Grand Prix Shanghai/CHN (Archivversion) Wetter-Fest

Im Regen von Shanghai zelebrierten die beiden wetterfesten MotoGP-Außenseiter Olivier Jacque und Jürgen van den Goorbergh eine überraschende Comeback-Party.

Eigentlich war die Rollenverteilung vor der MotoGP-Saison 2005 klar: Weltmeister Valentino Rossi würde auf der Yamaha YZR-M1 der Gejagte sein, Max
Biaggi auf der stärker eingeschätzten Werks-Honda RC 211 V der Mann, der ihn vom Thron stoßen soll, und Sete Gibernau, seit zwei Jahren Vizeweltmeister, der große Herausforderer – und vielleicht der lachende Dritte. Doch während Rossi beim ersten China-GP der Geschichte im dritten Rennen der Saison bereits den zweiten Sieg einfuhr und seine Position an der Spitze der WM-Tabelle festigte, dümpelt Biaggi mit knapp mehr als der halben Punktzahl an Position vier. Gibernau liegt gar noch hinter ihm und entwickelt sich zusehends zum tragischen Helden.
Eigentlich als Regenkönig verehrt, verpasste der Spanier im nassen Shanghai das Podest und wurde sogar von seinem jungen Teamkollegen Marco Melandri abgeledert. »Michelin hat mir den falschen Hinterreifen empfohlen. Schon in der Aufwärmrunde vibrierte er. Doch anders als sonst standen am Startplatz keine Alternativen zur Verfügung«, hob er anklagend den Zeigefinger. Rossi dagegen pflügte vom Start bis ins Ziel so sicher wie auf Schienen durch die Gischt, obwohl sein Hinterreifen arg mitgenommen wurde und nach Rennende fast kein Profil mehr
aufwies. Der Weltmeister demonstrierte
die Beherrschung seiner Yamaha mit vollendeter Perfektion – ganz anders als ein Jahr zuvor, als er im verregneten Spanien-Grand-Prix wegrutschte und seine Maschine nur mit viel Glück wieder einfangen konnte. »Dieser Regen-Sieg ist sehr wichtig für uns, denn bislang habe ich mit der M1 im Nassen noch nicht viel zustande gebracht. Gibernau und Barros unter diesen Bedingungen zu schlagen zählt doppelt«, meinte Rossi genüsslich.
Für die ersten vier Runden sah es so aus, als könne Kenny Roberts die Uhren aufs Jahr 2000 zurückstellen. In der ersten Runde übernahm er das Kommando und legte einen Rhythmus vor, den nur Rossi mitgehen konnte. »Ein Sieg wäre drin gewesen, mindestens Platz zwei – wenn mein Motorrad durchgehalten hätte«, meinte der Exweltmeister deprimiert. Denn in der fünften Runde ging der Motor seiner Suzuki ein, und statt einer kleinen Sensation schien sich MotoGP-Alltag einzustellen.
Dann aber kam Olivier Jacque. Für ihn hätte der China-Grand-Prix eigentlich nur zur Trainingsfahrt werden sollen – Kawasaki-Teamchef Harald Eckl hatte den
Franzosen als Vertreter für den verletzten Alex Hofmann angeheuert, um ein Rennen
später in Le Mans ein bisschen zusätzliches Publikumsinteresse auf sein Team zu lenken. Nach dem, was in Shanghai passierte, ist beim Frankreich-GP mit Massenhysterie zu rechnen. Jacque brauste vom elften Platz mit einer Kaltblütigkeit nach vorn, der sich auch vermeintliche Respektspersonen wie Max Biaggi und Sete Gibernau geschlagen geben mussten. Er hätte am Ende wohl auch noch
Valentino Rossi attackiert, wenn ihm nicht die Zeit ausgegangen wäre. »Drei Jahre lang bin ich bei den 500ern und in der
MotoGP-Klasse am Erfolg vorbeigefahren. Jetzt bei diesem Comeback sofort das
Podest zu belegen ist – magisch«, rang der 31-Jährige nach Worten, der im Jahr 2000 den 250er-Titel erbeutet hatte, danach
jedoch jeden Talentbeweis für die Königsklasse schuldig geblieben war.
»Ich habe mich ständig gefragt, was das ,O auf meiner Boxentafel zu bedeuten hatte. Ein Chinese? An Olivier habe ich zuletzt gedacht«, schmunzelte Rossi nach dem Husarenstück des Kawasaki-Piloten, der seinen Gegnern auch noch wichtige Punkte weggenommen hat. »Wenn das nur eine Übungsfahrt war: Was soll aus uns
allen erst in Le Mans werden?« flachste er.
Das unglaubliche Resultat des verschmähten Helden, der 2004 lediglich
Gelegenheitseinsätze für das Moriwaki-Honda-Team bestritten hatte, stellte eine Großtat in den Schatten, die ebenfalls Schlagzeilen verdiente: Auch Jürgen van den Goorbergh, der sich kurzfristig von seinem Ducati-Supersport-Team getrennt und dann den Kontakt zu Konica-Minolta-Honda gesucht hatte, lief als Vertreter des verletzten Makoto Tamada zu großer Form auf. Nachdem er schon im strömenden Regen beim Warm-up am Vormittag lange geführt hatte, wurde der fliegende Holländer nach zwei Jahren Grand-Prix-Pause stolzer Sechster.

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