den vierten Platz am Sachsenring: ein Trommelfeuer von zwei Siegen und zwei zweiten Plätzen hintereinander, mit dem er seine WM-
Führung auf zwischenzeitlich 39 Punkte ausbaute. Dann kam der Tiefschlag von Qatar, der seinen heiligen, vernichtenden Zorn heraufbeschwor.
»Der Krafteinsatz beim ersten Öffnen des Gasgriffs war zu abrupt und hat mich im ersten Teil der Kurven Zeit gekostet«, lautete die Fehlerdiagnose von Gibernau diesmal. Dann folgte ein Satz, der von Max Biaggi hätte stammen können. »Aber so ist das halt, wenn man als Satellitenteam nicht die volle Unterstützung eines Werks genießt. Den Vorteil, die absolute Nummer eins bei seinem Hersteller zu sein, hatte Valentino auf jeden Fall.«
Diese Version der Entschuldigung wird es künftig nicht mehr geben. Max Biaggi rückt ins offizielle Repsol-Werksteam auf, Gibernau wird trotz
seines Vertrags mit dem Gresini-Team zum Werksfahrer befördert. »Nächstes Jahr werden die Gegner sicher härter«, meinte Rossi. »Doch auch wir werden stärker sein. Dieses Jahr hatten wir auf 95 Prozent aller Strecken keinerlei Daten zur Verfügung und mussten von null anfangen. Erst seit dem Eintreffen der zweiten Big-Bang-
Motoren-Generation können wir mithalten, ich konnte Gibernau hier in Australien
sogar aus dem Windschatten angreifen – das wäre für die Yamaha-Piloten vor einem Jahr undenkbar gewesen. Viel zu tun gibt es dagegen noch beim Fahrwerk.«
Obwohl Rossi mehr erreicht hat als
alle anderen Fahrer seiner Generation, gibt es nicht die geringsten Anzeichen, dass das Feuer der Leidenschaft bald in ihm
erlöschen könnte. 2005 startet er auf jeden Fall wieder für Yamaha, insgesamt fünf Jahre, so sagt er, will er mindestens noch Rennen fahren, auf zwei oder vier Rädern.
Das bedeutet schlechte Zeiten für die Konkurrenz. Was Honda denn tun müsste, um ihn zu besiegen, wollte einer der Journalisten in der Siegerpressekonferenz wissen. Valentino zeigte sich auf diese Frage ebenfalls schlagfertig. »Der einzige Weg: Sie müssten mich zurückholen.“

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