GrandPrix: Rossis Comeback in Shanghai/China (Archivversion) Endlich geschafft

Unmissverständlich die Körpersprache, riesengroß die Erleichterung: Beim ersten Triumph nach sieben sieglosen Rennen wirkte Valentino Rossi in Shanghai, als sei ihm nicht nur ein Stein, sondern die ganze chinesische Mauer vom Herzen gefallen. Das von Kritikern schon heraufbeschworene Ende der Ära Rossi ist definitiv vertagt.

Valentino Rossi streichelte und küsste seine Yamaha, machte die Ehrenrunde ohne Helm zu einer langen Genussfahrt und setzte sich den Kopfschutz erst für zwei standesgemäße Wheelies vor der Einfahrt in die Boxengasse wieder auf. Auch vom Bad in der Menge konnte Rossi nicht genug bekommen, herzte Mechaniker und Funktionäre, Teamgäste und Fotografen und reckte auf dem Podest wieder, wieder und immer wieder seine Trophäe in die Luft.

Denn der Sieg in China, der erste seit dem Portugal-Grand-Prix im September 2007, war mehr als ein Comeback nach einer langen Durststrecke. Es war eine Auferstehung. Die Niederlagen zum Saisonbeginn hatten Rossi nach dem selbst erzwungenen Wechsel von Michelin- zu Bridgestone-Reifen zum Gespött vieler Kritiker gemacht, düstere Auguren argwöhnten gar das Ende einer Ära. „Rossis Erfolg beweist vor allem eins: dass man nie jemanden voreilig beerdigen sollte“, brachte es sein Teamkollege Jorge Lorenzo auf den Punkt.

Mit ihrer 1,2 Kilometer langen Gegengeraden war die Shanghai-Strecke bislang prädestiniert dafür, die Qualität der Ducati zum Tragen zu bringen, die Casey Stoner im Vorjahr zum WM-Titel katapultiert hatten. Überlegener Topspeed und schiere, uneinholbare Spitzenleistung hieß die Formel, nach der Stoner seine Konkurrenten in Grund und Boden gefahren hatte. Auch dieses Mal war die Höchstgeschwindigkeit des Australiers wieder schwindelerregend: 343 km/h erreichte seine Desmosedici mit dem Rückenwind am Renntag.

Doch, und das ist das Novum der neuen MotoGP-Saison, Valentino Rossis Yamaha war nicht viel langsamer. Während er im letzten Jahr noch um bis zu 15 km/h hinterherhinkte, war sein Rückstand von 2,8 km/h diesmal kaum der Rede wert. Künftig muss sich Ducati die Vorteile woanders suchen als bei der Leistung, die Konkurrenz hat gleichgezogen. Ein bisschen Pech bei der Reifenwahl – Stoner ließ wegen des Regens am Vormittag und der kaum abgetrockneten Strecke fürs Rennen eine zu weiche Mischung aufziehen –, und schon wurde er zum klaren Verlierer, der auf seinem einsamen dritten Platz satte 16 Sekunden auf den Sieger einbüßte.

Vier verschiedene Sieger in den ersten vier Rennen des Jahres, das gab es in dieser Klasse noch nie – seit dem China-Grand-Prix reden sich die Fans die Köpfe darüber heiß, wer denn nun wirklich die besten Chancen hat. Stoner bleibt einer der Top-Kandidaten, zumal Ducati die Fahrbarkeitsprobleme der letzten Rennen allmählich in den Griff bekommt und selbst der bislang hoffnungslose Stoner-Teamkollege Marco Melandri mit Platz fünf einen Lichtblick erlebte. Sehr gut stehen die Wetten freilich auch für Dani Pedrosa, der den Rückenwind auf der langen Geraden von China unterschätzt und zu kurz übersetzt hatte, seine Maschine immer wieder in den roten Bereich drehte und die Verfolgung von Rossi am Schluss aufgab, um nicht noch einen Motorschaden zu riskieren. Pedrosa war bislang in jedem Rennen auf dem Podest, obwohl er noch ein alte Motorengeneration mit Feder-Ventilen verwendet.

Freilich zieht jetzt, wo er sich mit den neuen Reifen angefreundet und die richtige Basisabstimmung gefunden hat, auch Rossi alle Register und will seinen jungen Rivalen beweisen, wer der Chef im Hause ist. Rossis größter Nachteil ist nicht sein Yamaha-Bridgestone-Paket, sondern die Tatsache, dass seine Markengefährten auf Yamaha mit Michelin ihm immer dort Punkte wegnehmen, wo die französischen Pneus besser funktionieren.

Da kommt Jorge Lorenzo ins Spiel, der mit seinem Sieg in Portugal viel früher in die Weltelite eingefallen war, als es die Yamaha-Manager geplant hatten. In China sorgte der verwegene Spanier indes mit einer ganz anderen Aktion für Aufsehen: Im ersten Training am Freitag baute Lorenzo einen Highsider, wie ihn die Welt des Motorradsports seit Jahren nicht gesehen hatte.

Lorenzo erwischte es nicht beim Gasgeben am Kurvenausgang, sondern bei einem schnellen Richtungswechsel von der schier endlosen ersten Rechtskurve der Shanghai-Rennstrecke zu einer Linkskurve mit starkem Gefälle. Das Vorderrad der Fiat-Yamaha hob eine Handbreit ab, und als es wieder Bodenkontakt bekam, wurde Lorenzo hoch in die Luft katapultiert. Ob sich die Energie des Vorderrads, so Rossi, beim Fahrbahnkontakt auf verhängnisvolle Weise ins Hinterrad übertrug, ob, wie Casey Stoner vermutete, die immer schlimmer werdenden Bodenwellen der Shanghai-Piste eine Rolle spielten oder ob Lorenzo an diesem Punkt zu früh und zu viel Gas gegeben hatte, wird nie zu klären sein, weil die Datarecording-Box bei dem Unfall zu Bruch ging. Einigkeit herrschte nur darüber, dass die Traktionskontrolle, fürs Gasgeben in Schräglage entwickelt, in dieser Situation wenig half und dass sich Lorenzo in Zukunft wohl hüten wird, seine MotoGP-Rakete so respektlos wie noch 2007 seine 250er von einem Eck ins andere zu pfeffern.

Was genau passiert war, war am Ende auch egal. Denn gemessen daran, dass Lorenzo drei Meter hoch durch die Luft segelte, dabei einen Salto schlug und am Ende hart mit den Knien und Füßen voraus im Asphalt einschlug, kam er ausgesprochen glimpflich davon. „Mir ist die Jungfrau erschienen“, stöhnte er auf spanisch. Auf deutsch hätte er von seinem Schutzengel gesprochen. Es blieb bei einem aufgeschürften Knie und einem heftig geprellten Knöchel auf der linken Seite sowie einer kleineren Fraktur im rechten Knöchel, an einer Stelle, die er sich schon vor ein paar Jahren gebrochen hatte. „Er wird fahren können, wenn auch unter Tränen. Aber wir wissen ja, zu welch übermenschlichen Leistungen unsere Helden fähig sind,“ sagte Rennarzt Dr. Claudio Costa dramatisch.

Mit zwei demolierten Beinen und einem rechten Unterarm, den er nach dem Por-tugal-Grand-Prix hatte operieren lassen, um das unter Rennfahrern berüchtigte Karpaltunnelsyndrom zu beseitigen, blieb Lorenzo nur noch eine gesunde Extremität, nämlich die linke Hand, die man zum Motorradfahren am wenigsten braucht. Lorenzo konnte nicht gehen, hatte starke Schmerzen in beiden Knöcheln, im Genick und im rechten Arm.

Dennoch drehte er im Qualifikationstraining derart auf, dass ihm die Jungfrau ein zweites Mal erschien. Dreimal war Lorenzo in akuter Sturzgefahr, bei einem Rutscher in der Zielkurve schwebte er abermals hoch über dem Motorrad, landete jedoch – vielleicht als göttliches Geschenk zum 21. Geburtstag – treffsicher wieder im Sattel. Und gab unverdrossen weiter Gas, bis er den vierten Startplatz sichergestellt hatte.

Weil nur die schnellsten drei Fahrer eine Sonderbehandlung bekommen und vor die Fernsehkameras müssen, blieb ihm der Parc fermé mit seinen anstrengenden Interviews erspart – sein Mechaniker Juan Llansá hob Lorenzo im Dunkel der Box stattdessen mit starken Armen vom Motorrad und setzte ihn behutsam in einen Rollstuhl. „Mit Heroismus hat das alles nichts zu tun, wir Rennfahrer sind aus keinem anderen Holz geschnitzt als der Rest der Menschheit. Das Hirn befiehlt, der Körper tut’s“, wehrte er später gelassen ab.

Tags darauf im Rennen sah’s dann so aus, als würden Lorenzos Kräfte am Ende doch zur Neige gehen. Vor der Aufwärmrunde würgte er sein Motorrad ab, wäre fast vom Renndirektor des Startplatzes verwiesen worden, wurde gerade noch rechtzeitig wieder angeschoben. Nach dem Start zunächst Fünfter, fiel er schnell auf den neunten Rang zurück.

Doch dann rappelte er sich, allen Pessimisten zum Trotz, zu einem weiteren Sturmlauf auf, den er mit einem unglaublichen vierten Platz beendete. „Die Strecke war stellenweise feucht, und bei diesen Bedingungen war ich schon immer zu vorsichtig“, erklärte er seine anfängliche Zurückhaltung. „Dann habe ich meinen Rhythmus gefunden und mehr MotoGP-Piloten überholt als je zuvor. Das war eine tolle Erfahrung, ebenso wie die vielen Slides“, berichtete er begeistert. „Zum Glück waren meine Schmerzen heute nicht ganz so stark wie im Qualifikationstraining – doch dafür musste ich sie sehr viel länger ertragen.“

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