Grand Prix USA in Laguna Seca (Archivversion) Manche mögen«s heiß

Bei im MotoGP-Zirkus noch nie da gewesener Hitze holte WM-Tabellenführer und Honda-Werksfahrer Nicky Hayden auf der kalifornischen Strecke in Laguna Seca seinen zweiten Heimsieg in Folge.

Chris Vermeulen brannte die schnellste Trainingsrunde in den heißen Asphalt von Laguna Seca, stürmte beim Start des US-Grand-Prix allen Siegfavoriten davon und hatte im Nu 50 Meter Vorsprung. Bis zu Rennmitte hielt der Außenseiter auf
seiner blauen Suzuki eine Meute von Honda-Piloten souverän unter Kontrolle. Dann überholte Nicky Hayden, und wenig später musste der junge Australier den Traum von seinem ersten MotoGP-Sieg oder zumindest seinem ersten Podestplatz begraben.
Wegen der Gluthitze von 39 Grad im Schatten und 60 Grad auf dem Asphalt
begannen Blasen im Kraftstoffsystem zu blubbern, die Suzuki fing zu husten an. Am Ende kam Vermeulen gerade noch als Fünfter über die Linie – unmittelbar vor seinem Teamkollegen John Hopkins, dessen Benzinpumpe ebenfalls verrückt gespielt hatte. »Zwölf Runden vor Schluss begann das Motorrad auszusetzen. Vor allem am Kurveneingang ruckelte die Maschine, und das machte das Fahren so schwierig. Es wurde immer schlimmer, ich rettete mich gerade so ins Ziel – drei Kurven später blieb die Kiste endgültig stehen«, berichtete Vermeulen enttäuscht.
Unverhofft kommt oft im Grand-Prix-Rennsport, und ein anderer, der davon ein Lied singen konnte, war Valentino Rossi. Nach dem Triumph auf dem Sachsenring eine Woche zuvor hatte sich der Weltmeister geschworen, die Aufholjagd in der WM mit aller Kraft und allen Mitteln fortzusetzen, vor allem aber Nicky Hayden mit einem Sieg vor dessen eigenem Publi-
kum den entscheidenden psychologischen Schlag zu versetzen.
Dass sich Rossi nur als Zehnter qualifizieren konnte, war nicht weiter beunruhigend. In der Startaufstellung beim Deutschland-Grand-Prix stand er gar noch einen Platz weiter hinten, und dort wie hier setzten Techniker, Fans und der Superstar selbst darauf, es bis zum Rennen schon wieder irgendwie zu richten und in Laguna Seca ein Rezept gegen die gemeinen Bodenwellen zu finden, welche die Motorräder am Ausgang der berüchtigten Corkscrew-Kurve regelrecht zum Springen brachten.
Im Warm-up am Sonntagvormittag war Rossi bereits deutlich schneller, und im Rennen blies er zur erwarteten Jagd. Nicht ganz so stürmisch wie auf dem Sachsenring, sondern mit vorsichtig kalkuliertem Risiko, Platz sechs zu Rennmitte, Vierter im letzten Renndrittel. In einen weiteren Sieg hätte er das Wochenende wohl nicht verwandelt, doch Rang drei war angesichts von Chris Vermeulens Pech allemal in Reichweite.
Dann aber kam alles ganz anders. Fünf Runden vor Schluss wurde Rossi plötzlich langsamer, schaute irritiert zu seinem Hinterreifen und ließ zunächst Melandri und Roberts passieren. Zwei Runden später drehte er das Gas endgültig zurück. Das vorzeitige Ende seines Rennens wurde kaum einen Kilometer später dadurch bestätigt, dass seine Yamaha unter Ausstoß einer mächtigen blauen Wolke ihr
Leben aushauchte – das Kühlsystem hatte kollabiert, das Motorrad war einen unrühmlichen Hitzetod gestorben. »Wir waren das ganze Wochenende über in einer schwierigen Situation, mit vielen Problemen und Rückschlägen, die sich heute
nur noch verschlimmerten. Wir haben das Motorrad im Warm-up stark verbessert,
ich war deutlich schneller und begann
mir Hoffnungen zu machen, das Ruder
im Rennen herumzureißen. Doch dann bekam ich ein Problem mit dem Hinterreifen, verlor sämtlichen Grip und musste das Tempo drosseln, um nicht zu stürzen.
Als der Motor wenig später überhitzte und
ich den Rauch aufsteigen sah, war mir
sofort klar ich: Jetzt ist das Spiel aus«, berichtete der Unglücksrabe.
Dass Rossi die Zielflagge womöglich ohnehin nicht gesehen hätte, nahm der
anschließenden Diskussion mit Michelin-Rennchef Nicolas Goubert nur wenig von ihrer Brisanz: Die linke Flanke des Hinterreifens an seiner Yamaha M1 war rund-
herum daumenbreit aufgerissen, ungefähr so, als sei er der spitzen Achse eines
römischen Streitwagens in »Ben Hur« zu nahe gekommen. Der hintere Pneu an der
Maschine des Teamkollegen Colin Edwards sah nicht viel besser aus. »Ab der zwanzigsten Runde begann das Hinterrad durchzudrehen, und es wurde von Runde zu Runde schlimmer. Ich erlebte einige Schreck-sekunden, schaute schließlich auf meinen Reifen und sah, wie schlimm es um ihn stand«, berichtete Edwards, der sich hinter Vermeulen als Zweiter qualifiziert hatte, am Ende aber mit Rang neun im Heimspiel ganz und gar nicht zufrieden war.
»Wie kann es sein, dass die Honda-
Piloten zum Rennende hin ihre schnells-
ten Runden drehen, zu einem Zeitpunkt,
bei dem Colin und mir die Gummistücke aus den Reifen davonfliegen?« stellte Rossi die drängendste Frage. Die Schuld für das Desaster, so die Stimmungslage in der Yamaha-Box, sei bei Michelin zu suchen. Die Franzosen schoben den Ball freilich schnell dorthin zurück, wo er hergekommen war. Bei den Plätzen eins bis vier
für Michelin und angesichts der Tatsache, dass alle Michelin-Piloten den gleichen harten Hinterreifen gewählt hatten, müsse man den Auslöser der Probleme wohl
doch eher im Set-up der Yamaha-Werksmaschinen suchen.
Tatsache ist, dass vor dem nächsten Rennen am 20. August in Brünn ein Haufen Arbeit auf die Yamaha-Ingenieure wartet. »Ferien? Wir haben kein Recht, in Ferien zu gehen«, knurrte Masao Furusawa, der Chef aller Yamaha-Rennaktivitäten. Nur Valen-tino Rossi beschloss, die Sommerpause
zu genießen. »Wir liegen 51 Punkte hinter Hayden, und das bei sechs ausstehenden Rennen. Ich gehe in den letzten Teil der Saison, ohne an den Druck der Weltmeisterschaft zu denken. Ich will bei den verbleibenden Rennen meinen Spaß haben, so viele wie möglich gewinnen, und wer weiß, was dann noch passiert«, fand Valen-tino Rossi diplomatische Worte für die schmerzliche Wahrheit, dass der Titelkampf nach allen Maßstäben der Vernunft eigentlich gelaufen ist.
Denn Nicky Hayden, der bei den elf Rennen bisher nur einmal das Podest verpasst und überall fleißig gepunktet hat, gab sich auch bei seinem Heimspiel keine Blöße. Als Sechster qualifiziert, zeigte er vom Start weg Angriffslust und rückte beim Einbiegen in die erste Kurve mit einem gekonnten Manöver auf den dritten Platz vor. In Runde neun huschte er im Corkscrew innen an Kenny Roberts vorbei auf Platz zwei, in Runde 17 nutzte er einen weiten Bogen von Vermeulen dazu, die Führung zu übernehmen. Den Rest des Rennens verwandelte Kentucky Kid Hayden in eine eindrucksvolle Demonstration von psychischer und physischer Stärke:
Er bewies, dass er den Sticheleien seiner Konkurrenten zum Trotz eben doch das Zeug zum Race-Leader und zum Sieger hat und steckte den enormen Erwartungsdruck weg, der auf ihm als Vorjahressieger sowie WM-Tabellenführer lastete. »Der Sieg fühlt sich noch besser an als letztes Jahr, sofern das möglich ist«, strahlte Hayden nach einer triumphalen Auslaufrunde mit stolz gehisstem Sternenbanner. »Dieser Sieg war ein großer Schritt in Richtung Weltmeisterschaft, auch wenn es bis dorthin noch ein langer Weg ist. Jetzt geht’s darum, gesund zu bleiben und auch bei den kommenden Grand Prix jeweils den Sieg ins Visier zu nehmen.«
Dass sich Hayden noch lange nicht
beruhigt zurücklehnen kann, liegt weniger an Valentino Rossi als an Haydens eigenem Teamkollegen Dani Pedrosa. Denn während ein anderer Grünschnabel, Casey Stoner, nach fulminantem Start aus dritter Position abstürzte, fiel Pedrosa zu Anfang zurück, feilte dann aber zäh am Vorsprung der Spitzengruppe und sicherte sich trotz eines Abstechers durch den Kies des Corkscrews am Ende den zweiten Platz.
So makellos das Eins-zwei-Resultat für das Repsol-Honda-Werksteam auch war, so eindeutig war der Warnschuss, der
Pedrosas Leistung für Hayden bedeutete: Der Junior hat in den letzten vier Rennen drei Podestplätze geholt und liegt in der WM-Wertung 34 Punkte hinter Hayden
auf Platz zwei – in diesem Zweikampf kann in den letzten sechs Rennen tatsächlich noch alles passieren.

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