Grand Prix Portugal in Estoril (Archivversion) Auf der Lauer

Zunächst dachte Max Biaggi, er könne Erzrivale Valentino Rossi in Portugal mit gleichen Waffen schlagen. Doch dann legte der Champion richtig los - mit seiner exklusiven Version der Honda RC 211 V.

Irgendwo steckte der Wurm drin. Sete Gibernaus blaue Werks-Honda war um vier km/h langsamer als Valentino Rossis Maschine, und wenn der Spanier das Gas zudrehte, starb der Motor gelegentlich ab. Gibernau quetschte trotzdem die viertbeste Trainingszeit aus seiner Nummer-eins-Maschine, doch weil sich der Fehlerteufel im elektronischen Management der Benzineinspritzung auch im Warm-up am Sonntag partout nicht finden ließ, stieg er schließlich auf seine Ersatzmaschine um. Damit reichte es im Rennen nur zum vierten Platz. Dass Gibernau nur um 15 Tausendstelsekunden an seinem sechsten Podestplatz hintereinander vorbeigeschrammt war, tröstete ihn kaum. Verflogen ist der Traum, womöglich Weltmeister der MotoGP-Klasse werden zu können, zu kühn war auch die Hoffnung, den Titelkampf wenigstens bis zum großen Saisonfinale in Valencia offen halten zu können. Denn Rossi hat in der WM-Tabelle mittlerweile einen stolzen Vorsprung von 46 Punkten aufgetürmt. Auch beim GP von Portugal trumpfte er groß auf und holte den fünften Saisonsieg, wobei er die bisherige Renn-Gesamtbestzeit von Estoril um nicht weniger als 37 Sekunden unterbot. Neben Gibernau und dem drittplatzierten Loris Capirossi führte er vor allem seinen Erzrivalen Max Biaggi vor. Vierter nach der ersten Runde, heftete sich Rossi schon in Runde zwei ans Heck des führenden Römers und bewachte ihn bis zur Hälfte der 28-Runden-Distanz, bevor er in der ersten Kurve nach der Zielgeraden vorbeistürmte und mit einer vernichtenden Serie besonders schneller Runden auf 3,7 Sekunden davonzog. »Ein gutes Rennen für mich«, strahlte der Champion, der seinem Paradegegner gönnerhaft die Hand schüttelte.Der hatte sich zunächst über die Nachrüstung seiner Honda RC 211 V gefreut. Nach einem aktuellen Fahrwerk zu Beginn der Europasaison und nach einem aktuellen Werksmotor für das letzte Rennen in Brünn waren schließlich auch noch die passenden neuen Auspuffmegafone eingetroffen. Damit hatte sein Camel-Satellitenteam endlich eine Maschine zur Verfügung, die im Wesentlichen dem Stand von Gibernaus Werksmotorrad entsprach, worauf sich Biaggi voll Begeisterung zu weit aus dem Fenster lehnte und dröhnte, auf der kurvigen Estoril-Strecke sei das Können des Fahrers entscheidend.Als Rossi ihm so konsequent davonfuhr, machte Biaggi freilich schon wieder Unterschiede in der Performance der Motorräder ausfindig. »Ein bisschen am Motor, ein bisschen am Fahrwerk. Kleine Vorteile, die sich addieren und die Rossi auch konsequent zu nutzen versteht. Nach seinem Überholmanöver hat es ganze drei Kurven gedauert, dann war er über alle Berge«, jammerte Max, fügte sich wie Gibernau in den verlorenen Titelkampf und lobte die Vizeweltmeisterschaft als neues Saisonziel aus. Tatsächlich hatte Honda seinen Superstar nach dem Brünn-Grand-Prix mit einer neuen, exklusiven Version der Fünfzylinder-RC-211-V ausgerüstet, mit einem überarbeiteten Motor und mit Auspufftöpfen, deren infernalischer Lärm um drei Dezibel gesenkt werden konnte. »Das bedeutet, dass ich statt in fünf erst in sieben Jahren taub sein werde«, kommentierte Rossi süffisant.Freilich ging es bei den jüngsten Modifikationen weniger um den Titelkampf als um die Demonstration guten Willens. Rossi hatte sich nämlich öffentlich über die Konkurrenz aus den eigenen Reihen beklagt. Sein Job als Werksfahrer sei es, gegen andere Werke wie Yamaha oder Ducati zu Felde zu ziehen, nicht aber, sich von den Honda-Satellitenteams das Leben schwer machen zu lassen.Statt den neuen Zwei-Jahres-Vertrag zu unterschreiben, den HRC-Präsident Suguru Kanazawa vorbereitet hatte, zog er die Verhandlungen in die Länge. »Wir sind uns nahezu einig. Es handelt sich nur noch um Details«, beschwichtigte er einerseits. »Bei den Japanern weiß man nie. An einem Tag sieht alles ganz einfach aus, am nächsten ist die Situation wieder kompliziert«, sagte er andererseits – und ließ die Gerüchte über einen möglichen Wechsel ohne klare Dementis weiterköcheln.So gibt es eine Offerte von Yamaha, wo nicht nur das Werk selbst, sondern auch der spanische Tabakkonzern Altadis mit seinen beiden Marken Fortuna und Gauloises endlich Ergebnisse sehen will. Carlos Checa, Alex Barros und Marco Melandri haben dort noch einen Vertrag fürs nächste Jahr, doch Olivier Jacque will weg, träumt von einer Honda und würde im Yamaha-Aufgebot die nötige Lücke hinterlassen.Was ein Ausnahmekönner wie Rossi dort leisten könnte, ist auch dem größten Zigarettensponsor Marlboro bekannt, der nach zehnjähriger Durststrecke mit Ducati ins Rampenlicht zurückgekehrt ist. Ist ein Weltmeister in Repsol-Farben noch akzeptabel für den Philipp-Morris-Konzern, so will man sich den Spaß keinesfalls von Fortuna oder Gauloises verderben lassen. Deshalb schossen die Marlboro-Cowboys sofort mit einem Zehn-Millionen-Dollar-Angebot für Rossi aus der Hüfte. Falls er zusagt, wird er auf einem zugekauften Startplatz als dritte Kraft auftreten, denn sowohl Loris Capirossi als auch Troy Bayliss sitzen bei Ducati mit Verträgen bis Ende 2004 im Sattel. »Ein Fahrer wie Valentino Rossi macht den Unterschied«, erklärte Ducati-Rennchef Claudio Domenicali ohne Rücksicht auf die eigenen Piloten. Die hüteten sich allerdings, bei all den Spekulationen Öl ins Feuer zu gießen. Schon Rossis sprichwörtliche Abneigung gegen Tabaksponsoren spricht gegen einen Wechsel, dazu kommen weitere emotionale Faktoren wie seine Lieblingsfarbe Gelb, die nun mal überhaupt nicht zum Marlboro-Rot passen will und einen kompletten Kostümwechsel des gelben Meers der Valentino-Fans an den Rennstrecken nach sich ziehen würde.Falls es ihm gelingt, die geforderten acht Millionen Euro Jahresgage und einige Sonderrechte durchzusetzen, ist er am besten bedient, dort zu bleiben, wo er ist. »Es ist nutzlos, über Dinge zu reden, die es nicht gibt«, philosophierte Ducati-Star Loris Capirossi und konzentrierte sich statt der Gerüchte aufs Gasgeben: Pole Position am Samstag und ein formidabler dritter Platz im Rennen.

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