Grandprix: Indianapolis/USA (Archivversion) Hurrikan Hayden

Nicky Hayden blies beim Indianapolis-Grand-Prix zum perfekten Sturm – und entschädigte über 90000 Fans, die die Schlechtwetterfront von Hurrikan Ike gut gelaunt ignorierten.

Die Erde bebt mit abgrundtiefem Grollen. Dann bricht der Sandsturm los, aufgewirbelt von 20 Spezialmotorrädern, die über 750-cm3-V2-Motoren, aber keine Vorderradbremse verfügen. Halsbrecherische Drifts mit einem stahlbewehrten linken Stiefel sind die wirksamste Methode, das Tempo zu kontrollieren. Deswegen zählen amerikanische Flat-Track-Rennen auf dem großen Meilenoval zu den spektakulärsten Sportarten, die es gibt, und zu den Metaphern für den archaischen Kampf zwischen Mensch und Ungeheuer, wie der Stierkampf in Spanien.

Auch Nicky Hayden ist da, trotz Fersenbruchs, und auf Krücken winkt er ins grölende Publikum. Denn diese Rennen haben ihn groß gemacht. Und dies ist seine Heimat, auch wenn Owensboro, Kentucky, ein paar Stunden weiter südlich liegt.

Aus Anlass des ersten Indy-GP für Motorräder war ein italienisches Hochglanzmagazin auf die Schnapsidee verfallen, einen 45 Jahre alten Fiat 500 mit einem Anhänger auszurüsten und Valentino Rossis Yamaha M1 von New York City nach Indianapolis zu ziehen. So verrückt war der Plan am Ende gar nicht: Wahr-scheinlich versteht nur der, der die 1150 dazwischen liegenden Meilen auf Highways entlanggerollt ist, was das Besondere ist an Haydens Heimat, mit ihren kleinen Roadside-Restaurants, in denen herzhafte Cowboy-Steaks gebraten werden, mit ihren Harley-Fahrern, die an warmen Tagen ohne Helmpflicht durch ­die Sonne gondeln, mit den Jazz- und Blues-Musikern, die die Lokale bevölkern, mit ihrer Atmosphäre, in der die Zeit vor ein paar Jahrzehnten stehengeblieben zu sein scheint.

Das gilt auch für den Indianapolis Motor Speedway selbst. Fast ehrfürchtig sprechen die Amerikaner von der Tradition und der Geschichte ihrer berühmtesten Rennstrecke, von den 500 Meilen, bei denen Jahr für Jahr 400000 Zuschauer die ausverkauften Tribünen besetzen. Und doch ist die Atmosphäre dort wie beim Flat Track, nur dass das Oval gigantische Ausmaße hat und vollständig asphaltiert ist. Fast vollständig: Ein kleiner, ein Meter breiter Streifen auf der Ziellinie zeigt bis heute das Kopfsteinpflaster des alten "Brick yard", der erst nach einer Serie haarsträubender Unfälle mit einem modernen Belag versehen wurde.

Schon die erste Veranstaltung in Indianapolis vor 99 Jahren war ein Motorradrennen, das wegen starken Regens unterbrochen und am Montag fortgesetzt werden musste. Jetzt fügten sich die Fans abermals in ihr Schicksal. Bevor die Rennleitung das MotoGP-Rennen wegen des immer heftiger werdenden Regensturms stoppte und den 250er-Lauf sogar ganz abgesagte – ein Yamaha-Zelt im Zuschauerbereich wurde weggeweht, den Fahrern trieb es Bier­dosen und Plastikmüll vor die Räder –, erlebten sie einen entfesselten Nicky Hayden, der dem überlegenen Valentino Rossi 13 Runden erbitterten Widerstand leistete und einen zweiten Platz feierte, was angesichts seiner Fersenverletzung einem Sieg gleichkam.

Wenn die Fans im nächsten Jahr zurückkommen, wird vieles anders sein, nicht nur das Wetter. Nach dem Rennen wurde Haydens Wechsel zu Ducati offiziell bekannt gegeben, wobei der stets freundliche Amerikaner zunächst auf die angenehmen Erinnerungen mit Honda, sein erstes Jahr mit Valentino Rossi als Teamkollege und seinen Weltmeistertitel 2006 zu sprechen kam.

Jetzt rückt der schmächtige Andrea Dovizioso für Hayden nach. Die Versuche von Honda USA, wie seinerzeit Hayden nun Ben Spies ins Repsol-Honda-Team zu hebeln, scheiterten, und weil Suzuki mittlerweile mit Loris Capirossi und Chris Vermeulen verlängerte, wird Spies seine offizielle GP-Karriere trotz seines tollen sechsten Platzes beim Indy-GP wohl verschieben. An einem Honda-Satellitenteam hat er kein Interesse, auch aus finanziellen Gründen: Der 24-Jährige verdiente in der US-Superbike-Meisterschaft zuletzt drei Millionen Dollar pro Jahr und will keine Abstriche machen.

Dafür geht das Stühlerücken bei den anderen Werksteams weiter. Der bei Ducati grandios gescheiterte Marco Melandri wechselt zu Kawasaki, wo Anthony West entlassen wird. KTM-250er-Fahrer Mika Kallio und der Italiener Niccoló Canepa bilden das neue Pramac-Ducati-Team, bei dem Sylvain Guintoli gefeuert wird, während Toni Elias Hals über Kopf bei Gresini-Honda als Teamkollege von Alex de Angelis unterschrieb.

Die größte Veränderung aber bahnt sich im Reifenkrieg an. Michelin zieht derzeit alle Register, um den durch Dani Pedrosas Flucht zu Bridgestone angerichteten Imageschaden wieder gut­zumachen, und erzielte in Indianapolis eine positive Bilanz: Zwei Podestplätze und ein mit Platz acht abgestrafter Deserteur Pedrosa waren die richtige Medizin, um das verloren gegangene Vertrauen der Michelin-Piloten wieder herzustellen. "Wir geben 200 Prozent", erklärt Renndienstchef Jean-Philippe Weber, der die katastrophalen Fehlleistungen in Laguna Seca (zu harte Mischungen) und in Brünn (zu wenig Vorderradgrip) mit einem Sonderprogramm an Tests ausbügeln will. "2009 sollen diese beiden Rennen für unsere Fahrer nicht mehr sein als ein alter, längst vergessener Alptraum", beschreibt Weber sein Entwicklungsziel.

Allerdings muss es das Jahr 2009 für Michelin im MotoGP-Sport erst einmal geben. Denn Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta nutzt die derzeitige Schieflage im Kräftegleichgewicht von Michelin und Bridgestone, um ein Thema aufzuwärmen, das schon vor einem Jahr heiß diskutiert wurde: den Einheitsreifen nach dem Vorbild der Superbike-WM und der Formel 1. "Wir müssen die Kurvenge­schwindigkeiten eindämmen, etwas, was im Wettrüsten zwischen den beiden Reifenfirmen nie passieren wird", führt Ezpeleta Gründe der Fahrersicherheit an und will den Einheitsreifen anders als im Vorjahr, als er nur damit gedroht hatte, diesmal unbedingt durchpeitschen.

Es geht mithin um nichts anderes als die Show. Einheitsreifen und eine Reihe von Restriktionen bei der Fahrzeugelektronik sollen das MotoGP-Feld künftig enger zusammenrücken, den Fahrstil spektakulärer und die Rennen wieder spannender machen. Welche Reifenfirma am Ende den Zuschlag erhält, ist noch offen – um den Auftrag bewerben werden sich beide.

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