Gustav Reiner gestorben Geliebter Chaot

Foto: Schwab
+++ FILM-NACHTRAG: alter SDR-Bericht über Gustav Reiner am Ende des Artikels. +++
Eine der schillerndsten Figuren des deutschen Motorrad-Straßenrennsports ist nicht mehr – am 24. November 2007 starb Gustav Reiner in seiner Heimatstadt Bietigheim-Bissingen an Herzversagen. "Kamikaze-Gustl", wie ihn seine Fans bewundernd, seine Gegner auf der Rennstrecke ob seines – freundlich umschrieben – kompromisslosen Fahrstils eher verächtlich nannten, wurde 54 Jahre alt. Während seiner besten Zeit zählte der Schwabe zur deutschen Rennsport-Elite, die damals überwiegend aus Süddeutschland stammte. Fahrer wie Ex-Weltmeister Toni Mang, Martin Wimmer, die Waibel-Brüder Gerhard und Alfred, Manfred Herweh sowie der trotz seiner schweren Verletzung durch einen Rennunfall unverändert populäre Reinhold Roth waren seine Nachbarn im Fahrerlager. 1979, 1986 und 1987 gewann Gustav Reiner die Deusche Meisterschaft der 500-cm³-Klasse. Sein bestes Ergebnis in der Motorrad-Straßen-WM erreichte er 1981 beim tschechischen 350-cm³-Grand-Prix als Dritter hinter dem späteren Weltmeister Mang und dem Franzosen Jean-Francois Baldé. Es sollte sein einziger Podestplatz bei einem Weltmeisterschaftslauf bleiben. Als Privatfahrer mit sehr begrenzten Mitteln war er bis 1988 in der 500-cm³-WM unterwegs, erreichte sein bestes Ergebnis in dieser Klasse mit Rang sechs beim Spanien-GP 1984 und holte seine letzen WM-Punkte 1988 als Elfter in Österreich.

Gustav Reiner war ein Draufgänger, weniger freundliche Zeitgenossen bevorzugten die Bezeichnung "Chaot" – und deshalb liebten ihn die Fans. Kein durchtrainierter Musterathlet, wie er heute ins Bild enes Spitzensportlers passen würde. Sondern der gelernte Betonbauer, der seine Fitness eher harter körperlicher Arbeit als ausgeklügelten Physio-Trainings verdankte. Da konnte das Rennen noch so wichtig sein – eine deftige schwäbische Mahlzeit, garniert mit reichlich Bier, gehörte zum Standardprogramm. Wie seine derben, selbst die damals reichlich lockeren Fahrerlager-Anstandsregeln sprengenden Späße. Da wurden viele Augen zugedrückt. Weil Gustav Reiner bei allem immer ein bewundernswerter Held blieb – und Mensch.
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Foto: Brandstätter
Zum "Kamikaze-Gustl" mutierte er, sobald auf dem Rennplatz das Startzeichen gegeben wurde. "Wenn er am Start die Füße vom Boden hebt, verliert er die Erdung", raunte es durchs Fahrerlager. Tatsächlich war es möglich, mit Reiner noch wenige Minuten vor einem Rennen völlig vernünftige Gespräche über die Wettkampfstrategie zu führen. Doch mit dem ersten Greifen der Kupplung wurden derartige Überlegungen schlagartig gelöscht, ein Programm aus den tiefsten Tiefen des Bewusstseins gestartet – Alles oder Nichts. Das war gefährlich, nicht nur für Reiner, sondern auch für seine Konkurrenten. Als er bei einem DM-Lauf in Augsburg versuchte, nach mäßigem Start und bei zweifelhaften Streckenverhältnissen in der ersten Runde das gesamte Feld zu überholen und es dabei am Ende der Gegengeraden beinahe komplett abgeräumt hätte, war das Maß voll. Die deutsche Motorsport-Obrigkeit sah sich gezwungen, seine Lizenz zu sperren – der Anfang vom Ende der Reiner-Karriere.
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Foto: MOTORRAD-Archiv
Schon damals war Gustav Reiner gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe, zu viele Stürze hatte sein Körper wegstecken müssen. Dass er immer wieder aufstand und weiter machte, beeindruckte die Fans, nicht seine Physis. In Holland hatte er sich den Titel "Bademeister von Assen" eingefangen, nachdem er im Grand-Prix-Training in einen der dort vorhandenen Wassergräben abgetaucht war. In Italien, geht die Sage, wurde er auch berühmt, weil er einen Sturz in der letzten Kurve vor dem Ziel fabrizierte und bis heute nicht ganz klar ist, ob Mann oder Maschine beim überqueren der Ziellinie gewertet wurden. Sie kamen jedenfalls nicht gleichzeitig an.

Zuletzt hat Reiner als LKW-Fahrer gearbeitet, bis er vor etwa fünf Jahren wegen starker Hüftschmerzen nicht mehr auf den Bock klettern konnte. Die Berufsgenossenschaft, bei der er versichert war, hatte seine Blessuren als Folgen von Berufserkrankungen eines Rennfahrers anerkannt und Rente bezahlt. Nicht viel, aber das juckte Reiner nicht. Weil es für seine recht moderaten Ansprüche reichte, und weil er sein Leben schon immer so genommen hatte, wie es kam. Wie die – vermutlich unvernünftige – Scheidung von seiner Frau Jeanette. Den gemeinsamen Sohn Steve, inzwischen 17 Jahre alt, traf er noch hin und wieder. Wie die immer stärker werdenden Schmerzen, die ihn dazu brachten, sich ein künstliches Hüftgelenk einsetzen zu lassen. Die Operation war nicht erfolgreich, die Wunde wollte nicht heilen. Die Aussichtslosigkeit seiner Lage, der Gedanke, nicht einmal mehr seinem bescheidenen, aber geregelten Tagesablauf nachgehen zu können, waren zuviel – Gustav Reiner verließ das Krankenhaus auf eigene Verantwortung.

"Das Leben muss schön sein, nicht lang", hatte er im MOTORRAD-Interview 1985 seinen südafrikanischen Rennfahrer- und Party-Kumpel Jon Ekerold zitiert. Deshalb dürfte die Annahme legitim sein, dass "Kamikaze-Gustl" ohne Groll von dieser Welt gegangen ist. Mit Motorrädern hatte er sowie nichts mehr am Hut, selbst einen Ausflug mit Kumpels zum Stuttgarter Motorradtreffpunkt "Solitude", wo er sicher erkannt worden wäre, lehnte er kategorisch ab. Fall sich trotzdem ein paar Fans persönlich von ihm verabschieden wollen (Beerdigung am Dienstag, 4. Dezember, 12 Uhr, auf dem St.-Peter-Friedhof in Bietigheim-Bissingen), wird ihm das auf Wolke sieben sicher ein leicht spöttisches Grinsen und ein "Prost Mahlzeit" entlocken.

Ein Hinweis von MOTORRAD-Leser Rudi G. zum Bild mit der Startaufstellung in der Mitte des Artikels: "Das Bild zeigt den Start der Klasse 500 Kubik am 27. September 1981 in Schwanenstadt. Die Fahrer und ihre Startnummern: #10 Michael Schmid (A), # 3 Patrik Fernandez (F), #18 Jürgen Schnaller (A), # 7 Tony Head (GB), nicht im Bild der Trainingsschnellste Jack Middelburg (N). Da die WM-Saison damals nur bis August lief, waren bei den herbstlichen Interrennen immer tolle Leute am Start. So konnten sich die nationalen Größen mal so richtig messen."

1982: Der Süddeutsche Rundfunk (SDR) sendet ein Kurzportrait von Gustav Reiner und übers seinen Doppelstart beim Deutschen Meisterschaftslauf in Speyer und die Pechsträhne des Vorjahres.

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