Grand Prix Valencia/Spanien (Archivversion) Ruta del Sol

Vorspann

Zu gern hätte Sete Gibernau vor seinem eigenen Publikum aufgetrumpft und wenigstens das Saisonfinale in Valencia gewonnen. Doch der Vizeweltmeister, der sich in der Reifenwahl vertan hatte, tauchte nur kurz an zweiter Stelle auf,
wurde dann vom Hauptfeld aufgeschnupft
und endete schließlich auf Platz vier. Statt
Gibernau zeigte sich Valentino Rossi in Bestform. Der Weltmeister gewann, führte zur Abrundung nach dem Zieleinlauf ein mächtiges Burn-out vor und streifte sich später ein doppelsinniges T-Shirt mit der Aufschrift »Ciao, Ciao, Sete« (Sete bedeutet im Italienischen »Durst«) über.
Dass sich die 122000 Zuschauer die Freude nicht verderben ließen und statt
ihres Lokalmatadors nun eben mit dem Weltstar feierten, hat verschiedene Gründe. Zunächst war Gibernaus Niederlage angesichts der Leistungen anderer spanischer Helden fast schon nebensächlich. Hector Barberá hatte das 125er-Rennen gewonnen, sein Teamkollege Alvaro Bautista wurde Dritter. Ebenso überzeugend das Bild in der 250er-Klasse: Weltmeister Dani Pedrosa siegte, sein früherer Junior-Teamkollege Toni Elias kämpfte sich an
die zweite Stelle vor. Während Elias be-
reits 2005 auf eine Fortuna-Yamaha in
die MotoGP-Klasse umsteigt, absolvierte
Pedrosa am Montag nach dem Rennen im Hinblick auf 2006 die ersten Tests auf einer Honda RC 211 V. Das Reservoir an starkem spanischen Nachwuchs ist schier unerschöpflich, was nicht nur systematischer Talentsuche und sorgfältiger Aufbauarbeit zu verdanken ist, sondern auch mit den Aufstiegschancen zu tun hat: Motorradrennsport genießt in Spanien ein ähnlich hohes Ansehen wie die Fußballmeisterschaft. Wenn Aristokratie und Großindustrie in Jerez, Barcelona oder Valencia Fiesta feiern, hat das beinahe den Glanz eines Monaco-Wochenendes in der Formel 1.

Während Motorradrennfahrer in Deutschland immer noch mit Imageproblemen kämpfen, sind sie in Spanien salonfähig. Dorna-Direktor Carmelo Ezpeleta hat es hervorragend verstanden, den Grand-Prix-Sport im eigenen Land mit den namhaftesten Sponsoren, einer großen Auswahl moderner Strecken sowie einer clever strukturierten Nachwuchsarbeit zu verankern. Jetzt will er nach Spanien die ganze Welt erobern, will das bis dato spanische Unternehmen MotoGP globalisieren und präsentiert das Fahrerlager mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein, als Glitzerparkett, auf dem sich auch die größten internationalen Stars und Unternehmen wohlfühlen.
Bestes Beispiel ist die Partnerschaft mit BMW, Sponsor der offiziellen MotoGP-Fahrzeugflotte und Veranstalter des Boxer-Cups, der nächstes Jahr als Power-Cup weitergeführt wird. Neben den Partys und
Preisverleihungen zum Saisonabschluss im Fahrerlager nutzte man den Valen-
cia-Grand-Prix zu einem Brückenschlag
mit dem prestigeträchtigen Oracle-BMW-
Regatta-Team, das im Hafen von Valencia vor Anker liegt (siehe Seite 141).
Ähnlich gefragt sind Prominente. Bei den Startaufstellungen der MotoGP-Klasse tummeln sich regelmäßig Stars und Sternchen, nach Olympiasiegerin Cathy Freeman in Australien wurden in Valencia beispielsweise das Topmodell Esther Cañadas sowie Tennisstar Juan Carlos Ferrero gesichtet. Bislang größter Coup war die Tatsache, dass sich der holländische Fußball-Weltstar Clarence Seedorf als Teambesitzer in den GP-Sport eingekauft hat. Doch es geht noch besser: In Valencia ließ sich kein Geringerer als Basketball-Superstar Michael Jordan blicken. Am Samstag trat er, eskortiert von Sete Gibernau, Colin Edwards und den Brüdern Kenny und Kurtis Roberts auf ihren jeweiligen Maschinen, zu einer Probefahrt auf der für solche Zwecke gebauten Ducati Desmosedici Biposto an. Mit seinen 198 Zentimetern Körpergröße hoch über die Verkleidung aufragend, hatte er dann so viel Spaß, dass er für vier Runden auf der Strecke blieb. Wenig später saß Jordan als Passagier von Valentino Rossi in einem 507 PS starken BMW M5.

Gibernau kommentierte anschließend, Jordan habe gar nicht
so zaghaft am Gas gedreht und
auf der Geraden mindestens Tempo 280
erreicht. »Mein erstes Motorrad war ein
kleines Honda-Minibike, das mein Bruder und ich unseren Eltern abgebettelt hatten«, erinnert sich Jordan. »Als ich zwölf war, sind wir umgekippt, schürften uns Arme und Beine auf und hatten Angst vor den
Eltern, weil die gedroht hatten, uns das
Motorrad wegzunehmen, wenn wir uns verletzen würden. Deshalb zogen wir lange Hemden an. Leider ging das Blut durch den Stoff...« Eine Woche später war das Motorrad verschwunden, doch Jordans Passion für zwei Räder ist bis heute geblieben. Nach drei BMW-Maschinen wollte er wie damals als Kind wieder Wheelies üben und Vollgas geben, weshalb er sich zusätzlich noch eine Ducati 998 besorgte.

Inzwischen hat Jordan sein eigenes »Jumpan23.com«-Rennteam in der US- Meisterschaft. Jetzt keimt bei der Ver-
marktungsagentur Dorna die Hoffnung,
Jordan werde sich eines Tages in der
MotoGP-Serie einkaufen. »Ich bin nur hier, um mir alles anzuschauen«, wehrte er ab. Doch immerhin, der Anfang ist gemacht, und das Fahrerlager hatte ein Show, die, was das Gedränge an Fernsehteams und Foto-Paparazzi anging, sogar jene von
Valentino Rossi in den Schatten stellte.
Klar, dass die Stars auf dieser Weltbühne dabeibleiben wollen, selbst wenn es in verschiedenen Superbike-Serien ähnlich gut, womöglich sogar besser bezahlte Jobs gäbe. So einigte sich John Hopkins trotz harten Tauziehens um die Gage mit Suzuki und bleibt Teamkollege von Kenny Roberts junior. Offiziell bekannt gegeben wurde auch die Vertragsverlängerung von Repsol-Honda-Pilot Nicky Hayden, der somit 2005 mit Max Biaggi im gleichen Team fährt. Für Biaggi springt bei Camel Honda Alex Barros in die Bresche. Zweiter Mann wird höchstwahrscheinlich Troy Bayliss, der von Ducati gefeuert wurde und sich dort mit dem besten Rennen des Jahres, einem dritten Platz, verabschiedete. Als Teamkollege von Sete Gibernau im Honda-Gresini-Team ist Marco Melandri vorgesehen, dafür wechselt Colin Edwards als
Kollege von Rossi zu Gauloises-Yamaha. Ganz neu besetzt wird das französische Tech 3-Yamaha-Team. Für Melandri rückt Toni Elias nach, zweiter Mann soll Randy de Puniet werden oder Ruben Xaus.
Bei Aprilia kommt wahrscheinlich das Aus. Eine endgültige Entscheidung sei zwar noch nicht gefallen, erklärt Aprilia-Sportdirektor Jan Witteveen. Doch Auflösungserscheinungen sind deutlich erkennbar. Dafür geht es bei Ducati mit Vollgas
weiter. Carlos Checa wurde als neuer
Teamkollege von Loris Capirossi bestätigt,
womöglich treten die Italiener gar mit
Bridgestone-Reifen an. Fest steht mitt-
lerweile außerdem, dass Alex Hofmann
Teamkollege von Shinya Nakano bleiben wird, ungeachtet aller Überlegungen von Kawasaki-Teamchef Harald Eckl, ihn zum Testfahrer zu degradieren. »Doch Eckl muss ihn fahren lassen, er kann den Alex nicht mal ausbezahlen. Unser Vertrag ist wasserdicht«, freut sich Hofmanns Manager Dieter Theis. Dennoch, bescheidene Zukunftsaussichten im Vergleich zu Spaniens Nachwuchstalenten.

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