Grand Prix Sachsenring (Archivversion) Vorteil Honda

Vor großer Kulisse landete Honda auf dem Sachsenring einen Dreifach-Erfolg. Max Biaggi (3) trug sich als vierter Fahrer in die MotoGP-Siegerlisten 2004 ein, Yamaha-Star Valentino Rossi (46) macht sich Sorgen.

Fast 208000 Besucher an allen drei
Tagen machten den Deutschland-Grand-Prix auf dem Sachsenring zur Fiesta, allein am Rennsonntag feierten 93408 Zuschauer spannende Wettkämpfe. Nur die beiden bisherigen Superstars der MotoGP-Klasse freuten sich nicht mit.
Sete Gibernau, bis zu jener Schrecksekunde in der WM-Wertung gleichauf mit dem Weltmeister, leistete sich nach seinem Abflug in Rio gleich den zweiten Rennsturz hintereinander und war danach am Boden zerstört. »Ich weiß nicht, was passiert
ist”, zuckte der Spanier gedankenverloren mit den Achseln, während im Fahrer-
lager die zahlreichen weiteren Sturzopfer – von Carlos Checa über Loris Capirossi, Troy Bayliss, Marco Melandri bis hin zu Norick Abe – über den schmalen Grenzbereich der neuen 16,5-Zoll-Vorderreifen von Michelin diskutierten. »Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht, vielleicht war
etwas anderes im Spiel. Ich weiß nur, dass ich mich moralisch schon stärker gefühlt habe«, seufzte Gibernau, der in der WM-Wertung jetzt 13 Punkte zurückliegt.
Krisenstimmung herrschte allerdings auch bei seinem Paradegegner Valentino Rossi. »Vor der Saison dachte ich, wir
hätten bei den ersten Rennen Schwierigkeiten und würden dann den Anschluss packen. Doch das Gegenteil war der Fall: Wir sind grandios gestartet, kommen
jetzt aber nicht mehr hinterher. Honda ist zu stark geworden«, analysierte Rossi, der ab Rennmitte das Kommando zu führen schien, in den letzten acht Runden je-
doch mit verschlissenen Reifen auf Rang vier zurückfiel. »Die Yamaha beansprucht die Reifen auf dieser Strecke stärker
als die Honda. Doch das Problem liegt
tiefer: Yamaha muss erkennen, dass ich selbst mit größtem Risiko derzeit allenfalls
Podestplätze, aber keine Siege mehr ins Visier nehmen kann. Wir müssen dringend etwas tun«, forderte der Doktor.
Denn Honda besetzte wie in Rio er-
neut alle drei Podestplätze. Und während bei Makoto Tamadas Sieg in Brasilien
noch die Überlegenheit der Bridgestone-Reifen auf der Nelson-Piquet-Rennstrecke die Schlagzeilen bestimmte, sorgte nun
die Technologie des weltgrößten Motorradherstellers für Furore. Zum ersten Mal
seit den Vorsaisontests war es an den Fünfzylinder-Honda RC 211 V auch äußerlich zu deutlich sichtbaren Modifikationen gekommen.
So hatten Max Biaggi, Nicky Hayden und Sete Gibernau modifizierte Fahrwerke mit neuen Gabeln sowie einem veränder-
ten Schwingendrehpunkt zur Verfügung, die das lästige Chattering bei scharfer
Kurvenfahrt abstellen sollen. Noch plakativer war die neue Fünf-in-vier-Auspuffanlage von Alex Barros, bei der ein vergleichsweise geradlinig geführtes, am Endstück elegant abgeschrägtes Doppel-Endrohr das kurios verschlungene Einzel-Endrohr unter dem Sitzbankhöcker ersetzt. In Verbindung mit einer anderen Kurbelwelle,
anderen Nockenwellen und einer Big-Bang-Zündfolge sorgte das neue System für souveränen Durchzug vor allem im mittleren Drehzahlbereich, für den gewisse Einbußen im Topspeed in Kauf genommen wurden.
Der Brasilianer setzte sich damit glänzend in Szene und erreichte nach langer Aufholjagd mit nur drei Zehntelsekunden Rückstand als Zweiter das Ziel, wobei er den führenden Max Biaggi bereits hart
bedrängte. Der Römer hatte nach der Pole Position freilich den besten Start erwischt, das Rennen über weite Strecken dominiert und zeigte sich im Endspurt viel zu clever, um sich noch die Butter vom Brot nehmen zu lassen. »Das ist ein enorm wichtiger Sieg, der uns in eine spannende zweite Halbzeit dieser Saison katapultiert«, jubelte Max, dem konstantes Punktesammeln und der bis dato einzige Sieg des Jahres genügten, Sete als gefährlichsten Herausforderer Rossis in der Punktetabelle zu verdrängen.
Suguru Kanazawa, Präsident der
Honda Racing Corporation HRC, verfolgte
den Auftritt ebenfalls mit Genuss. »Unsere
Herausforderung stand schon vor Saisonbeginn fest: Um Valentino Rossi schlagen zu können, mussten wir ein Motorrad bauen, das gut genug war, um auch Piloten unterhalb von Rossis Extraklasse Siege zu ermöglichen. Das haben wir nun erreicht«, rieb er sich die Hände.
Neben Honda freute sich auch Kawasaki. Nach desaströsem Trainingsbeginn mit drei geplatzten Motoren bahnte sich ein Happy-End an, bei dem erstmals beide Fahrer die Top Ten erreichten. Alex Hofmann legte dabei »den besten Start des Jahres« hin und steckte selbst dann nicht den Kopf in den Sand, als er im Gerangel der ersten Runde auf Platz 17 zurückfiel. Er setzte zu einer kalkulierten Aufholjagd an, zählte gleichzeitig die Staubwolken der vielen gestürzten Konkurrenten und freute sich am Schluss über einen formidablen zehnten Platz.
Das war das Highlight unter den Abenteuern der deutschen Piloten, die sich sonst alle mit diskreten Resultaten abfinden mussten. Auch Lokalmatador Steve Jenkner ging der anvisierte erste Triumph des Jahres bei den 125ern vor den eigenen Fans durch die Lappen: Nach Platz drei im Training schnappte sich der Sachse zwar im ersten Renndrittel kurz die Führung, fiel dann jedoch nach einer harten Attacke von Pablo Nieto auf Rang neun zurück. Weil er beim Überholen während der anschließenden Aufholjagd die gelbe Flagge übersah, wurde er ebenso wie sein Teamkollege Marco Simoncelli durch die Boxengasse geschickt und am Ende Elfter.

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