Grand Prix Qatar (Archivversion) Qatar: glücklich dank Öl

Ein Motorrad-Grand-Prix mitten in der Wüste, vor einer Hand voll Zuschauern: Dank Erdöl-Reichtum und der Großzügigkeit seines Emirs kann sich der Zwergstaat Qatar nicht nur das leisten.

Seine Hoheit Shaikh Hamad bin Khalifa
al-Thani ist ein weltoffener Mann. Der 54-
jährige Emir von Qatar, jüngstes Staatsoberhaupt
der Vereinigten Arabischen Emirate, stellte den
amerikanischen Truppen für den Irak-Krieg einen
ultramodernen Luftwaffenstützpunkt zur Verfügung. Gleichzeitig pochte er auf die bei muslimischen Monarchien keineswegs selbstverständliche Pressefreiheit und ließ den Journalisten des Fernseh-
kanals Al Jazeera freie Hand. Der erste unabhängige arabische Nachrichtensender mit mittlerweile 27 Büros in aller Welt und Kooperationsverträgen unter anderem mit dem ZDF funkte immer dann dazwischen, wenn das amerikanische Pendant CNN allzu patriotisch von den Heldentaten der US-Streitkräfte berichtete und die andere Seite, etwa das Leiden der irakischen Zivilbevölkerung, außer Acht ließ.
Das Wohl der eigenen Untertanen liegt Seiner Hoheit ganz besonders am Herzen. Die 750000 Einwohner des Zwergstaates, der sich mit 180 Kilometern Länge und 80 Kilometern Breite wie ein Daumen von der Ostküste des Persischen Golfes abspreizt, genießen völlige Steuerfreiheit. Strom und das aus einer enormen Entsalzungsanlage gewonnene Wasser sowie Telefongespräche innerhalb der Golfanrainerstaaten sind kostenlos, ebenso die medizinische Versorgung. Wer das Glück hat, zur knapp 140000 Personen starken Kerngruppe der Qataresen zu gehören – die Mehrheit von über 600000 Einwohnern sind Gastarbeiter und Geschäftsleute aus dem Ausland – erhält kostenlose Schul- und Universitätsausbildung sowie kostenlose Baugrundstücke und zinsfreie, über 25 Jahre rückzahlbare Baudarlehen.
Alkohol wird außer in Hotelbars und speziellen Clubs nicht ausgeschenkt, dafür ist das Benzin billig. Eine 55-Liter-Befüllung des Mietwagens strapaziert die Reisekasse mit weniger, als an der Hotelbar für eine Halbe Bier fällig ist, nämlich gerade mal mit acht Euro.
Die Sorge fürs Volk ist eine beduinische Stammestradition und geht auf die Zeit zurück, als die Qataresen ihren Lebensunterhalt den 11500 Quadratkilometern Geröll- und Kieswüste und dem
badewannenwarmen Wasser des Persischen Golfs noch mit harter Arbeit abpressen mussten. Die Beduinen züchteten Ziegen, Schafe, Kamele und Dattelpalmen; an der Küste gab es eine Flotte
von 800 Holzschiffen mit insgesamt 13000 Mann
Besatzung, die mit schweren, an die Füße gebundenen Steinen ins Meer sprangen, die Sandbänke vor den Korallenriffen nach Muscheln absuchten und nach jeweils rund drei Minuten wieder emporgezogen wurden. Der blühende Perlenhandel war dem Untergang geweiht, als Japaner und Australier Anfang der 30er Jahre Zuchtperlen auf den Markt zu werfen begannen. Glücklicherweise kam 1938 jemand auf die Idee, in Qatar den Boden anzubohren.
Seither sprudelt der Lebensunterhalt der Qataresen ganz von selbst aus Wüste und Wasser. 13 Millliarden Barrell umfassen die Erdölvorkommen Qatars und stellen den Wohlstand für die nächsten 23 Jahre sicher. Für die Zukunft danach schlummern geschätzte 900 Billionen Kubikfuß Erdgas, das drittgrößte Vorkommen der Welt, unter dem Geröll. Doch will Qatar nicht nur als Öl- und
Gaslieferant, sondern als modernes, westlichen
Industrieländern ebenbürtiges Gemeinwesen anerkannt werden.
Deshalb bemüht sich der Tourismusverband, die Attraktionen Qatars für die Welt zu erschließen. Zu den typischen Sehenswürdigkeiten zählen Kamele. Die Wüstenschiffe wurden vor 3000 Jahren domestiziert und machten damit Handelskarawanen und Raubzüge möglich. Ein anderer Stolz Qatars sind arabische Pferde, die als edelste und intelligenteste aller Pferderassen nach Überzeugung der
Einheimischen von Gott aus einer Hand voll Wind erschaffen wurden. Das berühmte Al Shaqab-Gestüt, auf dem die schönsten reinrassigen Schaupferde, Rennpferde und Marathon-Champions gezüchtet werden, gehört Seiner Hoheit.
Das jüngste Hobby des Rennsportfans, der Tennis- und Golf-Grands-Prix durchzieht und als nächstes sportliches Großprojekt die Asienspiele 2006 auf dem Kalender hat, ist der Losail International Circuit, den er eine halbe Stunde außerhalb von Doha für 58 Millionen Euro aus dem Wüstenboden stampfen ließ. Mit GP-Promoter Dorna wurde ein Fünf-Jahres-Vertrag ausgehandelt, daneben existiert ein Drei-Jahres-Vertrag mit Superbike-WM-Veranstalter Flammini. Für Automobilrennen gibt es zunächst noch keine Pläne. »Wir haben uns trotzdem vorsorglich für das Formel-1-Layout mit den entsprechenden Auslaufzonen entschieden«, erklärt Nasser Khalifa Al-Atiyah, der Präsident der Qatar Motor & Motorrad Föderation QMMF.
Dass die Motorradfahrer auf dem Circuit wegen der absurd großen Sturzzonen wie Moskitos in weiter Ferne wirkten, störte nur die Fotografen, die erfolglos nach einem Punkt an der Strecke fahndeten, der das Fotografieren eines Fahrerpulks im Rennen zugelassen hätte. Zuschauer gab es fast keine. Auf der einzigen, 5000 Besucher fassenden Haupttribüne verloren sich am Renntag 2500 Fans, auf dem Parkplatz wurden 17 Motorräder gezählt.
Eine Motorradszene existiert also nicht in Qatar. Oder doch? Die Zweiradsaison in dem Wüstenstaat beginnt erst ab Oktober, wenn der Sommer mit seinen mörderischen Temperaturen etwas abgeklungen ist. »Im August habe ich bei 50 Grad im Schatten auf dem Losail-Circuit für Promotionzwecke ein paar Proberunden gedreht. Es war die Hölle«, schildert Talal Mohamed Al Naimi. Der 25-Jährige ist der einzige Motorradrennfahrer Qatars, er bestreitet im Team des Spaniers Luis d’Antin derzeit die spanische Meisterschaft. Lange Zeit war er so gut wie der einzige Sprössling Qatars, der überhaupt Motorrad fuhr – sein Vater hatte aus irgendeinem Grund eine in Qatar überaus exotisch anmutende Zweiradbegeisterung entwickelt und ließ den Sohn mit Geländemaschinen in den 40 Meter hohen Sand-
dünen im Süden des Landes herumkurven.
Weil es keine Rennstrecken gab, auf denen Talal sein Talent hätte ausprobieren können, wurde er zum Stuntfahrer – und eroberte vor zwei Jahren einen Weltrekord im Dauer-Wheelie-Fahren. Im benachbarten Dubai legte er nicht weniger als 27 Kilometer am Stück auf dem Hinterrad
einer vollkommen serienmäßigen Suzuki GSX-R 1000 zurück und löste damit einen lokalen Motorrad-Boom aus. Von einstmals vier in Qatar zugelassenen Maschinen schwoll der Bestand auf heute immerhin rund 300 registrierte Zweiräder an. Die Liebe der Qataresen gilt der Geschwindigkeit. »Die Menschen hier lieben Speed über alles. Viele Leute erkannten, dass man auf einem Supersportmotorrad billiger und schneller unterwegs sein kann als in einem Ferrari oder Lamborghini«, schmunzelt Talal.
Seit Talal in der spanischen Meisterschaft Gas gibt, drängen auch andere Qataresen zum Kräftemessen auf Rundstrecken. Einige von ihnen zahlten schon mal ein paar tausend Dollar, um ihre Maschine nach Spanien verfrachten zu lassen, nur um auf der Almeria-Strecke ein paar Runden drehen zu können. »Unser Traum ist es, eine Landesmeisterschaft zu etablieren«, verrät Talal. »Wenn es nach mir geht, kann es losgehen, sowie der Grand Prix abgewunken wurde.“

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