Hallen-Enduro München (Archivversion) Früh-Climber

Nach den Motocrossern und Trialern hat es nun auch die Enduro-Cracks erwischt: Eine Winterpause gibt’s nicht mehr. Enduro in der Halle ist angesagt. Bereits im Dezember klettern die Offroad-Profis nun in einer brandneu geschaffenen Weltcup-Serie unterm Dach. Unter anderem in der Münchener Olympiahalle.

David Knight reißt mit fein dosiertem Gasstoß das Vorderrad steil nach oben, dreht seine KTM im Stand – mit dem kurveninneren Bein als Widerlager – auf dem Hinterrad um 180 Grad, lässt die Front wieder nach unten knallen. Nach wenigen Augenblicken geht’s weiter. Die mit quer liegenden Baumstämmen und feuchten Steinen regelrecht verbarrikadierte Zielkurve ist abgehakt, die strauchelnde Konkurrenz vom zweifachen Weltmeister wieder einmal deklassiert – und jeder hat’s gesehen. Für Enduro-Piloten eine ganz neue Erfahrung. Denn in dieser Disziplin ist man gewohnt, unter sich zu sein. Macht sich keinen Kopf ­darüber, wenn die Startflagge schon morgens um sieben fällt und der Weg zu den spektakulärsten Stellen von den ­Fans erst stundenlang erwandert wer­den muss. War schließlich schon immer so. Trotzdem strahlten die Helden der stollenbereiften Fortbewegung im Fahrerlager in der Münchener Olympiahalle um die Wette, weil sie diesen Applaus und das anerkennende Raunen der 6000 Fans auf den Rängen spüren durften.

Dabei konnten sich die Zuschauer unter dem Begriff Indoor-Enduro bislang nur wenig vorstellen. Kaum jemand hatte etwas von der Premiere vor sieben Jahren in Barcelona gehört oder von den aktuellen Nachfolge-Veranstaltungen in Genua, Mailand oder Las Vegas und schon gar nicht von diesem neu geschaffenen Indoor-Enduro-Weltcup, in dem München nach dem Auftakt in Barcelona und vor dem Finale in Genua die Halbzeit darstellte. Auch deshalb herrschte in Bayerns Metropole Pioniergeist. Nicht zuletzt beim Veranstalter GEvents selbst, der das Indoor-Enduro quasi als Endspurt eines dreitägigen Offroad-Happenings mit Supercross, Supermoto und Freestyle, dem sogenannten Supercrossover inszenierte. Mit dem Nebeneffekt, dass für den Bau der Piste nicht wie üblich mehrere Tage, sondern gerade mal neun Stunden zur Verfügung standen – die Zeitspanne zwischen dem letzten Programmpunkt auf der Supercross-Piste am Samstagabend und dem Trainings­beginn der Enduro-Cracks am Sonntagmorgen. Doch der 25000 Euro teure Kraftakt gelang. Just in time komprimierten Felsengärten, Baumstamm-Überfahrten, Sandpassagen und sogar eine Wasserdurchfahrt die tragenden Elemente einer Enduro-Veranstaltung auf 400 Meter Länge.

Und die Vorführungen auf diesem Terrain begeisterten. Ob auf der schmierigen Ausfahrt aus dem Wasserbecken, den höllisch glatten Baumstammlagern oder jener verzwickten aus Stammholz und Felsbrocken kombinierten Zielkurve, der Geist des Endurosports wehte über jedem einzelnen Meter dieser Strecke, degradierte den Enduro-untypischen Massenstart zum gemeinsamen Auftakt des Kampfs jedes Einzelnen gegen die Elemente. »Beim Indoor-Enduro fährst du nicht gegen die Kollegen, du fährst gegen die Strecke«, bringt es David Knight auf den Punkt. Der 29-Jährige von der Isle of Man, der übrigens in Ballaugh, nur 800 Meter entfernt von der durch die TT-­Rennen berühmt gewordenen Ballaugh-Bridge wohnt, muss es wissen. Schließlich gilt der gebürtige Manxman als der Enduro-Star schlechthin. Mit seinen WM-Titeln, der US-Cross-Country-Meisterschaft, Siegen in fast allen Extrem-Enduros dieser Welt und letztlich auch seiner Dominanz in den Hallen macht sich das Universalgenie diese Disziplin Untertan.

Was er in München erneut eindrücklich unter Beweis stellte. Einer unaufhaltbaren Dampfwalze gleich wuchtete der gelernte Kfz-Mechaniker seine KTM mit einer gelungenen Mixtur aus präzisem Fahrstil und purer Körperkraft eindrucksvoll über den Parcours, holte sich mit Triumphen in zwei der drei Finalläufe lässig den Gesamtsieg vor dem Polen ­Tadeusz Blazusiak und WM-Titelkollege Mika Ahola aus Finnland.

Wobei seine imposante Physis den Hünen vor dem Schicksal der meisten Konkurrenten bewahrte – der der völli­gen körperlichen Erschöpfung. Denn ohne eine Sekunde der Erholung saugt dieser pausenlose Kampf gegen die von Menschenhand geschaffenen Widerwärtigkeiten trotz gerade mal sechs Minuten kurzer Rennen die Energie wie ein Vakuum aus den Körpern der Profi-Offroader. Wenn die Unterarme verkrampfen, der Puls am Maximum pocht und die Bewegungen hakeln, dann wird Enduro zum Kampf gegen sich selbst.

Markus Kehr kennt das. Der 24-Jährige aus Flöha bei Chemnitz gibt als ­fünffacher Deutscher Meister und WM-Achter für diesen Sport bereits im Freien alles. Und nun auch in der Halle. »Obwohl du schnaufst wie verrückt, immer am Limit fährst, kannst du gar nicht anders, als durchziehen. Der Applaus trägt dich einfach weiter«, zieht der Sportsoldat mit glänzenden Augen ein euphorisches Resümee seiner Indoor-Premiere. Kann er auch. Sichtlich hochmotiviert mischte der Sachse den allergrößten Teil der internationalen Stollen-Elite auf, stellte seine Zweitakt-KTM auf Platz vier und sich selbst damit ins Rampenlicht.

Dort steht BMW derzeit prinzipiell. Denn das noch junge Engagement der Bayern im Endurosport wird von der Szene genauso begeistert gefeiert wie kritisch beäugt. Schließlich steht fest: Mitte des Jahres wird die technisch unorthodoxe G 450 X als erste wettbewerbs­taugliche Einzylinder-Maschine von BMW bei den Händlern stehen. Deshalb soll nach einem durchwachsenen Beginn in der abgelaufenen Saison das Image nun gleich an drei Fronten poliert werden. In der WM setzen die Bajuwaren auf den schwedischen Enduro-Grandseigneur Anders Eriksson und den Belgier Jean-François Goblet, der Finne Simo Kirssi wird gemeinsam mit dem Newcomer Bert Meyer in der deutschen und ameri­kanischen Cross-Country-Meisterschaft antreten, und in den populären ExtremEnduros sollen die beiden Deutschen Gerhard Forster sowie Andi Lettenbichler die weiß-blaue Flagge hissen.

Ausgerechnet in der Münchener Olympia­halle wollte das nicht so recht gelingen. Lettenbichler – zweifacher Deutscher Trialmeister, aber letztlich nur mit rudimentärer Enduro-Wettbewerbs-Erfahrung – schaffte zwar den Sprung in die Finalrunde, zollte dort jedoch mit Platz zehn von elf Gestarteten den besagten körperlichen Anforderun­gen unübersehbar Tribut.

Diese Scharte beim Heimspiel wird er mit höchster Wahrscheinlichkeit in zwölf Monaten an selber Stelle wieder auswetzen können. Schließlich soll der Weltcup auf mindestens fünf Veranstaltungen ­ausgeweitet werden. Dass das HallenMeeting in München mit von der Partie sein wird, dürfte nach der gelungenen Initialzündung außer Zweifel stehen. Denn nicht nur »Letti« wird wohl nach einer Saison in der Einsamkeit des Unterholzes gern die Begeisterung über diesen Sport in den Stadien eintauschen.

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