Hallen-Supermoto München (Archivversion) Neujahrsspringen

Je nach Standpunkt das erste oder das letzte Indoor-Supermoto der Saison: SupercrossOver in der Olympiahalle ist für die Supermoto-Cracks die letzte Gelegenheit, um die Bilanz des alten Jahres aufzupolieren oder die neue Saison gleich standesgemäß zu beginnen.

Die Hand umfasst die imaginäre Fernbedienung einer Modellrennbahn. Der Blick gebannt, der Daumen zuckt. Schieber nach unten, voller Druck, als die Motorräder auf die Radrennbahn einbiegen. Mit 100 km/h oder mehr. Wirkt vielleicht schneller, als es wirklich ist. Egal. Aufpassen. Blitzartig spuckt die 50 Grad steile Kurve die Cracks wieder auf die
Ebene aus. Loslassen, aber um Gottes Willen nicht zu schnell. Denn die spiegelglatte Anbremszone auf dem Holzboden verträgt kaum Verzögerung, lässt die Bikes an der Grenze der Kontrollierbarkeit
in Richtung Lehmboden schlittern. Endlich finden die Profile der Regenrennreifen Grip, drücken sich wie eine Spielform in Knet. Wieder drückt der Daumen den Schieber durch, lässt die bunten Zweiräder nach vorn schnellen. Ganz kurz nur, bis zur nächsten Linkskurve. Danach stören zwei Sprungkombinationen den flüssigen Rhythmus, kicken die Maschinen bösartig nach oben. Der Daumen zuckt unschlüssig. Erst nach dem vierten Hügel kommt erneut Spaß auf. Im letzten Rechtsknick zunächst sachte, dann voll ans Gas, pardon an
den Drücker, hinaus auf die Radrennbahn. Geschafft, in 20 Sekunden. Nicht schlecht. Wer bei diesem Tempo während der 15 Runden nicht aus der Bahn fliegt, gewinnt.
Spielen in Echtzeit? Nein, Indoor-
Racing. Supermoto, um genauer zu sein. Von den Zuschauerrängen aus wirkt das wie eine Mischung aus Playmobil-Rallye und Modellbahn-Rennen. Bunt, übersichtlich, blitzschnell und spannend. Aus der Perspektive der Piloten ist es Rennsport in seiner komprimiertesten Form. Hochkonzentriert, angespannt, atemlos und extrem. Permanent im Rampenlicht, im Kontakt mit dem Publikum, das über jeden Fahrfehler spottet, jeden Triumph frenetisch feiert.
All das zusammen reizt Fans und
Fahrer. Schon beim ersten so genannten SupercrossOver Ende 2003 in der Olympiahalle in München. Supercross mit Free-
style plus Zuschlag als Konzept. Freitag Supermoto, Samstag Quads, Sonntag Rallyeautos. Eine Idee, die bei der Supermoto-Fraktion ankommt.
Und die Stars und Sternchen dieser Disziplin für den einzigen Auftritt unterm Hallendach hier zu Lande nach Bayern lockt. Wie etwa Jürgen Künzel. Der 30-jährige Schwabe gehört zu den unumstrittenen Chefs der Szene. Einer, der sich in der Bugwelle dieser Sportart bewegt. Erster Profi in Deutschland, der Erste, der sich vor zwei Jahren in das Abenteuer einer neu geschaffenen Weltmeisterschaft stürzte und in dieser Saison einer der europäischen Pioniere in der blutjungen amerikanischen Supermoto-Meisterschaft (siehe MOTORRAD 1/2005). In seinem Schlepptau eine ganze Armada orangefarbener
Teamkollegen, unter anderem der aktuelle amerikanische Vize-Champion Micky Dymond. Der mit 39 Lenzen, kalifornischem Teint und langer Mähne unübersehbar
die Forever-young-Lebenseinstellung vertritt. Dymond hat sich nicht nur privat als Fahrer den Querlenkern verschrieben, sondern auch im Hauptberuf. Der ehemalige 125er-US-Motocross-Meister stellt mittlerweile mobile Sprungkombinationen aus Metall für Supermoto-Veranstalter her.
Oder Eddy Seel. Vor drei Jahren hatte der Belgier sein einjähriges Gastspiel in der Deutschen Meisterschaft unrühmlich beendet. Trotz intakter Titelchancen pfiff
er auf den Start beim DM-Finale auf der Münchner Messe Intermot, trat stattdessen beim zeitgleich stattfindenden französischen WM-Lauf an – und überließ damit besagtem Herrn Künzel seinen ersten Meistertitel. Doch die Zeit – und wohl auch der WM-Titel im vergangenen Jahr – heilt manche Wunden. Beim SupercrossOver rollte der Husqvarna-Werkspilot jedenfalls wieder unter der Flagge des deutschen Husky-Importeurs Zupin Moto-Sport ans Startgatter. Bei seinem Auftritt in der Olympiahalle verpasste Seel nach einigen Stürzen jedoch den Einzug ins Finale.
Doch nicht nur der Wallone brachte Farbe ins Geschehen. Denn die Beschränkung auf 450 cm3 Hubraum machte das üblicherweise im dominierenden KTM-Orange leuchtende Starterfeld sichtbar bunter als sonst. Ex-Trial-Champion Horst Hoffmann bugsierte eine spanische Gas Gas ums Oval, die Schweizer Abordnung um Ex-Meister Dani Müller startete wie
üblich auf wunderschön vorbereiteten Yamahas. Die motorradsportlichen Urgesteine Harald Ott und Jochen Jasinski vertraten Husaberg, der smarte Tscheche
Petr Vorlicek chauffiert seit neuestem eine
Honda um die Pisten, und Suzuki-Attaché Dirk Spaniol setzte im engen Geschlängel sogar auf die handliche RM-Z 250.
Was zumindest Kurt Nicoll nicht im
geringsten beeindruckte. Der Brite – in den achtziger und neunziger Jahren mit fünf Motocross-Vize-WM-Titeln einer der bes-
ten Offroad-Piloten – schaffte nach seiner Cross-Karriere als Sportchef bei KTM nicht nur beruflich einen brillanten Anschluss. Der kühle Engländer fühlt sich im sportlichen Ruhestand offensichtlich mehr denn je von allen weiteren Offroad-Disziplinen angezogen. Für den immerhin 40-Jähri-
gen gilt das Motto: Der Chef fährt selbst. Vor allem Supermoto hat’s dem Sport-Boss angetan. Wo er erfolgreich am Gasgriff dreht und des Öfteren gewinnt. Im vergangenen Jahr holte sich Nicoll den Sieg bei der Premiere des Münchener Indoor-Supermoto, erst im November gewann er – gewissermaßen auf Stippvisite beim amerikanischen KTM-Supermoto-Team – die US-Meisterschaft. Und beim zweiten Aufschlag in München ließ Mister Nicoll ebenfalls nichts anbrennen, stellte die hausinterne Hierarchie auch auf der Strecke klar und fädelte sich auf dem Weg zum Sieg gekonnt auf der Innenspur an Kollege Künzel vorbei. Jochen Jasinski auf Rang drei hatte ebenfalls Grund, sich
zurückzuhalten. Husaberg gehört seit neun Jahren zu KTM.

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