Grand Prix Tschechien in Brünn (Archivversion) Jailhouse Rock

Kettensträfling Valentino Rossi schlug in Brünn den heißesten Rhythmus an – und fuhr nach vier Rennen ohne Sieg endlich wieder wie entfesselt.

Der Kettensträfling mit der Nummer 1111-46 schuftete im Schweiße seines Angesichts. Nachdem er beim England-Grand-Prix durch ein Überholmanöver unter gelber Flagge vom rechten Pfad abgekommen war und seine Fans vier Rennen ohne Sieg hatte dar-ben lassen, wurde Valentino Rossi in Brünn mit einer Spitzhacke zum Steineklopfen verdonnert und schleppte dabei ein mächtiges Gewicht hinter sich her, das ihm die gestrenge Abordnung von Gerechtigkeitshütern aus seinem Heimatort Tavullia ans linke Bein gehängt hatte.Wenig später stand Rossi freilich auf dem Siegerpodest und zeigte sich als weltweit einziger Sträfling, der den Staub mit Champagner hinunterspülen durfte. Ausgiebig ließ er sich vom Zweitplatzierten Sete Gibernau nass spritzen und feierte damit nicht nur die geleistete Sühne, sondern auch den ersten Sieg nach seiner langen Durststrecke.Hatte er Loris Capirossis Überraschungscoup in Barcelona und den großen Auftritt von Regenkönig Sete Gibernau in Assen noch begeistert mitgefeiert, war ihm die Niederlage wegen zehn im Nachhinein verhängter Strafsekunden in England schon mehr an die Nieren gegangen. Sein eigener schwerer Fehler im Endspurt am Sachsenring, mit dem er Gibernau einen weiteren Sieg in die Hände spielte, wirkte danach wie ein Tiefschlag, von dem sich der MotoGP-Weltmeister nur mühsam wieder aufrappeln konnte. »Nach diesem Rennen habe ich drei Tage lang kein Wort geredet”, gestand Rossi. »Dieser Patzer war nur schwer zu verdauen. Die zwei Wochen Pause danach kamen im richtigen Moment. Ich bin ein bisschen durch London gestreunt. Dann habe ich mit Sete Gibernau in Ibiza die Nacht zum Tag gemacht. Wir hatten jede Menge Spaß und sprachen nicht eine Sekunde über Motorräder. Schließlich war ich noch drei Tage mit meiner Mama an der Adria.”Danach waren die Batterien des ausgelaugten Super-Champs wieder aufgeladen. Entschlossen, die nach der Serie von Misserfolgen hochgekochten Gerüchte um eine sportliche Krise schleunigst zu ersticken, griff Rossi schon im Training wie elektrisiert an und holte sich erstmals seit dem Barcelona-Grand-Prix wieder die Pole Position.Eigentlich war seine Kampagne ganz auf den in Brünn als unschlagbar geltenden Max Biaggi ausgerichtet, doch der siebenfache Tschechien-Sieger verstrickte sich in Abstimmungsproblemen. So erfolgreich die fahrwerkstechnische Nachrüstung seiner Camel-Honda gewesen war, so schwierig war es, die Maschine mit den für Brünn nachgekauften Motor-Evolutionsteilen zum Laufen zu bringen.Nach Platz drei im Training wartete im Rennen eine schmerzhafte Niederlage auf den Römer, der sich nach starkem Start bis zum fünften Schlussrang durch-reichen und dabei sogar von Carlos Checa auf der Fortuna-Yamaha überholen lassen musste. »Ein schreckliches Rennen – von Fahrspaß keine Rede«, klagte Biaggi. »Statt zu viel Motorbremse hatte das Motorrad zu wenig und wurde in den Kurven kein bisschen langsamer. Einmal wäre ich fast gestürzt, das Vorderrad war schon weggerutscht. Nur durch einen Ruck am Lenker fand es wie durch ein Wunder wieder Grip.«Statt des Kampfs gegen Biaggi lieferte sich Rossi das nächste Duell mit Sete Gibernau, bei dem alle beide durch ihre unermüdliche Angriffslust und eiserne Zähigkeit überraschten. Auf der schnellen Brünn-Piste gehen die Kurven so flüssig ineinander über, dass allzu herzhafte Angriffe in einem Eck fast unausweichlich in die falsche Fahrspur in der nächsten Kurve münden. Entsprechend oft wechselten sich die Stars an der Spitze ab. Rossi fiel einmal sogar bis an die vierte Stelle zurück, schwenkte wenig später aber bereits an die Spitze, ohne Verfolger Gibernau je abhängen zu können. Eingangs der letzten Runde lag der Spanier vorn, machte dann seinerseits einen kleinen Fehler und öffnete Rossi die entscheidende Lücke. Nach der letzten Schikane, auf dem Weg zum Zielstrich, lauerte Gibernau freilich schon wieder im Windschatten und verpasste den Sieg nur um 42 Tausendstelsekunden. Nach dem Herzschlagfinale lagen sich die Helden in den Armen. »Wenn das ein Valentino Rossi in der Krise ist, möchte ich keinen in Bestform erleben«, grinste Sete. »Wir haben uns am absoluten Limit duelliert und dabei jede Menge Fehler gemacht, was normal ist, wenn man mit dem Messer zwischen den Zähnen fährt. Für Rossi war es wichtig, den Kritikern davonzufahren. Dieser Sieg war Balsam für sein Ego, eine entscheidende Demonstration von seinem Führungsanspruch. Was mich betrifft: Heute war ich Zweiter, doch das Rennen war so toll, dass auch ich mich als Sieger fühle!«Rossi gab die Komplimente zurück. »Sete hat gelernt, die Honda zu 100 Prozent auszuquetschen. Er ist sehr gut bei den Drifts. Ganz ehrlich: Ich hätte nicht gedacht, dass er in der Lage ist, so schnell zu fahren«, zollte er seinem Freund und Gegner Respekt. »Für mich war es der schönste Sieg, seit ich in der MotoGP-Klasse antrete. In Barcelona und Deutschland habe ich verloren, weil ich zu viel an die Reifen und an die Taktik dachte. Heute dachte ich nur an eines: ans Gewinnen!« Als sei die Show der beiden Honda-Stars nicht schon spannend genug, sorgte Ducati für das Sahnehäubchen. Troy Bayliss führte die ersten zehn von 22 Runden und hielt auch danach als Dritter mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit den Anschluss nach vorn – im Ziel fehlte ihm nur eine gute halbe Sekunde auf den Sieger. »Ich habe mich wohl gefühlt an der Spitze und musste nie übers Limit gehen, um vorne zu bleiben. Das Einzige, was mir fehlte, war ein Quäntchen mehr Selbstvertrauen, das Wissen, bis zum Schluss vorne bleiben zu können«, kommentierte der Australier zufrieden.In der zweiten Rennhälfte erhielt Bayliss Gesellschaft von seinem Teamkollegen Loris Capirossi, der sich in der Anfangsphase zur Schonung seiner Reifen zurückgehalten hatte, im Endspurt jedoch zuschlagen wollte. Der kleine Italiener war schon Dritter, als seine Ducati plötzlich ohne Zündfunken stehen blieb. Dem italienischen Werk blieb die Genugtuung, alle anderen Honda-Heraus-forderer abgebürstet zu haben. Carlos Checa verlor als schnellster Yamaha-Pilot knapp fünf Sekunden auf Bayliss, die schnellste Aprilia mit Colin Edwards erreichte Rang zwölf, die beste Kawasaki mit Andrew Pitt im Sattel Rang 16.Das Etappenziel, Suzuki zu schlagen, hat Kawasaki dabei schon erreicht: John Hopkins kam hinter Pitt als 17., Kenny Roberts hinter Alex Hofmann als 20. ins Ziel. Dank eines verbesserten Motors lag Kawasakis großer Star Garry McCoy die meiste Zeit vor Pitt an 16. Stelle, fiel aber am Ende mit ruckelndem Motor auf Rang 18 zurück – und tuckerte mit den letzten Benzintropfen ins Ziel.

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