Hofmann, Alexander: Interview (Archivversion)

Neben Marco Melandri, der sich in Assen noch mit Genickschmerzen und einem blauen Auge durchs Rennen kämpfte, in Donington Park aber schon wieder toll aufdrehte und den dritten Platz erbeutete, zählte vor allem das Ducati-Team zu den Opfern des Startunfalls von Barcelona. Loris Capirossi erlitt heftige Brustkorbprellungen, konnte in Assen nur sehr flach und unter Schmerzen atmen und musste sich gewaltig zusammenreißen, um überhaupt antreten und einen mageren WM-Punkt retten zu können.
Sete Gibernau fiel wegen seines Schlüsselbeinbruchs ganz aus und wurde zur Begeisterung der deutschen MotoGP-Fans nicht durch Testfahrer Vittoriano Guareschi, sondern durch Alex Hofmann ersetzt. In Assen wurde Hofmann noch dazu aufgefordert, Capirossi im Zweifelsfall vorbeizulassen. In England war eine
solche Rücksichtnahme nicht mehr nötig, weil der Italiener fast schon wieder am Gas drehte wie zu seinen besten Zeiten und Platz fünf im Training Rang neun im Rennen folgen ließ.
Da konnte Hofmann, als Zwölfter in Assen noch vor Capirossi im Ziel, nicht mehr mithalten und musste
mit einem 13. Platz zufrieden sein. Gemessen an den hohen Erwartungen für die von vielen Beobachtern
zur »Stunde der Wahrheit« hochstilisierten Bewährungsprobe war die Ausbeute mager, angesichts der Schwierigkeiten aller anderen Bridgestone-Piloten war Hofmanns Leistung trotzdem achtbar. »Er ist nicht Valentino Rossi, doch er arbeitet professionell und hat bewiesen, dass er in dieses Feld gehört. Es wäre nicht fair, über ihn ausgerechnet nach diesen beiden schwierigen Rennen ein Urteil zu fällen. Sei gut zu ihm«, mahnte Ducati-Teammanager Livio Suppo den MOTORRAD-Interviewer.
Alex, seit dem Assen-Grand-Prix bist du Marlboro-Ducati-Werksfahrer. Wie kam das zustande?
Schon vor diesem schlimmen Start-
unfall in Barcelona, bei dem Sete Gibernau mit Schlüsselbeinbruch ausfiel, gab es zwischen Ducati und meinem Team-
chef Luis d’Antin Gespräche darüber, wer denn im Falle eines Falles einmal einspringen könne. Der Grundgedanke war, dass es wenig Sinn macht, wenn Ducati auf die eigenen Testfahrer zurückgreift, weil die nicht im Rennrhythmus sind.
Umgekehrt war es interessant zu sehen,
was ich auf einer Ducati mit Bridgestone-
Reifen erreichen würde. Tja, und schon war ich in Rot.
Hatte bei dieser Entscheidung auch der Chef der GP-Promotion-Agentur Dorna,
Carmelo Ezpeleta, die Hand im Spiel?
Wenn man mit Ducati arbeitet und ein B-Team wie D’Antin-Pramac existiert, dann ist das eine Sache, die auf der Hand liegt, ohne dass man groß darüber nachdenken müsste. Man hat es ja im letzten Jahr gesehen: Ich glaube, der
japanische Testfahrer Shinichi Itoh fuhr mal ein, zwei Rennen als Ersatz im Werks-
team. Und sie waren nicht zufrieden mit den Ergebnissen.
Wie gesagt, so schlägst du halt zwei Fliegen mit einer Klappe, gibst dem
Alex die Chance und hast gleichzeitig die Möglichkeit, auf einen rennerfahrenen MotoGP-Piloten zurückzugreifen.
Gleichzeitig sucht Deutschland den Superstar, und vor allem sucht die Dorna einen deutschen Erfolgspiloten, mit dem sie dereinst wieder einen großen deutschen Fernsehsender anlocken kann.
Natürlich. Das hilft in einer solchen Situation gewiss auch. Wir wissen: Wie in allen Ländern kannst du den Sport nur vermarkten, wenn du einen Hero hast.
Die Leute brauchen ihren Helden, sonst ist der Sport nicht interessant. Wie’s in der Formel 1 mit Michael Schumacher passiert ist über die letzten zehn Jahre. Und aus deutscher Sicht besteht im MotoGP definitiv Aufholbedarf.
Waren die Rennen in Assen und
Donington Park die Stunde der Wahrheit, was
die Zukunftsperspektiven angeht?
So schnell lässt sich nicht über Wohl und Wehe entscheiden. Ich muss allerdings durchaus gestehen, dass ich
mir die ganze Umstellung einfacher vorgestellt habe. Ich kannte das Motorrad, bin aber auf zwei Strecken gekommen, wo es Ducati generell nicht leicht hat.
Ducati selbst sagt: Das waren die zwei Rennstrecken, die du dir eigentlich nicht hättest aussuchen sollen. Trotzdem war Assen ein gutes Rennen, bis auf den
Start und anfangs die Rücksichtnahme auf meinen verletzten Teamkollegen Loris
Capirossi, der ja im Kampf um die WM-Spitze jeden Punkt braucht, gerade wenn er nicht komplett fit ist. Ansonsten wäre ein Top-Ten-Platz möglich gewesen. Fürs erste Mal auf dem Motorrad war ich echt
zufrieden. Auch bei Ducati wurde mein Rennen positiv aufgenommen.
Du hast in Assen Capirossi in Runde sieben überholt und warst am Schluss 30 Sekunden vor ihm im Ziel. Wie passt das zu der Team-
order, ihm im Zweifelsfall zu helfen?
Loris ist im Warm-up relativ gute Zeiten gefahren. Doch keiner wusste, wie er das Rennen physisch überstehen würde. Da mein Start schlecht war und sei-
ner einigermaßen gut, war er direkt hinter
mir, und ich habe ihn vorbeigelassen. Drei, vier, fünf Runden später sah ich, dass er körperlich nicht konnte. Er war zu angeschlagen. In Runde sieben, nachdem Loris einmal geradeaus musste, als Valentino Rossi von hinten kam, habe ich dann mein Renntempo aufgenommen. Es wäre gut gewesen für Platz neun – doch ich kam eben viel zu spät. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich auf die Gruppe vor mir sieben, acht Sekunden verloren. Ich konnte den Rückstand zwar noch
auf eineinhalb Sekunden reduzieren, aber nicht mehr attackieren.
Wie zufrieden kann man sein mit einem theoretischen neunten Platz?
Man muss realistisch sein. Selbst Sete, der nun schon mal Vizeweltmeister war und sicher kein schlechter Fahrer ist, hat in diesem Jahr im Durchschnitt nur den siebten Platz zustande gebracht. Man sieht, dass auch er seine Problemchen und seine liebe Mühe hat. Der Einzige, der das rote Monster permanent und überall zähmen kann, ist Loris Capirossi. Er hat das Motorrad mit entwickelt, er sitzt seit drei Jahren drauf und ist nie eine andere MotoGP-Maschine gefahren. Alle außer ihm tun sich schwer mit dieser Maschine. Es ist kein Sorglos-Paket hier im Ducati-Marlboro-Team.
Die Reifen-Performance war letzten Endes nicht entscheidend?
Aus Bridgestone-Sicht hatte der zweitplatzierte Shinya Nakano in Assen das beste Los gezogen. Er war der ein-
zige Fahrer, der konstant seine Zeiten fahren konnte. John Hopkins, der aus der Pole Position startete, ist auf Rang sieben zurückgefallen und fuhr ab Mitte des Rennens kaum schneller als ich.
Beim England-Grand-Prix wurden die Sorgen noch größer: Platz 15 im Training, Rang 13 im Rennen...
So gut, wie das Assen-Qualifying mit der wenigen Vorbereitung gelungen ist, so schlecht ist es in Donington ge-
laufen. Der erste Qualifyer konnte von der Performance nicht überzeugen, ich war langsamer als mit dem Rennreifen. Der zweite war sehr, sehr weich und hat nicht einmal die ganze Runde überstanden. Dann hatten wir noch eine dritte Option. Der Reifen war besser, und das war auch die einzige Runde, wo ich mich verbessert habe. Im Rennen hatte ich die gleichen Probleme wie all die anderen Bridge-
stone-Fahrer auch: zu viel Reifenabrieb. John Hopkins kam als bester Bridge-
stone-Pilot auf Rang acht ins Ziel, ich
22 Sekunden hinter ihm, alle anderen Bridgestone-Fahrer lagen zwischen uns. Loris Capirossi hatte einen weicheren Reifen drauf und sorgte in der Anfangsphase mit einigen schnellen Runden für Furore, fuhr aber ab Runde zwölf, 13 oder 14 identische Rundenzeiten wie ich – halt auch identisch langsam. Die Ducati-Leute haben mir danach nochmals bestätigt, dass ich mir leider die zwei schwierigsten Rennen des Jahres ausgesucht habe. Der einzige Lichtblick war mein vierter Platz im nassen Warm-up am Sonntagvor-
mittag – da konnte ich zeigen, dass ich durchaus vorne mitfahren kann, wenn ich mich auf dem Motorrad wohl fühle.
Es zählen ja noch mehr Dinge als Rundenzeiten, beispielsweise die reibungslose Zusammenarbeit im Team. Genügt das Erreichte insgesamt, um dich für einen Platz nächstes Jahr zu qualifizieren?
Nach zwei Rennen zu sagen, das war’s jetzt nicht, wäre nicht fair. Das hätten ja genauso die zwei Rennen Malaysia und Japan sein können, wo das Paket Ducati-Bridgestone fast von alleine rumrollt. Da war Loris die letzten zwei Jahre top, und auch Carlos Checa stand auf dem Podium. Da hätte es gleich ganz anders ausgesehen, und jeder hätte gesagt: Ah, guck mal, so geht das.
Es gibt nun mal nur ein Sorglos-Paket hier im MotoGP-Fahrerlager, das auf allen Strecken perfekt funktioniert und auf dem fast alle Talente wirklich gute Leistungen bringen können.
Du meinst Honda...
Jeder, der ein bisschen Überblick im Grand-Prix-Sport hat, weiß ja, wann wo wer immer schnell war...
Gab es in diesen zwei Rennen Momente, in denen du an dir selbst gezweifelt hast?
Nein. Ich weiß, dass ich gut Motor-
rad fahren kann. Das Problem ist, dies in diesen vier Stunden an der Rennstrecke auf Anhieb abzurufen, in einem neuen Umfeld, mit unbekannten Faktoren und unerwarteten Tücken. Das ist gewiss alles schwieriger, als es aussieht.

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